Ich hab noch einen Koffer in Belgrad...

Vienna11, Samstag, 11.04.2015, 18:26 (vor 3986 Tagen) @ DT6106 Views

Ich hatte im Rahmen meines Studiums 2013 und 2014 die Gelegenheit, diese auf ihre sehr eigene Weise schöne Stadt zu besuchen und möchte zu deinem Bericht ein wenig ergänzen.

In der Stadt wird der öffentliche Nahverkehr noch groß geschrieben, alle
paar Minuten fahren die alten Oberleitungs-Busse wie früher in der DDR
oder wie ganz früher auch noch in Weststädten, und auch die
Straßenbahnen sind noch vom Typ Ostberlin 1975.

Der Nahverkehr ist wirklich spannend, denn trotz Tatra-Straßenbahnen aus tschechischer Produktion und gebrauchten Zügen aus Basel besitzen die Belgrader Verkehrsbetriebe 30 moderne Niederflurbahnen der spanischen Firma CAF. Diese Fahrzeuge wurden quasi als Tageszulassung gekauft, weil der ursprüngliche Abnehmer (ich glaube Saragossa) vom Vertrag zurücktrat, sagte jedenfalls der Betriebsleiter.
Es gibt zwar noch Papierfahrscheine, aber die sind Träger eines elektronischen Chips, den man bei Fahrtantritt an einem Terminal im Fahrzeug validiert. Da schauen Betriebe aus Deutschland doch recht neidisch drauf.

Zum Thema Chinesen und Araber... Belgrad hat im Prinzip eine aus EU-Sicht strategisch wichtige Funktion, denn die Stadt ist ein Scharnier zwischen europäischem Kernland und Südosteuropa. Die Europäische Investmentbank (EIB) hängt bei vielen Projekten (Straßenbau, Nahverkehrs-Modernisierung, Universitäten) mit viel Kohle drin (man verzeihe mir diesen fossilen Ausdruck).

Das von den Saudis finanzierte Großprojekt "Belgrade Waterfront" http://www.belgradewaterfront.com/en/ ist in der Stadt eine große Kontroverse. Aber ebenso die Straßenbrücke westlich von Belgrad wird einfach nur "Chinesen-Brücke" genannt, weil sogar die Arbeiter aus dem Gelben Reich kamen. Das ist aus serbischer Sicht ein großes Problem. Jetzt steht beispielsweise die Grundinstandsetzung der Bahnstrecke von Belgrad nach Budapest an, dort sitzen auch die Chinesen mit am Tisch und drücken ihr Knowhow und ihre Arbeiter rein.
Diese Großprojekte wären für Serbien eigenständig nicht zu stemmen, dazu fehlen schlicht die finanziellen Mittel und so diktieren tlw. Investoren und Immobilienentwickler die Stadtentwicklung in Belgrad.

Nochwas zur Bildung, Serbien hatte recht früh den Bologna-Prozess seinen Universitäten aufoktroyiert - das wird nun wieder rückgängig gemacht und man willl bspw. an der Universität Belgrad wieder Diplomstudiengänge anbieten [[top]]

Wer die Gelegenheit dazu hat und nur kleines Geld ausgeben möchte, aber
dabei eine verborgene Schönheit und einen Geheimtipp kennen lernen
möchte, dem sei Belgrad ans Herz gelegt.

Wer sich traut, dem möchte ich noch eine Örtlichkeit für einen schönen Abend an der Save-Einmündung zur Donau (unter der ehemaligen Burg) empfehlen: "Betonhalla" Dort findet man viele Lokale, Bars und Clubs, die in einer alten Lagerhalle am Hafen entstanden sind.

LG, Vienna11


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