OT: Doping in Spitzensport & Alltag, Neuroenhancement/Doping am Arbeitsplatz, mißglückter Versuch, Mensch-Maschine zu spielen
Ein schon etwas älteres Buch zur Doping-Problematik trug den treffenden Titel "Sp(r)itzenleistungen". Wie in der Rauschgiftszene, wo sog. "Designerdrogen" versuchen, 'legal' die in Listen (Anlagen zu den jeweiligen Betäubungsmittelgesetzen) erfaßten verbotenen Substanzen durch (noch) nicht erfaßte neue Drogenkreationen zu umgehen, so tobt auch im Sport seit Jahrzehnten ein Kampf gegen das Ertapptwerden, nur mit etwas anderen Rahmenbedingungen. Doping als Einnahme leistungssteigernder Substanzen gab es vermutlich bereits im Altertum, die Praktiken nahmen aber in Ost und West vermutlich erst in den Sechzigerjahren aufgrund der immer besseren Nachahmungsmöglichkeiten für körpereigene Hormone, z.B. für Muskelwachstum, Fahrt auf; deren deutsch-russische Erkenntnisse verbreiteten sich dann insbes. nach Auflösung des Ostblocks um die Welt.
Während man bei einer noch nicht verbotenen Rausch-Droge recht gelassen den Ergebnissen der polizeilichen Blut- und Urinuntersuchungen ins Auge sehen kann, da noch nicht verbotenene Substanzen eben 'legal' sind, liegt der Fall beim Sport-Doping etwas anders: es gibt zwar auch hier Versuche von Sportmedizinern und Pharmakologen, einen 'grauen bis schwarzen' Markt mit neu erfundenen chemischen Verbindungen (oder Chip-Implantaten?) zu versorgen, die von den internationalen Doping-Agenturen noch nicht gelistet und somit sportrechtlich verboten sind. Aber der Hauptschwerpunkt liegt auf dem Gebrauch von Substanzen, die zwar i.d.R. schon nicht (mehr) erlaubt, aber derzeit noch schwer nachzuweisen sind inkl. ausgeklügelter Dosierungs- und Einnahmepläne, die erreichen sollen, daß das verbotene Mittel zum Zeitpunkt z.B. von Meisterschaften, bei denen verstärkt kontrolliert wird und Rückstellproben genommen werden, bereits wieder soweit abgebaut ist, daß es modernste Nachweismethoden nicht mehr zuverlässig nachweisen können. Das Problem für den hochdotierten Spitzensportler ist jedoch, daß er auch dann i.d.R. seine Sponsoren verliert, wenn er bei der Einnahme (noch) nicht verbotener leistungssteigernder Substanzen erwischt wird.
Da er i.d.R. in den entspr. Werbeverträgen hoch und heilig versichert hat, so etwas nicht zu tun, folgt regelmäßig auch noch die Strafverfolgung wegen Betruges u.dgl., denn er hat sich seine Werbeeinnahmen ja unredlich erschlichen, vgl. den Fall Lance Armstrong (Juliet Macur: "Lance Armstrong: Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog").
Diese Versuche, dem Doping Einhalt zu gebieten, haben im Gegenzug dazu geführt, daß sich Spitzensportler nunmehr einem geradezu unmenschlichen Überwachungsregime unterwerfen müssen: zu jeder Tag- und Nachtzeit muß die nationale Anti-Doping-Agentur nachvollziehen können, wo sich der/die betreffende Sportler/in gerade aufhält und diese Sportler müssen zu jeder Tag- und Nachtzeit auch gewärtigen, daß ihnen Blut- und Urinproben völlig zufallsgesteuert und überraschend abgefordert werden.
Während man früher in der Wirtschaft Hochleistungssportler wegen ihres Leistungswillens und ihrer allgemeinen Disziplin gerne bevorzugt eingestellt hat, könnte ich mir gut vorstellen, daß ein solches Überwachungsregime auch andere, psychologisch problematischere, Sportler-Persönlichkeiten hervorbringt, die sich mehr in Richtung angepaßter Duckmäuser orientieren. Ich jedenfalls wäre zu meinen Sportler-Zeiten nicht dafür zu haben gewesen, irgendwelchen fremden 'Sportpolizisten' minutengenau mitzuteilen, in welchem Bauwagen ich bei welcher Freundin zu nächtigen gedenke.
Aber, und das ist der zweite Aspekt: "Amateur"-Sport ist heute ein Milliardengeschäft. Es winken millionenschwere Werbe-Verträge mit internationalen "Sponsoren", ein weiterer Aspekt, der diesen heutigen Spitzensport etwas in die Nähe des ältesten Gewerbes der Welt rückt.
Und: wer nicht ganz vorne dabei ist, kann auch kaum auf hochdotierte Werbeverträge hoffen. Wer aber nicht vorne dabei sein kann, weil die 'Konkurrenz' dopt, der sieht sich gezwungen, ebenfalls zu dopen. Und da es um Millionen geht, überschreitet man sehr schnell die Grenze zu eigenem kriminellem Verhalten, und wenn man einem mal droht, erwischt zu werden, ist die Versuchung, 'zur Vertuschung einer Straftat' eine weitere zu begehen, natürlich recht groß.
Fassen wir zusammen: die Korruption durch Milliarden Werbegelder und der gleichzeitige Kampf gegen das Doping unter dem durchsichtigen Banner der 'Chancengleichheit' führt dazu, daß sich langsam aber sicher eine andere Sportkultur mit anderen Sportlerpersönlichkeiten herausgebildet hat, jedenfalls herausbilden muß, als man das noch in den fünfziger Jahren durchweg kannte.
Schon bevor es millionenschwere Werbe- und ggf. Filmverträge für Spitzensportler gab, gab es Ungerechtigkeiten im Amateursport. So war es z.B. üblich, insbes. in Mannschaftssportarten wie dem Eishockey oder dem Fußball, einen Amateur freizustellen, indem man ihn z.B. im Stadion oder bei einer befreundeten Firma zum voll bezahlten Hausmeister machte, aber nicht 'kontrollierte', ob er denn nun hausmeisterte oder eher in Vollzeit trainierte.
Daß ein Amateur also seiner Sportart unbezahlt nachgehen müsse, war schon damals leicht und kaum sanktionierbar zu umgehen und wer das Pech hatte, in einem Verein zu trainieren, der keine solchen Sponsoren hatte, hatte das Nachsehen (oder er wurde abgeworben vom Verein, der ihm bezahltes Training bieten konnte - im Eis-, sogar im fast unbekannten Rollhockey schon seit Jahrzehnten Usus).
Gleiche Aufstiegschancen im Sport gab es also schon früher nicht und heute, da selbst bei Olympischen Spielen z.T. Profis 'vorübergehend zurück in den Amateurstatus' wechseln und mittun dürfen, ist die gesamte Amateuridee gründlich korrumpiert. Die Verhältnisse werden sich, solange Sportler werbeträchtige Identifikationsfiguren sind, auch nicht mehr ändern und damit wird jeder noch so verbotene Strohhalm, der Leistungssteigerung über das hinaus verspricht, was das heutzutage in den meisten Sportarten bis an die physisch mögliche Grenze ausgereizte Training vermag, gierig ergriffen werden. Und zudem werden wir bald eine Generation Spitzensportler präsentiert bekommen, die 'aus dem Nichts' die Bühne betritt und erstaunliche Höchstleistungen vollbringt, ohne je zuvor auf Meisterschaften nennenenswert in Erscheinung getreten zu sein. Das sind dann nämlich die, die man über mehrere Jahre sorgfältig 'aufgebaut' hat, ohne sie an dopingagentur-überwachten Wettbewerben teilnehmen zu lassen und die man dann erstmals in eine Qualifikation schickt, wenn a) sie ein erfolgversprechendes Niveau erreicht haben und b) die letzte Dopinggabe unter die Nachweisgrenze abgebaut wurde; erst danach werden sie dann nolens volens 'clean' bleiben, aber eben einen z.T. uneinholbaren Startvorteil gegenüber den Sportler(inne)n genießen, die sich bereits zu Anfang ihrer Karriere einer lückenlosen Tag- und Nacht-Kontrolle unterworfen hatten. Schon seit längerem werden Sportler wie potentielle Verbrecher behandelt.
Hinzu werden dann noch Fälle von Gendoping kommen, wo bereits in jungen Jahren, im Mutterleib oder bei der Zeugung (im Zweifel in vitro) versucht wird, das von den Eltern ererbte Genom so zu manipulieren, daß diese zukünftigen Hochleistungssportler (grundsätzlich erlaubte) Genvarianten besitzen, die ihnen einen Vorteil gegenüber den meisten natürlich gezeugten Sportler(inne)n verschaffen. Ansätze gab es bereits unter Erwachsenen (und auch hier unter Inkaufnahme von Spätschäden). Nachweisen ließe sich dies nur bei Verwendung transgener Genschnipsel, nicht jedoch, wenn es sich um Genvarianten handelte, die in der Humanpopulation durchaus natürlich vorkommen - letzteres Gendoping ließe sich nur nachweisen, wenn man auch Vater und Mutter des Verdachtsfalles in die Dopingagentur-Kontrollen miteinbezöge, genau der Alptraum für den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte, auf die der 'moderne' Hochleistungssport seit ca. einem Jahrzehnt unweigerlich zusteuert (vgl. Fall Grit Breuer).
So haben wir also drei Klassen von Sportlern heutzutage, die versuchen, an internationalen Sportwettbewerben teilzunehmen:
a) die vermutlich wenigen und vermutlich immer weniger werdenden, die einfach aus Prinzip nicht zu leistungssteigernden Substanzen Zuflucht nehmen wollen, auch, wenn das zur Folge hat, daß sie ins Hintertreffen geraten,
b) solche, die dopen und nicht erwischt werden
und
c) diejenigen, die erwischt wurden und von denen man dann als "Skandal" erfährt, in Berichten, geschrieben von Journalisten, die vielleicht selbst Doping am Arbeitsplatz betreiben.
Der Typus a) wird es aus zwei Gründen immer seltener auf's Siegertreppchen schaffen:
- zum einen, weil er wegen des Leistungsvorsprungs des Typus b) mit diesem nur noch schlecht gleichziehen kann,
aber auch
- zum zweiten, weil demjenigen die besten Trainer und Sportstätten winken, die höchsten Trainingskostenzuschüsse, die eigens abgestellten Physiotherapeuten und Sportpsychologen, der eben 'die Leistung bringt'.
Wer glaubt, daß sich der Massensport noch einmal aus diesem ökonomischen Klammergriff erfolgreich befreien kann, der träumt. Ob es nun Staatsdoping ist, wie hinsichtlich Rußland behauptet, oder einfach bewußte Doping-Überwachungslücken, wie z.T. in USA, die man nicht anders erwarten kann von 'demokratisch gewählten' Volksvertretern, die selbst eine einzige Bagage von Säufern und Koksern zu sein scheinen, die Vermarktungsgesetze sprechen dagegen.
Zudem will die große Masse der Zuschauer Leistungen sehen. Man stelle sich einmal vor, daß sämtliche Weltrekorde in naher Zukunft nur durch leistungssteigernde Substanzen zustandegekommen wären. Dann, eines Tages, gelingt der Durchbruch in der Doping-Analytik und sämtliche Dopingmittel wären nun unbegrenzt nachweisbar. Die alten Rückstellproben führen z.T. zu positiven Nachweisen und einige Sportler verlieren dadurch ihre Medaillen, andere Weltrekorde bleiben aber, Verdacht hin oder her, bestehen.
Und plötzlich, da ab dem Zeitpunkt keiner mehr ('erfolgreich') doppen kann, gibt es nur noch saubere Spiele und Meisterschaften. Jedoch: die Höchstleistungen bleiben aus, Jahr für Jahr quälen sich selbst die Besten knapp unterhalb der Rekorde dahin, die nun auf immer unerreichbar bleiben. Es darf erwartet werden, daß die Anziehungskraft solcher Sportereignisse deutlich abnähme. Doch dieser Punkt könnte irgendwann erreicht sein.
Nebenbei bemerkt: da viele Doping-Verfahren zu dauernden Schäden oder zumindest zu akuten Gesundheitsgefahren führen, ist der o.g. Sportler-Typus b) auch eine ganz andere Persönlichkeit als der Typus a). Vermutlich sind solche Typen auch anfälliger für sonstigen Drogen-Abusus inkl. Alkoholismus.
Im folgenden jedenfalls eine Sammlung von Literatur zu diesem leidigen Thema, vgl. auch die z.T. erschütternden Biographien von freiwillig oder ohne ihr Wissen gedopten Sportlern und Sportlerinnen.
Dabei sollte man übrigens noch ein Randgebiet des Doping nicht aus den Augen verlieren: die Verlockungen des Doping im Bodybuilding und in 'Fitness'-Studios. Nicht umsonst ist dieser Bereich der mit der meisten Dopingliteratur, und zwar auch mit Anleitungen, wie man es macht, was in anderen Sportarten höchstens 'unter der Theke' und im verschwiegenen Hinterzimmer ausgetauscht wird. Vermutlich die Mehrheit der Weltmeister hat zum einen oder anderen Zeitpunkt muskelwachstumsfördernde Substanzen eingenommen, viele haben dies später auch freimütig zugegeben. Auch bei den Sportlern, denen man nichts nachweisen konnte, treten oft verdächtige 'Mißbildungen' auf.
Aber das erschreckende daran ist der Nachahmungseffekt. Auch wenn die Dunkelziffer extrem hoch sein dürfte, so gilt es als allgemeine Erkenntnis, daß z.B. in Discos tonnenweise Anabolika an junge Männer abgegeben werden. Das pikante daran: viele derer, die diese "Muskelaufbaupräparate" einnehmen wie sonst Bonbons, scheinen gar nicht zu verstehen, daß diese Anabolika nur dann ihre Wirkung nennenswert entfalten, wenn man auch hart trainiert. Die Nebenwirkungen, bis hin zu Krebs und Impotenz jedoch bleiben auch dem Untrainierten erhalten. Die konsumierten Mengen sind jedenfalls enorm, was sich auch irgendwann in der Krankheitsstatistik bei bestimmten Krebsarten und verfrühten Todesfällen und was der Langzeitwirkungen mehr sind, niederschlagen dürfte.
Nach dem, 'was man so hört', begann die allgemeine Doping-Welle in den siebziger Jahren, jedoch mengenmäßig richtig Fahrt aufgenommen scheint diese Mode in den achtziger Jahren zu haben (inkl. der ersten 'Sekundentoten') und dürfte bis heute anhalten, zumal Im- und Export im Zuge der Globalisierung deutlich erleichtert wurden.
Aufgrund der 'Vorbildfunktion' des Sports und des allgemein als steigend empfundenen Leistungsdruckes nimmt das Doping ohnehin gesamtgesellschaftliche Formen an, ob am Arbeitsplatz oder in Schule und Studium (vgl. auch "Microdosing"). Perverserweise wohl gar noch von denen forciert, die nur darum einen Leistungsabfall haben, weil sie durch vermeintliches 'Multitasking' ihre Leistung reduzieren und ihre Fehleranfälligkeit erhöhen.
Während 'Doping' bei Tieren ansonsten nur aus der Massentierhaltung bekannt ist, gibt es eine (olympische) Sportart, bei der der Mensch auf ein Tier angewiesen ist, und prompt kommt es auch dort zu Dopingfällen: beim Pferd.
Weiter mit: "Literatur: Doping-Substanzen, -Analytik, Straf- und Sportrecht, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Geschichte des Doping"
--
Literatur-/Produkthinweise. Alle Angaben ohne Gewähr! - Leserzuschriften