Der Kapitalismus frisst seine Kinder

Phoenix5, Freitag, 05.08.2016, 21:01 (vor 3492 Tagen) @ Nico1535 Views
bearbeitet von unbekannt, Samstag, 06.08.2016, 14:03

Hallo Nico!

Zunächst wäre es hier wichtig zu erkennen, dass wir alle im Allgemeinen Arbeit keinesfalls zu mehren, sondern zu verringern bedacht sind. So suchen wir für gewöhnlich auch nicht nach mehr, sondern allenfalls nach besser bezahlter Arbeit. Wir sind damit auch alle selbst bestrebt, unsere eigene Arbeit möglichst effizient zu gestalten, wobei eben auch die Automatisierung eine Möglichkeit bedeutet.

Grundsätzliche Zustimmung, nur dass der Debitismus so etwas nicht zulässt. Weder die Erfindung der Dampfmaschine, noch die des Automobils, ja nicht einmal die des Internets und des Ausbaus der Infrastruktur auf Straße, Schiene und Luft, hat irgendeine Reduktion der Arbeitszeit oder gar eine Erleichterung der Arbeit hervorgebracht. Wenn die Arbeitszeit reduziert wurde, dann von Gewerkschaften. Für die Unternehmen schmälerte das zwar den Gewinn, aber da sie früher weniger Freiheiten hatten abzuwandern, fanden sie sich damit ab. Im Gegenteil - hat doch jede zunehmende Technologisierung nur noch mehr Stress hervorgebracht: Automobile sorgten dafür, dass wir heute 2 Stunden zum Arbeitsplatz fahren und ohne Auto oft gar keinen Supermarkt mehr erreichen bzw. insgesamt flexibler agieren müssen und das Internet sorgte dafür, dass wir mehr Aufträge bearbeiten können als früher.

Wir haben kategorisch zwischen Freiwilliger und Unfreiwilliger Arbeitslosigkeit zu unterscheiden. In einer Einzelfallbetrachtung mag persönliches Unvermögen bei Unfreiwilliger Arbeitslosigkeit eine Rolle spielen. Nicht aber, wenn Unfreiwillige Arbeitslosigkeit als gesellschaftliches Phänomen betrachtet wird. Hier ist nämlich grundsätzlich von einer Fehlfunktion des politischen – und damit inbegriffen – des monetären Umfeldes auszugehen.

Eine Fehlfunktion hat für mich jedes ökonomische System. Beim Debitismus darf es zu keiner gesamtwirtschaftlichen Bilanzverkürzung kommen, ohne eine Deflation zu riskieren – ganz besonders, wenn die Regierung jahrzehntelang penibel darauf achtete, eine solche deflationäre Bereinigung zu verhindern und so die Bilanzen aufs Irrsinnigste aufblähte.

In der Tat könnte und sollte sogar, eine zunehmende Automatisierung Arbeitslosigkeit mit sich bringen. Allerdings nur eine freiwillige. Bei der hingegen häufig anzutreffenden Vermutung, dass die Automatisierung auch Unfreiwillige Arbeitslosigkeit zeitigen würde, wird offenbar nur eine Seite der Medaille betrachtet und die andere Seite bleibt übersehen. Und zwar führt die Automatisierung zu niedrigeren monetären Kosten für die Produktion, weshalb sich ergo die Preise reduzieren, weshalb der Einzelne nun entsprechend mehr konsumieren kann, weshalb wiederum mehr produziert wird. Potentielle Arbeit ist dabei unendlich vorhanden, weil auch die Wünsche der Menschen unendlich sind. Wie viel wir arbeiten hängt also nicht unbedingt daran, wie viel Arbeit vorhanden ist, bzw. nachgefragt wird, sondern wie viel Arbeit uns unsere Wünsche wert sind.

Hier haben wir den Knackpunkt. Ich sage nicht, dass du Unrecht hast, sondern will hier meine Sicht der Dinge schildern. Dazu drei Punkte:

1. Hat diese Unendlichkeit der Wünsche (auf der ja der Debitismus im Kern beruht: Begehrlichkeiten wecken, die zuvor noch nicht da waren) eine natürliche Grenze. Beispielsweise kann der Mensch nur eine begrenzte Anzahl Kalorien am Tag zu sich nehmen, d.h. in der Kulinarik gibt es eine Konsumgrenze. Außerdem kann der Mensch sich allerhand für seine Freizeit wünschen, aber am Ende hat der Tag nur 24 Stunden. Meines Erachtens gibt es eine zeitliche Grenze, wie viel Wellness/Reisen/Computerspielen/etc. konsumiert werden kann. Und diese Grenze kann sich innerhalb dieser 24 Stunden (schlafen mal ausgenommen) nur zwischen Arbeit und Freizeit verschieben, d.h. je mehr der Mensch arbeitet, um sich in der Freizeit etwas gönnen zu können, desto weniger Freizeit hat er. Hat er umgekehrt viel Freizeit, hat er zu wenig Geld, um sich etwas gönnen zu können. Dieses wie ein Krebs ewig wuchernde System aus Bedürfnissen beißt sich am Ende in den eigenen Schwanz. Der Trend weg von der Konsumgesellschaft und hin zu einer Vereinfachung des Lebens und Wertschätzung des einfachen Lebens (der Hand in Hand geht mit der „Fellachisierung“ des Menschen) zeichnet sich bereits jetzt ab.

2. Stimmt deine Erklärung ja nur auf national abgeschotteter Ebene. Ein Unternehmen, das die Möglichkeit hat, eine ähnliche Qualität woanders zu einem Sklavenlohn produzieren zu können, wird im Sklavenland produzieren lassen – schon allein um konkurrenzfähig zu bleiben. Wir können dann zwar billiger konsumieren, können aber im Gegenzug immer weniger zum Export anbieten – es entsteht ein Handelsbilanzdefizit, d.h. man konsumiert nur mehr auf Pump, bis zur allgemeinen Überschuldung. Woher, denkst du, kommen die Bestrebungen die Arbeitszeit zu verlängern und die Mindestlöhne zu senken. Das hat nicht nur mit den prekären Staatsfinanzen oder der Demographie zu tun, sondern auch weil uns konkurrenztechnisch der Arsch auf Grundeis geht: Die Industrie wandert allmählich ab. Daran allein zeigt sich die Stupidität und fehlende Legitimität einer Partei wie "die Grünen", die Globalisierungsbefürworter sind, aber gleichzeitig für gewerkschaftlich festgelegte Mindestlöhne eintreten. Das ist eine Paradoxie sondergleichen.

3. Und mit der Automatisierung verschlimmert sich das innerhalb eines globalisierten Handels. Jobs gäbe es in Hülle und Fülle, aber wer bezahlt sie? Wer in den Kulturbetrieb geht oder Straßen und Züge säubert, wird von der Allgemeinheit bezahlt, weil er keinen direkten wirtschaftlichen Output hervorbringt. Man kann sich natürlich als Reinigungskraft für 2 Euro die Stunde prostituieren, aber genau hier sieht man schon in welche Richtung das geht: Senkung der Löhne und das bedeutet deflationäre Wirtschaftskrise, weil der Debitismus auf eine dauerhafte Ausweitung der Gesamtbilanz angewiesen ist, die bei uns auf einem ganz anderen (höheren) Level ist als in jungen Kulturen (ebenso wie die Verwaltung/Bürokratisierung/der Gesetzesdschungel, etc.). Natürlich kann man all die fehlenden Jobs wegerklären, indem man sie durch Wartungs- und IT-Arbeiten ersetzt, aber das ist natürlich bildungstechnisch illusorisch. Realiter wird das aber dann so ausschauen, dass die Unternehmen ins billige Ausland gehen und die gefragten Jobs in Wartung, Service, IT usw. dorthin hochbezahlt nachziehen. Der Westen hat derzeit noch das Know How, aber wenn dieses weg ist, sehe ich für ihn keine Zukunft. Zumindest nicht in einer globalisierten Welt.

Die von mir bereits angedeutete, und für die Unfreiwillige Arbeitslosigkeit Verantwortung tragende primäre Fehlfunktion ist im Übrigen in der herrschenden Praxis der Staatsfinanzierung zu suchen. Anstatt sich Geld selbst zu erzeugen, machen Staaten Schulden. So kontaminieren die Staaten die Märkte mit Leistungs- bzw. arbeitslosen Zinsquellen (=Verrentung). Eigentlich ist es überraschend, dass du dich auf den "Debitismus" berufst, und diesen Aspekt in diesem Zusammenhang aber unerwähnt lässt.

Geldschöpfung ohne Verschuldung ist netto-Geld und damit wertlos. Aber keine Sorge: In diese Richtung geht es ja bereits durch Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit und Ähnlichem. Die Zinsen sind nicht umsonst nahe Null oder gar negativ. Der Kapitalismus im Westen ist am Ende.

Löhne und Kaufkraft bedeuten von Anfang an eine Tautologie, zwei Seiten der selben Medaille. Dieses nicht nur weil Löhne von so identifizierten "Lohnarbeitern" an so identifizierte "Unternehmer" zurückfließen, sondern vielmehr deshalb, weil die hier in Anwendung gebrachten Unterscheidungskriterien dieser Gruppierungen für diese Betrachtung irrelevant sind. Im Grunde genommen bedeuten alle Wirtschaftsteilnehmer sowohl Produzenten wie Konsumenten, respektive Arbeitnehmer wie Arbeitgeber und zwar jeweils in der selben Person. Unterschiede bestehen nur auf der quantitativen Ebene, womit die hier gezeigten Wechselbeziehungen auch hinfällig werden, weil also jegliche Zahlung (ob nun von s.g. "Unternehmern" oder eben "Lohnarbeitern") eben dem entsprechenden Andern (ob nun dem s.g. "Unternehmer" oder "Lohnarbeiter") einen Lohn bedeuten.

Nein, nicht im Kapitalismus, weil jeder Unternehmer ja letztendlich Gewinn machen will. Deshalb verschuldet er sich zuerst, baut seinen Betrieb auf und bezahlt seine Angestellten. Damit er Gewinn machen kann, muss irgendwo mehr Geld herkommen, als er ausgegeben hat und das kann nur durch weitere Kredite bewerkstelligt werden. Zinsen sind übrigens in dieser Betrachtung auch nichts anderes als der Gewinn für eine Dienstleistung (z.B. der Geschäftsbank). Der Ursprung von Zins und Gewinn liegt in der Steuer an den Staat begründet. Wenn wir mal die ganze Historie der Staaten- und Geldentstehung außen vor lassen, dann müsste ein neu gegründeter Staat auf Kreditgeldbasis mehr dieser Zettel einnehmen, als er als Startgeld ausgegeben hat. Und schon ist der Zins in der Welt: Der Surplus an den Staat. Erst so zündet der Kapitalismus, indem er Privatpersonen zur Verschuldung zwingt.

Wie oben bereits angemerkt, ist eine Unterteilung zwischen „Unternehmern“ und „Lohnarbeitern“ nicht sinnvoll. Sinnvoll wäre aber eine Unterscheidung zwischen „Arm“ und „Reich“ Der Ruf nach Mindestlöhnen ist eine Folge einer diesbezüglich polarisierend wirkenden vorangegangenen Politik. Nicht aber etwa die Folge einer Welt in welche Gott zuvor „Unternehmer“ und „Lohnarbeiter“ gegeben hat.

Arm und Reich ist eine Folge des Kapitalismus. Der eine hat die zinstragenden Schulden, der andere das sich vermehrende Guthaben. Beides bedingt einander. Aufgabe der Politik ist es, wenn Interesse an einem funktionieren Staatsgebilde besteht, hier regulierend einzugreifen, was ihr aber in Zeiten der Globalisierung kaum mehr gelingt. Da wird nur mehr Politik für die oberen 10% gemacht. Wichtig für die Stabilität eines kapitalistischen Staates ist die bürgerliche Mittelschicht, die zur Oberschicht strebt und die Armut fürchtet. Sie sind die Leistungsträger des Staates. Wenn diese erodiert, ist der Staat am Ende bzw. wird letztendlich von den Cäsaren übernommen, die mit der Macht des Geldadels brechen.

Entschuldige, wenn ich hier nicht auf deinen gesamten Text eingehe. Das wär jetzt zu viel Schreibarbeit. Ich hoffe, ich habe keine Punkte weggelassen, die dir wichtig waren.


Beste Grüße
Phoenix5


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