Das Ganze ist weitaus komplexer
Man kann es nicht nur aus einer Ecke her begründen. Es ist weitaus vielschichtiger. Denke ich mir zumindest.
Diejenigen, die – wie Du es nennst, - ohne es zu wollen, kinderlos geblieben sind, die fallen zahlenmäßig nicht ins Gewicht. Da sind andere Parameter maßgeblicher.
Mag ja sein, dass auch die bereits hier angesprochene Altersversorgung mitspielt. Aber die Denkweise vieler junger Frauen ist hier ausschlaggebend, - so unterschiedlich sie auch sein mag. Ein Beispiel dafür:
http://www.brigitte.de/liebe/persoenlichkeit/freiwillig-kinderlos--ich-moechte-keine-ki...
Sicher hängt es auch mit der Selbstverwirklichung der Frau zusammen, die es früher so nicht gegeben hat. Das dazugehörige Rollenspiel des Mannes, sich auch hier kompensativ zu ändern und auch andere Funktionen im gemeinschaftlichen Zusammenleben zu übernehmen, hat sich noch nicht in der Form geändert, dass danach doch der Kinderwunsch realisierbar ist. Bei vielen Ehen mit Kindern aber funktioniert das. Bei anderen leider nicht. Der Prozess ist immer noch im Wandel begriffen.
Dazu kommt die allgemeine Beurteilung in der Gesellschaft. Eine mir bekannte Familie in Deutschland hat fünf Kinder. Sie werden fast als asozial angesehen, - zumindest in den Köpfen der Umgebung so bezeichnet.
Aber den Politikern, die das schon früher erkannt haben und dagegen steuern wollten, blies auch der Wind der Volksmeinung ins Gesicht. Erinnern wir uns noch an den Ausspruch von Jürgen Rüttgers : Kinder statt Inder ? Auch da haben sich die MSM wieder von ihrer typischen Seite gezeigt. Dieser Ausspruch wurde aus dem Zusammenhang genommen und populistisch gekürzt. Im Original lautet der Satz etwas anders (nachzulesen in der WAZ vom 8.3.2000), als er im Zusammenhang mit der Diskussion um die Green-card und der Einwanderung von IT-Spezialisten ausgesprochen wurde:
»Statt Inder an die Computer müssen unsere Kinder an die Computer«
Das Dilemma mit den Facharbeitern hat aber auch einen anderen Ursprung. In Deutschland, und in Rumänien noch mehr, da gibts die Grundeinstellung: „Mein Kind ist so gescheit, das muss unbedingt studieren, damit es im Leben auch mal was erreicht.“ Dadurch wurde aber auch erreicht, dass man das Akademikerproletariat produziert hat, - Leute, die einen Hochschul- oder Universitätsabschluß haben und entweder arbeitslos oder in untergeordneter Tätigkeit beschäftigt sind, wofür sie eigentlich nicht hätten studieren müssen.
Dass man auf die Facharbeiter geringschätzig heruntersieht, das hat sich schon meist erledigt, - seitdem man weiß, dass ein guter Handwerker oftmals mehr verdient als ein Akademiker. Durch diese Einstellung wird es soweit kommen (wenn es nicht schon ist), dass sich nur noch finanziell sehr gut situierte Leute eine Reparatur von einem angemeldeten Handwerksbetrieb in ihrem Hause leisten können.
Natürlich war das alles schon seit langer Zeit erkennbar, - wofür gibts denn Statistiken. Interessant ist die Statistik in der EU im Vergleich seit 1960 mit den Eheschließungen, den Scheidungen und der Anzahl der Alleinerziehenden.
In fast allen EU-Ländern (ausgenommen Malta, - warum, weiß ich nicht) hat sich seit 1960 die Zahl der Eheschließungen pro 1000 E halbiert. Auffällig bei den ehemaligen Ostblockstaaten ist der Zeitpunkt des Falls des Eisernen Vorhangs. Als man die Freizügigkeit bekam und den Zugang zu den Konsumgütern, änderte sich die Zahl nach unten signifikant. Dagegen hat sich die Scheidungsrate durchschnittlich verdoppelt.
Interessant ist auch die Entwicklung der Alleinerziehenden, - schon mal nach dem Gesichtspunkt gesehen, welche Kinder nichtehelich geboren werden. Da hat sich in den meisten EU-Ländern der Anteil verfünffacht.
http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/File:Crude_marriage_rate,_s...
Auch die Geburtenrate ist interessant. Klar ist sie seit den 60er Jahren generell im Abwärtstrend, - aber es gibt auch Gegentendenzen. Die deutlichste begann etwa 2003 und endete in einer neuen Talfahrt ca. 2008/2009. Sollte das mit den Lehmann-Brothers und dem beginnenden globalen wirtschaftlichem Abwärtstrend hier mitspielen oder ist das ein zufälliges Zusammentreffen?
http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/File:Number_of_live_births,...
Natürlich spielt das Kommunikationsverhalten eine wesentliche Rolle, wir sprechen ja kaum noch miteinander. Heutzutage wird mehr über facebook und Smartphones als verbal kommuniziert. Hab das erst in einer Disco festgestellt, - die Musik auf über 100 db, man konnte sich nur durch Schreien verständigen, - und da saßen die Jugendlichen um einen Tisch auf der Sitzgruppe, jeder hielt ein Smartphon vor sich und beschäftigte sich damit. Das hätten sie auch zuhause machen können.
Vieles hat sich ins Negative verändert, - der Materialismus und das eingetrichterte Konsumverhalten hat hier wesentlichen Anteil daran. Einer der vielen Gründe, warum ich unseren Jüngsten nicht mehr in Deutschland großziehen wollte. Das Ergebnis (er ist mittlerweile erwachsen) hat mir recht gegeben. Hier gibts noch vorgeschriebene Schuluniformen im Gymnasium, - da spielt Lacoste, BOSS, Polo, Esprit usw. keine Rolle. Der Druck von seiten der Mitschüler, hier immer übertrumpfen zu müssen, der ist nicht vorhanden.
Überhaupt konnte er in diesem Umfeld so erzogen werden, dass die materialistische Einstellung nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dadurch kamen andere „Konkurrenzen“ zum Tragen, die sich in persönlicher Leistungsfähigkeit und Talenten profilierten. Bei unserm Jungen war das Tennis, Handball und das Erlernen von Musikinstrumenten. Dinge, die auch für Otto Normalo hier noch bezahlbar sind.
Aber generell ist anscheinend das Denken ein anderes, wenn man dem Konsum nicht mehr die übliche Priorität (gesteuert durch die Werbung) einräumt. Wie sonst wäre es zu erklären, dass er erst seine Ausbildung mit der Facharbeiterprüfung beenden will, dann aber an eine feste Bindung denkt und unbedingt Kinder haben will. Meine anderen beiden leben in Deutschland und Österreich, - haben sich beruflich in hervorragende Positionen hochgearbeitet, - aber sind beide unverheiratet.
Als ich diese Frage nach dem „Warum“ einer Bekannten gestellt habe, die beruflich oft in Rumänien zugegen ist, bekam ich die Antwort: Weil der Junge in Rumänien aufgewachsen ist, wo die Uhren noch anders gehen. Ich weiß nicht, ob sie recht hat.
Nein, die Situation mit der Bevölkerungsentwicklung hat viele Ursachen, - hier ist vieles falsch gelaufen. Und es hat noch lange nicht geendet. Noch heute wandern gute Mediziner aus Deutschland in nördliche EU-Länder ab, und Mediziner aus Süd-Ost-Europa, die dort dringend gebraucht werden, kommen nach Deutschland und Österreich.
Wieviele Saisonarbeiter aus SO-Europa sind in der Landwirtschaft in Deutschland beschäftigt? Unmengen. Die Abwanderung z.B. aus Rumänien nimmt zu, - leider nicht nur von der Schicht, die man gerne ohne Rückfahrkarte auf die Reise schickt und die sich in Duisburg und Frankfurt niederlassen, nein, auch gute Leute, die man hier gut gebrauchen könnte. Die Wurzel darin liegt im desolaten Ausbildungswesen in Rumänien, und so lernen die jungen Leute nichts umfassend Verwertbares, sodass sie auf selbst erworbene Kenntnisse angewiesen sind, die natürlich in RO schlecht bezahlt werden, weil man zunehmend auch hier Qualität und Fachwissen verlangt.
Wohin das alles führt und wie es weitergeht, - ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass der Weg der Pfarrerstochter mit den neuen Facharbeitern mit deren kräftigem Kindernachwuchs der absolut falsche ist. Denn er kann nicht zum Ziel führen und wird letztlich das, was man in Jahrzehnten nach dem Krieg mühsam aufgebaut hat, kaputt machen.
Der symbolisch gemeinte Ausspruch von Peter Scholl-Latour hat seine absolute Gültigkeit:
„Wenn ihr euch Kalkutta nach Europa holt, dann habt ihr eben Kalkutta in Europa.“