"Irre Träume" (mT)

melethron, phase space, Mittwoch, 18.03.2015, 11:01 (vor 3953 Tagen) @ CalBaer4893 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 18.03.2015, 19:00

Hey CalBaer

Naja, ich sehe das anders. Die Realloehne in den Industriestaaten sinken
doch bereits. Ausgeglichen wird das durch Konsum auf Pump.


Du bist dir im Klaren darüber, was das impliziert. Es wird nichts ausgeglichen, es wird hier allenfalls kurzfristig kompensiert. Wie soll ein auf Pump finanzierter Konsum denn was "ausgleichen"? Das zogert das Unvermeidliche nur hinaus.

Zudem hat
Technologie immer einen Grenznutzen und dass ein "3D-Drucker den Klempner
ersetzt", das ist schon ein irrer Traum.

Bleib doch nicht bei diesem Einzelfallbeispiel. Der 3D-Drucker wird sicher ein paar Klempner ersetzen, aber Klempner sind nicht die Masse der arbeitenden Bevölkerung. Mit derartigen Einzelfällen zu argumentieren und dass dann Gesamtgesellschaft zu übertragen, ist ein seeeehr dünnes Argument.

Was den 3D Druck angeht, darfst du auch nicht so sehr auf den Heimbereich schauen. Bis es hier zu gravierenden Änderungen kommt, dauert das eine Zeit. Im Artikel war hier auch allgemein vom Handwerker die Rede und das betrifft hier eher den Werkzeugmacher, Maschinenbauer und andere Handwerke, wo in der Produktion keine Massenfertigung stattfindet. 3D Druck sind auch Stahldruckverfahren etc. Als einer der Pioniere sei mal SpaceX genannt die Raketenbauteile im 3D Druck fertigen. Das ist auch ein Unternehmen (wie etwa auch Google), das nicht nur Zukunft antizipiert, sondern Zukunft einfach macht und einfach tut, was andere für einen "irren Traum" halten. Die versuchen auch ihre herunterfallenden Raketen auch mit einem Schiff aufzufangen. Du solltest dich mit deinen Urteilen über 3D Druck erstmal Gedanken über die breiten Möglichkeiten von Lasersinterverfahren klarmachen. Deren Einsatz ist längst Realität und wenn es in Raketen taugt, ist es naiv anzunehmen, dass weniger Anspruchsvolle Gebiete davon nicht profitieren.

Weiterhin geht es bei der DIGITALEN Revolution nicht um einen Technikhype. Es geht um etwas, das seit den 60iger Jahren vollkommene Realität ist und alle Skeptikern zum Trotz unaufhaltsam EXPONENTIELL fortschreitet:

Moores Law

Es gibt durch die Multicore-Entwicklung zwar ein kleines Gap, das aber auch viel mit Software-Architektur zu tun hat. Der scheinbare Dämpfer für den Fortschritt ist eher der Umschlag von sequentiellem zu immer mehr parallelem Rechnen. Selbst wenn das Gap nicht ganz schließt und Moores Law etwas langsamer voran geht, so ist dieser Umschlagspunkt kein Dämpfer auf das Wachstum, sondern eine qualitative Änderung.

Unser Neocortex zeichnet sich durch eine immer wiederholende Struktur den "Cortical Colums" aus. Diese zeichnen sich durch eine Vielzahl von parallel arbeitenden Prozesse aus. Es ist gerade diese hohe Parallelität die unserem Neucortex, die immense Leistungsfähigkeit verleiht.

Während also die Transistorenanzahl nicht mehr ganz mit der Rechenleistung übereinstimmt, bietet Parallelität ganz neue Wege zur Berechnung. Man darf auch die Anwendung von Einsichten in die Neurobiologie machen kann. Das, was DeepMind macht, ist ein viel größeres Wunder als im Schach über brute Force zu gewinnen. Dieser Algorithmus lernt wie ein Gehirn.

Vor 15 Jahren zu sagen, dass der Anstieg der Rechenleistung dazu führt, dass quasi jeder im Jahr 2015 einen Hochleistungscomputer in seiner Tasche trägt, war auch ein "irrer Traum" und mittlerweile sind Smartphones Realität.


Dein Grenznutzen-Argument ist ein totales Pseudoargument. Maschinen haben bisher nicht wegen der "überlegenen menschlichen Muskelkraft" den Mensch nicht überall ersetzen können, sondern schlicht wegen den Abstraktions- und Kommunikationsfähigkeiten. Eine menschliche Arbeitskraft kann sich an gegebene Situationen anpassen. Der Grenznutzen von Technik vs. Mensch lag immer nur in der "Steuerungstechnik".

Es ist gerade anders herum. Der Mensch hat einen Grenznutzen gegenüber Technologie, deren Leistungszuwachs immens ist. Die Digitale Revolution läuft schon längst. DeepMind und Watson zeigen, das menschliche Abstraktion kein unerreichbares Mysterium irgendeiner göttlichen Seele oder dergleichen ist, und während die Maschine schon anfängt, Sprache vergleichbar mit einem Kleinkind zu verstehen und Bilder sehen kann wie ein Baby, sehen viele hier noch einen "irren Traum". Wenn Computer schon eher erzogen als programmiert werden (selbstlernenede Algorithmen, denen man Input gibt). Wenn Computer schon anfangen, selbst das Internet zu durchsuchen, um sich was beizubringen (vgl: LEVAN), dann steuern wir schon längst auf das Endgame des menschlichen Grenznutzen zu. Versteht man die technologische Singularität nicht als Zeitpunkt, sondern als Ablauf, stecken wir schon drin.

Wenn wir weiter nicht im Stande sind, diese Gesamtentwicklung, die seit über 70 Jahren läuft, sinnvoll zu antizipieren und glauben, wir können einfach weiter machen ("So haben wir das schon immer gemacht"), kommt ein böses Erwachen. Auch wenn man in Deutschland immer noch mit Helmut Schmidt meint, dass man zum Arzt müsse, wenn man Visionen hat, hat das Valley längst das Gegenteil bewiesen. Gerade die Leute, die "irre Träume" einfach machen, sind die innovativsten Unternehmer. Menschen, die ihre Drogenfantasien in die Tat umsetzten, und nicht die ewig gestrigen Skeptiker, treiben die Technik gerade in einem solchen Maße voran, dass es selbst mir als "Technikfreak" schwindlig von der Entwicklung wird.

Die Digitalisierung schreitet voran. Exponentiell. Wer das und die Folgen immer noch nicht versteht, wird die gesellschaftliche Transformationen der nächsten 20-30 Jahre nicht verstehen. Ich weiß ja selber nicht mal, was kommt oder kommen soll, aber der Kapitalismus in seiner jetzigen Form wird zu Grunde gehen (und wenn nicht durch die Digitalisierung, dann NUR, weil die Digitalisierung durch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgehalten wird).

Grüße
melethron

--
„It’s the Second Law of Thermodynamics: Sooner or later everything turns to shit.“ - Woody Allen


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