Terra Preta - Anmerkungen und Ergänzungen

Leserzuschrift, Sonntag, 30.10.2016, 12:56 (vor 3415 Tagen) @ Literaturhinweis3644 Views

Lieber Literaturhinweis,

zunächst einmal vielen Dank für Deine wie immer umfassende und kompetente Zusammenstellung. Da wir seit nunmehr 8 Jahren mit Begeisterung Schwarzerde nach dem Terra-Preta-Prinzip herstellen (erst rein privat, seit 2 Jahren auch gewerblich), ist uns die Verbreitung dieser alten Kulturtechnik ein großes Anliegen. Als langjährige Leser des DGF freut es uns, dass wir hier etwas beitragen können.
Im Folgenden möchten wir einige Anmerkungen und Ergänzungen zu Deinem Artikel machen, vor allem in Richtung der praktischen Anwendung für Hobbygärtner und (Teil-)Selbstversorger.

1) Zur Kohleherstellung:

a) Die Begriffe "Pflanzenkohle/Biokohle" verwendet man, um diese hochwertige, fast schadstofffreie Kohle von der handelsüblichen Grillkohle abzugrenzen, die häufig massiv mit Schadstoffen (vor allem PAK) belastet und für den Einsatz im Boden völlig ungeeignet ist. Die Pyrolyse muss so (kontrolliert) ablaufen, dass die bei der Verkohlung unweigerlich entstehenden PAK nicht in der Kohle verbleiben, sondern zu unschädlichen Gasen verbrannt werden (PYREG/Schottdorf/Syncraft). Die Qualität der Pflanzenkohle ist für die Herstellung von Schwarzerde von überragender Bedeutung, weil die Kohle ja "ewig" im Boden bleibt! Pflanzenkohle kann, wie der Name sagt, auch aus anderem pflanzlichen Material hergestellt werden (Feuchtigkeit < 50%).

b) Hochwertige Pflanzenkohle ist oft nach EBC zertifiziert. Die von Dir verlinkten "Guidelines" (23-Seiten-pdf) sind der Versuch, einen europaweiten (strengen) Standard zu etablieren, der leider bisher von der EU nicht aufgegriffen wurde (in der Schweiz ist dieser Standard bereits gültig). Ziel dieser Bemühung ist es, den Einsatz von Pflanzenkohle EU-weit auch im Biolandbau zu legalisieren (bislang dürfen das paradoxerweise nur konventionelle Landwirte!). Hobbygärtner unterliegen jedenfalls keiner Einschränkung.

c) Die von HP Schmidt entwickelten KONTIKI-Öfen (kegelförmige Stahlblechkessel) erfüllen diese Anforderungen ebenfalls und bieten sich für den Einsatz im eigenen Garten an. (Ithaka-Journal)


2) Zum Terra-Preta-Buch:

"Terra Preta - Die schwarze Revolution aus dem Regenwald" ist das bislang einzige TP-Buch in deutscher Sprache und gibt viele sehr anschauliche Beispiele von Projekten auf der ganzen Welt. Man bekommt einen umfassenden Eindruck von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten. Bei einer Neuauflage käme bestimmt noch ein Bericht über die phantastischen Ergebnisse des Nepal-Projekts von Koautor HP Schmidt hinzu, der nach dem schweren Erdbeben im April 2015 die Bauern bei der Herstellung und Anwendung von Kohle unterstützte (im Ithaka-Journal nachzulesen). Eine (kleine) Schwäche des Buchs sind die vergleichsweise etwas mager ausgefallenen praktischen Anwendungsratschläge.


3) Zur "Aufladung" der Kohle:

Wie Du ganz richtig schreibst, muss Pflanzenkohle vor dem Einsatz im Boden mit Nährstoffen aufgeladen werden, weil sie diese sonst dem Boden durch ihr hohes Adsorptionsvermögen entzieht und damit das Pflanzenwachstum zunächst sogar hemmt. Jahrzehntelang hatten Studien den Nutzen von PK im Anbau "widerlegt", weil sie diesen Aspekt einfach ignorierten!
Die Trenntoiletten sind hervorragend dafür geeignet (und würden einen gewaltigen Beitrag zur Schließung des Stoffkreislaufs leisten), aber das ist sicher nicht jedermanns Sache und wird sich nur schwer durchsetzen. Bei der Schwarzerde-Herstellung im Garten wird die PK automatisch durch die Beimischung zu gut angefeuchteten Garten- und Küchenabfällen aufgeladen.


4) Zur Gülle sowie landwirtschaftlichen Nutzung:

a) Dass die Gülle den Böden nicht unbedingt gut tut, stimmt zwar normalerweise. Wenn man aber vor dem Ausbringen Pflanzenkohle (evtl. zusätzlich noch Effektive Mikroorganismen und Steinmehl) einrührt, sieht die Sache anders aus. Die üblichen Fäulnisprozesse werden verringert, die Gülle stinkt dann nicht mehr und wird dadurch mindestens um die Hälfte ergiebiger (Gestank = Stickstoffverluste in die Luft), wirkt weniger scharf im Boden, die Auswaschung von Nitraten ins Grundwasser wird stark verringert und die PK reichert sich (wachstumsfördernd) im Boden an. Immer mehr Bauern in D-A-CH wenden diese einfachen Mittel an, oft auch schon im Tierfutter oder in der Einstreu im Stall (Tiere bleiben wesentlich gesünder, Stall stinkt nicht mehr). Im Chiemgau gibt es einen Stammtisch mit inzwischen über 1000 Landwirten, die ihre Gülle derart aufwerten (EM Chiemgau).

b) Etliche Bauern wenden sich zunehmend der schonenden Bodenbearbeitung zu (leichtere Maschinen, nur die obersten paar Zentimeter bearbeiten, Flächenkompostierung/Feldrotte mit PK, etc.). Hier kann die Pflanzenkohle stark unterstützend wirken, weil sie das Bodenleben stark anregt (der Boden "bearbeitet sich selbst", ohne tiefes Umgraben) und den erforderlichen (meist einseitigen) Düngereinsatz reduziert. Spannende Versuche dazu laufen derzeit u.a. in der Ökoregion Kaindorf (Steiermark).


5) Zur Fermentierung und den Effektiven Mikroorganismen (= EM):

a) Die Meinungen darüber, ob Fermentierung (anaerobe Abläufe) bei der Entstehung der Terra Preta am Amazonas eine wesentliche Rolle gespielt hat, gehen auseinander. Auch bei der Schwarzerdeherstellung in unseren Breiten wird der Nutzen der Fermentierung kontrovers diskutiert. Das liegt wohl daran, dass die positiven Wirkungen der PK im Boden auch ohne sie schon erstaunlich genug sind. Jedenfalls können wir bei unseren Langzeitergebnissen noch einige positive Zusatzeffekte feststellen, wenn das organische Material und die PK zunächst mit EM versetzt und anschließend für 2 Monate luftdicht eingepackt wird, bevor es dann an der Luft vollständig vererdet.

b) Die EM und ihre Wirkungen sind schon viel länger bekannt, weiter verbreitet und gründlicher untersucht als die Terra Preta. Aber das wäre nochmal ein abendfüllendes Thema für sich. Was unser Thema hier angeht, scheinen die EM in den zahllosen Poren der PK (bis zu 300 qm Oberfläche pro Gramm PK!) einen idealen Lebensraum vorzufinden, wo sie das Bodenleben sowie die Nährstoffaufnahme der Pflanzen unterstützen und Fäulnisprozesse im Boden hemmen. Sehr gesunde Pflanzen und weitgehende Schädlingsfreiheit sind eine Folge davon. (Unsere Beete sind seit Jahren fast frei von Schnecken, die anfangs eine schlimme Plage waren.)


6) Zur Ertragssteigerung:

Hier müssen wir etwas bremsen: Die von Dir erwähnten mehreren Hundert Prozent sind leider nur dort zu haben, wo vorher nicht oder kaum gedüngt wurde (Beispiel Nepal - die Bauern sind bettelarm). Dann ergeben sich tatsächlich Unterschiede wie Tag und Nacht. Die im TP-Buch beschriebenen Projekte in der Dritten Welt sind wirklich spektakulär und absolut geeignet, vor Ort Hungersnöte zu lindern, vor allem weil die oft nur spärlich vorhandenen Nährstoffe durch die PK viel besser verwertet werden und sich allmählich eine Humusschicht aufbauen kann.
Unsere hiesigen Beete und Ackerflächen sind in der Regel quantitativ ausreichend gedüngt. Hier stellen wir (im Einklang mit einigen Studien und auch einigen unserer Kollegen) einen Mehrertrag von durchschnittlich 30 bis 50 Prozent fest - das ist natürlich auch nicht gerade wenig. Aber der Hauptnutzen von Schwarzerde ist ohnehin der erstaunlich schnelle Humusaufbau und die sich entwickelnde überragende Bodenqualität - für Selbstversorger in Krisenzeiten mehr als Gold wert...


7) Zu Deinen Literaturhinweisen:

Wir kannten nur einen kleineren Anteil dieser Bücher und Artikel - vieles von dieser "Fachliteratur" ist jedenfalls für den Laien und Praktiker weniger nutzbringend. Für uns jedenfalls sind einige Quellen äußerst interessant und wollen noch studiert werden - dafür nochmal danke! Die US-Quellen gehen hauptsächlich auf die Pflanzenkohle und ihre Wirkung im Boden ein, nicht jedoch auf die Synergieeffekte im Zusammenhang mit den anderen TP-Zutaten, auf Kompostierung, EM und Humusaufbau im Boden. Außer dem oben besprochenen TP-Buch empfehlen wir jedem potenziellen Anwender, sich einfach auf den Seiten einiger TP-Hersteller umzuschauen (siehe 8)). So bekommt man am schnellsten einen ganz guten Überblick über verschiedene Ansätze, die aber dem gleichen Zweck dienen, und viele praktische Tipps.


8) Zu den TP-Herstellern im deutschsprachigen Raum:

Weil Du direkt und indirekt einige verlinkt hast: Es gibt zum Glück eine ganze Reihe von "Idealisten", denen wirklich daran gelegen ist, ihr Wissen und ihre praktischen Erfahrungen weiterzugeben, die Kulturtechnik zu verbreiten und andere zum Do-it-Yourself zu animieren. Leider gibt es auch "Geldmacher" wie denjenigen Hersteller, der sich "Terra Preta" als Marke hat schützen lassen, andere wegen missbräuchlicher Verwendung verfolgt und selbst 10 Liter Erde für fast 100 € anbietet, oder eine Firma in Hessen, die dreist für sich in Anspruch nimmt, sie habe "den Code der TP-Herstellung geknackt", als ob es sich um das Coca-Cola-Rezept handle. Damit wird die Methode und die Branche in Verruf gebracht.

Empfehlen (als "Literatur") würden wir:

EM Chiemgau
Ithaka-Journal (große Themenvielfalt)
Sonnenerde
Tria Terra (guter Blog!)
Terra Magica

und unbescheidenerweise natürlich auch uns: TerraTirol


9) Ein kleiner Ausblick:

Nach unserer Beobachtung handelt es sich bei Terra Preta / Pflanzenkohle keinesfalls um eine "Modeerscheinung", sondern um ein kontinuierlich wachsendes Feld. Hier laufen viele Fäden zusammen - Nachhaltigkeit, Schließen der Stoffkreisläufe, Bio, Bodenaufbau, (teilweise) Autarkie, Eigenverantwortlichkeit. Diese Themen werden ständig bedeutsamer. Unsere vielen Anwender (Hobbygärtner) sind jedenfalls mit großer Freude bei der Sache. Vor allem im ländlichen Raum scheint das Bewusstsein für die Dringlichkeit einer (auch inneren) Veränderung zuzunehmen.
Auch in der Landwirtschaft setzt teilweise ein Umdenken ein, gerade bei den kleineren Betrieben, angesichts der sich verschlechternden Böden.


Manche Aspekte haben wir jetzt bestimmt vernachlässigt, aber es sollte ja auch kein Roman werden. Ernsthaft Interessierte können sich bei Fragen gerne auch direkt an uns wenden: www.terratirol.at

Freundliche Grüße

Julian


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