Vom Segen der Automatisierung
Hallo Phoenix5
Gern wird hier im Forum das pro und contra der fortschreitenden
Automatisierung und Technologisierung und der damit einhergehenden (oder
nicht einhergehenden) Arbeitslosigkeit besprochen, aber selten mit dem
Debitismus verflochten und erklärt. Man sollte sich mal vor Augen führen,
wie wenige Frauen noch vor 60 Jahren berufstätig, d.h. ebenfalls
„arbeitslos“ im ökonomischen Sinne waren. Wenn die kulturellen
Rahmenbedingungen es für Frauen vorgaben, Hausfrau und Mutter zu sein,
schien also der Kapitalismus dennoch, zumindest temporär, funktioniert zu
haben. Woher kommt also plötzlich die Angst vor dem Jobverlust durch
Automatisierung? Dazu muss ich weiter ausholen.
Zunächst wäre es hier wichtig zu erkennen, dass wir alle im Allgemeinen Arbeit keinesfalls zu mehren, sondern zu verringern bedacht sind. So suchen wir für gewöhnlich auch nicht nach mehr, sondern allenfalls nach besser bezahlter Arbeit. Wir sind damit auch alle selbst bestrebt, unsere eigene Arbeit möglichst effizient zu gestalten, wobei eben auch die Automatisierung eine Möglichkeit bedeutet.
Wir haben kategorisch zwischen Freiwilliger und Unfreiwilliger Arbeitslosigkeit zu unterscheiden. In einer Einzelfallbetrachtung mag persönliches Unvermögen bei Unfreiwilliger Arbeitslosigkeit eine Rolle spielen. Nicht aber, wenn Unfreiwillige Arbeitslosigkeit als gesellschaftliches Phänomen betrachtet wird. Hier ist nämlich grundsätzlich von einer Fehlfunktion des politischen – und damit inbegriffen – des monetären Umfeldes auszugehen.
In der Tat könnte und sollte sogar, eine zunehmende Automatisierung Arbeitslosigkeit mit sich bringen. Allerdings nur eine freiwillige. Bei der hingegen häufig anzutreffenden Vermutung, dass die Automatisierung auch Unfreiwillige Arbeitslosigkeit zeitigen würde, wird offenbar nur eine Seite der Medaille betrachtet und die andere Seite bleibt übersehen. Und zwar führt die Automatisierung zu niedrigeren monetären Kosten für die Produktion, weshalb sich ergo die Preise reduzieren, weshalb der Einzelne nun entsprechend mehr konsumieren kann, weshalb wiederum mehr produziert wird. Potentielle Arbeit ist dabei unendlich vorhanden, weil auch die Wünsche der Menschen unendlich sind. Wie viel wir arbeiten hängt also nicht unbedingt daran, wie viel Arbeit vorhanden ist, bzw. nachgefragt wird, sondern wie viel Arbeit uns unsere Wünsche wert sind.
Die von mir bereits angedeutete, und für die Unfreiwillige Arbeitslosigkeit Verantwortung tragende primäre Fehlfunktion ist im Übrigen in der herrschenden Praxis der Staatsfinanzierung zu suchen. Anstatt sich Geld selbst zu erzeugen, machen Staaten Schulden. So kontaminieren die Staaten die Märkte mit Leistungs- bzw. arbeitslosen Zinsquellen (=Verrentung). Eigentlich ist es überraschend, dass du dich auf den "Debitismus" berufst, und diesen Aspekt in diesem Zusammenhang aber unerwähnt lässt.
Grundsätzlich müssen Unternehmen ihren Lohnarbeitern so viel Gehalt
zahlen, dass diese, mit ihrem Gehalt + ihren aufgenommenen Krediten, die
Produkte der Unternehmen auch kaufen können. Das ist natürlich keine
Vorgabe für die Unternehmen (die versuchen selbstverständlich die Löhne
zu drücken), sondern eine gesamtwirtschaftliche Tatsache: Der Unternehmer
kann nur dann Gewinn machen, wenn genügend Kaufkraft seiner Kunden da ist.
Auf der einen Seite regeln Angebot und Nachfrage die Preise der Waren, auf
der anderen Seite Angebot und Nachfrage bei Jobs den Preis des
Arbeitnehmers. Ein Gleichgewicht gibt es im Debitismus dabei nie. Mal boomt
die Wirtschaft und sie braucht Arbeitnehmer: Die Löhne steigen, mit ihnen
der Konsum und die Kreditaufnahme und damit auch die Preise von Waren und
Dienstleistungen – es besteht die Gefahr einer inflationären
Lohn-Preis-Spirale. Mal stagniert oder kontrahiert die Wirtschaft (schon
allein aufgrund des vorangegangenen Booms), sie rationalisiert und drückt
Löhne, Konsum und Kreditaufnahme brechen ein und die Preise sinken – es
besteht die Gefahr einer deflationären Spirale.
Löhne und Kaufkraft bedeuten von Anfang an eine Tautologie, zwei Seiten der selben Medaille. Dieses nicht nur weil Löhne von so identifizierten "Lohnarbeitern" an so identifizierte "Unternehmer" zurückfließen, sondern vielmehr deshalb, weil die hier in Anwendung gebrachten Unterscheidungskriterien dieser Gruppierungen für diese Betrachtung irrelevant sind. Im Grunde genommen bedeuten alle Wirtschaftsteilnehmer sowohl Produzenten wie Konsumenten, respektive Arbeitnehmer wie Arbeitgeber und zwar jeweils in der selben Person. Unterschiede bestehen nur auf der quantitativen Ebene, womit die hier gezeigten Wechselbeziehungen auch hinfällig werden, weil also jegliche Zahlung (ob nun von s.g. "Unternehmern" oder eben "Lohnarbeitern") eben dem entsprechenden Anderm (ob nun dem s.g. "Unternehmer" oder "Lohnarbeiter") einen Lohn bedeuten.
Wenn dabei 50% der volljährigen Bürger einer Volkswirtschaft keinen
direkten ökonomischen Output liefern (z.B. die Frauen als Hausfrauen), ist
das dem Debitismus grundsätzlich mal völlig egal, solange der Mann als
derjenige, der das Geld nach Hause bringt, seine Familie versorgen kann.
Der Staat, der natürlich an einer funktionierenden Wirtschaft, ergo einem
mindestens konstanten, am besten aber kontinuierlich zunehmenden
Steuerfluss interessiert ist,
Wer oder was ist der Staat, als dass dieser irgendwelche Interessen haben könnte? Vermutlich wäre hier der Begriff der „Regierung“ treffender. Nur scheint es aber schwer zu bestimmen, wer diese bildet, oder vielleicht wäre besser zu fragen, wessen Interessen durch diese vertreten werden. Könnte aber gesagt werden, dass durch die Regierung die Interessen des Volkes vertreten werden, dann sollte man doch meinen, dass dieses möglichst wenig Steuern zahlen möchte.
wird hierfür die Rahmenbedingungen vorgeben
durch Mindestlöhne - wie sie allesamt Anfang des 20. Jhdt (und besonders
nach WKII) in Europa Einzug erhielten
Wie oben bereits angemerkt, ist eine Unterteilung zwischen „Unternehmern“ und „Lohnarbeitern“ nicht sinnvoll. Sinnvoll wäre aber eine Unterscheidung zwischen „Arm“ und „Reich“ Der Ruf nach Mindestlöhnen ist eine Folge einer diesbezüglich polarisierend wirkenden vorangegangenen Politik. Nicht aber etwa die Folge einer Welt in welche Gott zuvor „Unternehmer“ und „Lohnarbeiter“ gegeben hat.
- höhere Unternehmenssteuern (zur
Umverteilung) und einer Erleichterung des Zugangs des Privatmannes zum
Kreditmarkt. Alles was zählt ist, dass auf der einen Seite für den
Unternehmer noch genügend Geld übrig bleibt, das sein unternehmerisches
Risiko rechtfertigt
Ja, was ist das eigentlich für ein komisches „Risiko“ welches man eingeht, weil am Ende genügend Geld übrig bleibt?
und auf der anderen Seite der arbeitende Mann seine
Familie durchbringt. Natürlich bringen doppelt so viele Arbeitnehmer (die
Frauen im Arbeitsmarkt) auch doppelt so viel wirtschaftlichen Output, aber
da der Staat, v.a. in einer Demokratie, immer von Industrielobbyisten
durchsetzt ist, wird das zwangsläufig auf lange Sicht dazu führen, dass
sich das Gehalt des Mannes dann schlichtweg auf Mann und Frau aufteilt.
Das ist wohl leider zutreffend, wie das hier aber hergeleitet worden wäre, kann ich nicht recht erkennen.
Solange der kleine Mann davon leben kann, arbeitet er eben die zweite
Hälfte seines Lebens für Oberschicht, Geldadel und Staat. Alles was sich
ändert, sind also nur die Relationen. Man könnte ebenso gut eine
20-Stunden-Woche für Jedermann bei gleichem Gehalt einführen, solange man
damit auf nationaler Ebene das Unternehmertum, d.h. die Motivation des
Unternehmers nicht abwürgt. Natürlich gäbe es dann weniger
Schnickschnack zu kaufen, aber die Lebensqualität würde signifikant
steigen. Aufgepasst: Ich rede hier von einem national abgeschotteten
Wirtschaftsraum, der kaum wirtschaftliche Beziehungen zum Rest der Welt
pflegt.
Übrigens hätten sowohl Männer wie Frauen auch heute prinzipiell die Freiheit z.B. nur 20 Stunden, oder auch gar nicht zu arbeiten. Es ist gleichzeitig zweifelsfrei festzustellen, dass Arm und Reich zunehmend polarisieren. So werden entsprechende Bevölkerungsschichten also gezwungen mehr zu arbeiten. Du scheinst nun aufzeigen zu wollen, dass aber etwas anderes dahinter stecke, als dass sich lediglich von der Mehrheit der Menschen abweichende Interessen politisch durchsetzen würden.
Wie kam es überhaupt dazu, dass die Frauen, mit der euphemistisch
umschriebenen „feministischen Bewegung“ in den Arbeitsmarkt gedrängt
wurden? Oder anders gefragt: Wie konnte es eine feministische Bewegung mit
hehren Zielen, die sich bereits im 18.Jhdt nachweisen lässt, erst so spät
zu den Schalthebeln der Macht schaffen? Wer hat sie nach oben gehievt? Die
Beantwortung dieser Frage ist eng verwandt mit dem Problem der
Automatisierung, auf das ich gleich zurückkomme: Das Schlüsselwort heißt
„Globalisierung“. Erst mit der Bewegungsfreiheit der Unternehmen, ist
der imaginäre nationale Vertrag zwischen Staat, Bürger und Unternehmen
zerbrochen. Mit der Globalisierung verschwand das nationale Unternehmertum
und wurde international. Gleichzeitig wurde Know-how in aller Herren
Länder transferiert, was dazu führte, dass nicht mehr die Politik die
Rahmenbedingungen vorgeben konnte, sondern die Unternehmen, die sagten:
Wenn ihr uns zu viele Steuern abverlangt oder die Löhne zu stark hebt,
dann wandern wir eben ab. Erst mit dem Sieg der Konzernmacht und der
internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen musste der Staat, um
langfristig überlebensfähig zu sein, mit anderen Ländern konkurrieren
und das heißt nichts anderes als sich langfristig den prekären
Verhältnissen der Arbeitnehmer in anderen Ländern anpassen. Erst jetzt
begann der Siegeszug des Feminismus, weil einerseits durch das Lohndumping
der Mann seine Familie nicht mehr allein ernähren konnte und der Staat
gleichzeitig die Frauen für das allgemeine Lohndumping von der
patriarchalischen Abhängigkeit „befreien“ musste, d.h. als
Arbeitsrädchen in die Wirtschaft drängte, um langfristig ein Gehalt, auf
zwei Personen aufzuteilen zu können. Das ist auch der Grund warum in der
Ära der Globalisierung die Einkommensschere zwischen arm und reich
hoffnungslos zunehmen muss: Der Staat hat keinen Spielraum, Unternehmertum
und Geldadel aber jeden nur erdenklichen Freiraum aus Erpressung und
Bestechung.
Nun wäre aber doch zu fragen, warum denn auf einmal die Globalisierung über die Menschheit hergefallen ist. Warum ergab sich die Globalisierung nicht viel mehr dadurch, dass der „imaginäre Vertrag zwischen Staat, Bürger und Unternehmen“ „zerbrochen“ ist? Die sich entwickelnden Technologien mögen die Aktionsradien der einzelnen Individuen vergrößert haben, was aber auch nur eine neue Quantität, aber keine neue Qualität in die Welt brachte.
Und hier schließt sich der Kreis zur Automatisierung. In einem voll
souveränen Staat, mit starker Binnenwirtschaft und internationaler
Abschottung wäre diese überhaupt kein Problem. Eine Hälfte arbeitet in
der Wirtschaft und alimentiert die andere, welche Aufgaben fürs Gemeinwohl
erledigt. Für einen international konkurrierenden, globalisierten Staat
mit aufgeblähten Staats-, ZBs- und Privatbilanzen ist die Automatisierung
dagegen eine Katastrophe, weil er einerseits Jobs verliert, aber die
Unternehmen nicht zwingen kann, diesen Kaufkraftverlust durch höhere
Steuern oder Löhne zu kompensieren, ohne dass diese drohen in Länder
abzuwandern, deren Bilanzen und Verwaltung weniger stark aufgebläht sind.
Die Folgen wären Deflation und Staatsbankrott. Deshalb bin ich mir auch
absolut sicher, dass so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen –
hauptsächlich geschöpft als netto-Geld – kommen wird. Es wird zu viel
sein um zu sterben, aber zu wenig um zu leben. Das alles ist nichts anderes
als das langsame Sterben des Abendlandes (nicht erst mit der
Automatisierung). Auf lange Sicht ist die Automatisierung nur ein weiteres
Mosaiksteinchen, das am Ende zur Stadtflucht, der Auflösung hierarchischer
und organisatorischer Strukturen und am Land zur Subsistenzwirtschaft
führt: Der Wirtschaftsform des Fellachen, während sich rundherum private
Familien um Macht und Einfluss bekriegen.
Wie oben bereits angemerkt ist die Automatisierung aber überhaupt kein Problem, sondern für gewöhnlich ein Segen. Müssten Staaten wirklich untereinander konkurrieren, dann sollte die Automatisierung die Wettbewerbsfähigkeit unterstützen. Allerdings bezweifle ich diese angebliche Notwendigkeit sehr. Staaten definieren sich vor allem durch Landesgrenzen, welche vielleicht auch militärisch bedroht sein mögen, von wirtschaftlichen Aspekten aber allenfalls sekundär berührt werden könnten. Wer also in einem Land lebt, der lebt dann halt unter den dort herrschenden Bedingungen. Solange die Menschen nicht alle verhungern oder auswandern, sich dafür aber fleißig reproduzieren, bleibt erst mal alles beim Alten. Wie passt eigentlich z.B. Nordkorea in dein Weltbild? Es könnte aber auch sicher etwas stattfinden, was man Globalisierung nennen könnte, was aber die allgemeine Lebensqualität eher befördern sollte. Mit Verlaub konnte ich keinen Mechanismus nachvollziehen, welcher die Menschen dazu zwingen sollte, mehr zu arbeiten, oder in einen Drift von Arm und Reich zu zwingen. Die Menschen werden unter Zuhilfenahme von List und Hinterhalt ausgequetscht, das ist alles. Der Aberwitz der globalen Staatsfinanzierung ist hierfür Erklärung genug.
Gruß
Phoenix5PS: Die Automatisierung ließe sich natürlich (analog zur nationalen
Souveränität), in einer Weltregierung steuern. Dort könnte man global
verbindliche Arbeitnehmerschutzgesetze implementieren. Für mich ist eine
Weltregierung nichts anderes als der feuchte Traum eines degenerierten
Geldadels, der nicht weiß, was er sonst den lieben langen Tag tun soll.
Allein die Verwaltung einer Weltregierung über Jahrzehnte ist ein Ding der
Unmöglichkeit - von Jahrhunderten ganz zu schweigen.
So bedarf es auch keiner Steuerung der Automatisierung. Die Menschen haben sich ihrer Unterdrückung bewusst zu werden, und ihre Rechte einzufordern.
Schöne Grüße
--
... in Wirklichkeit ist ... immer alles ganz anders, als es ... in Wirklichkeit ist ...