Die symbolische Tausch: Gabe und Gegengabe

Ostfriese, Mittwoch, 12.10.2016, 18:56 (vor 3432 Tagen) @ nereus2244 Views

Hallo nereus,


NIEMAND erkennt, daß er/sie/es selbst der ANTI-Christ ist. Wir machen
ALLES FALSCH. Wir beten Götzen (= Religionen) & Idole (= Popstars, Promis,
Schauspieler, Prof´s, Doktoren, Experten ... ad infinitum) an.

Stimmt auch, aber es ist schon hilfreich in die Vergangenheit zu schauen,
um nach den Gründen dafür zu suchen.

in einem Beitrag an die Hopi hatte ich über das Bild ‘Holzsammler im Schnee‘ von Vincent van Gogh geschrieben:

Die Bewegung der Personen führt zur rechten Bildseite hinaus. Wir sehen die Dynamik an ihren Beinen, an ihren gesenkten Blicken auf den schneebedeckten Boden, die dort Festigkeit für die Füße suchen und an dem angedeuteten Trichter, der durch die waagerechte Linie in der Bildmitte und der angedeuteten schrägen Geraden der Sträucher links unten und der Richtung der Reisigbündel oben ansatzweise gebildet wird. Der Blick wird durch das chocartige Auftreten der untergehenden letzte Wärme spendenden Abendsonne als punctum in das Bild wieder zurückgeholt.

Die Gabe einer Blickrichtung wird durch eine Gegengabe der Gegenrichtung wieder aufgehoben und aufgebraucht. Das Auge verlässt das Bild nicht – aus dynamischer Sicht ruht es in sich selbst.

Der Dichter eines Verses im ‘Saturnier‘, der zu den antiken Versformen der lateinischen Metrik gehört, muss bei der Komposition seines Werkes auf die zwei Gesetze der Paarbildung der Poetik achten. Das erste besagt, dass ein Vokal im Vers nur auftreten kann, wenn er irgendwo einen Gegenvokal hat – was bedeutet, dass bei einer ungeraden Silbenzahl immer ein Rest existiert. Im zweiten Gesetz wird immer eine gerade Anzahl für jeden beliebigen Konsonanten erwartet. Die Anwendung dieser beiden Regeln erzeugt die außergewöhnliche Intensität, die man immer als Merkmal der Dichtkunst angesehen hat. Es geht um den erkennbaren Genuss – darum, dass in einem guten Gedicht nichts übrig bleibt und in ihm das ganze lautliche Material aufgebraucht wird. Es soll keinen Rest geben – jede Gabe eines Phonem oder eines Diphon, eines Konsonanten, einer Silbe oder eines signifikanten Terms soll durch eine entsprechende Gegengabe wiederaufgegriffen werden. Im Bereich des Poetischen haben wir wie im symbolischen Tausch einen streng begrenzten sprachlichen Körper, der im Gedicht verarbeitet und verbraucht wird. Die Poesie ist der Aufstand der Sprache gegen ihre eigenen Gesetze der Rationalität.

Die Poetik spiegelt im sprachlichen Bereich das rituelle Tausch- und Prestigeobjekt ohne Nutzen für den wider, der es bekommt: Der ‘Kula-Ring‘ in der melanesischen Inselwelt. Mit dem Erhalt einer Gabe ist die Verpflichtung verbunden, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes dem Gebenden etwas Entsprechendes als Gegengabe zu schenken. Das Ziel ist, den realen Güteraustausch rituell zu flankieren und die sozialen Bande zwischen den Inseln zu verstärken. Eine beschränkte Menge von Objekten erzeugte in der ununterbrochenen Zirkulation von Gabe und Gegengabe die Vorstellung eines unerschöpflichen Reichtums.

Die ‘Vātes’ – von höherem Wissen Angehauchte – der keltischen Gesellschaft bedienten sich abgezählter, verschlüsselter und begrenzter Phoneme und Formeln. Sie waren so angeordnet, dass durch die Art und Weise, wie die Formeln ausgesprochen werden, einen Sinn – die Beschwörung der Zukunft – bekamen. Die Signifikanten(=Bezeichner) haben den gleichen Rang wie die Signifikate(=Bezeichnetes) und es gibt keine Überproduktion von Sprache, da die Gegenstände und Güter beschränkt sind.

In diesen Beispielen sehen wir geschlossene Systeme mit beschränkte Mengen von Signifikanten, die ihre Auflösung und Aufhebung anstreben. Sie streben keine Produktion neuer Signifikanten an. Unsere Zeit dagegen benutzt einen unbegrenzten Körper an frei flottierende Zeichen, die nicht mehr verschwinden, weil sie keine Referenz mehr zu Gegenständen haben. Wie beispielsweise in der Rede des MdB Karl-Heinz Stiegler.


Ich wiederhole mich noch einmal.
Ich sehe, was ich sehe und ich lese, was ich lese.
Allen Fabeln zum Trotz, die Realität spricht Bände!

"Staats-Territorium an Migranten vermieten?" Im Wort "Territorium" ist
bereits das Wort "TERROR" enthalten. JA, das wird alles geschehen & noch
viel mehr, wenn die Menschen (= ich/du/wir/ihr/sie/es) weiterhin tief
schlafen & nicht auf-wachen.

Dies zum Wort Territorium:
Territorium ist ein Lehnwort aus der lateinischen Sprache und
bezeichnet dort zunächst – abgeleitet von lat. terra, die Erde, der
Erdboden, das Land – das Gebiet einer Stadt.

Und das zum Wort Terror bzw. Terrorismus.
Der Terror (lat. terror „Schrecken“) ist die systematische und
oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch
ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen.

Für die Archive mit den geschriebenen und gesprochenen Sprachen – wie in den letzten Jahren auch für das Internet – gilt:

„Denn die ausgedienten Wörter verflüchtigen sich nicht, sie akkumulieren sich als Abfall – die Umweltverschmutzung durch Zeichen ist ebenso ungeheuerlich wie die industrielle Umweltverschmutzung, deren Zeitgenosse sie ist.“

wie Baudrillard auf Seite 359 seines Hauptwerkes schreibt. Die inhaltlichen Bedeutungen der Wörter ändern sich im zeitlichen Verlauf, wie du in deinem Eintrag zu verstehen gibst. Eine Rückkehr zur Symbolik geht aber auch nicht – der Überschuss und der Rest an Sprache verschwindet nicht. Die Ersetzung des Passwortes „swordfish“ durch einen echten Fisch von Harpo Marx – die Annullierung (= Tötung) eines Signifikanten durch sein Signifikat – wirkt heute nur noch erheiternd. Im Gegensatz zur Ikone, bei der die Identität zwischen dem Bild und dem religiösen Inhalt aber immer noch besteht.

Warum lockert sich in unserer Zeit der Zusammenhang zwischen Signifikant und Signifikat – warum löst er sich auf? Warum diese Offenheit, diese Zügellosigkeit, diese Unbegrenztheit – dieses ‘Nichts ist unmöglich‘ in der geschriebenen und gesprochenen Sprache?

Soweit ich die Hopi verstehe, beabsichtigen sie mit den Einträgen in ihrer Sprache – mit den Elementen aus dem heutigen Fundus der Simulation – gegen die Simulation zu argumentieren. Es gibt keinen anderen Weg, da wir in einem Gefängnis der Simulakren gefangen sind.

In kurzer Zeit verschwinden die Beiträge in den Blogs auf nimmer Wiedersehen im Nirwana des Internets. Unsere Sprachen sind von einer Ökonomie der Überproduktion und Vergeudung beseelt – von der Utopie des Überflusses, der Übersättigung und des Reichtums, wie in der materiellen Ökonomie. Es ist unser Wunsch, dass es für alle so viel Sprache gibt und geben wird, wie wir nur wollen! Es ist die Utopie eines grenzenlosen Sprach-Kapitals, die keinen Mangel kennt – wie in der Vorstellung des unendlichen materiellen Wachstums. Es herrscht eine Sprach-Inflation. Ich frage mich, welche Texte, die für mich wichtig sein könnten, soll ich noch lesen und wo finde ich sie. Mit der Zerstörung der symbolischen Ordnung von Gabe und Gegengabe verlieren wir vielleicht das, was Matthias Horx Luxus genannt hatte: Raum, Zeit, Ruhe, Geduld und Gelassenheit.

mfG
nereus

Grüße

Ostfriese


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