Automatisierung – mittel- und langfristige ökonomische Aussichten

Phoenix5, Mittwoch, 03.08.2016, 19:31 (vor 3494 Tagen)3230 Views
bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 03.08.2016, 20:12

Gern wird hier im Forum das pro und contra der fortschreitenden Automatisierung und Technologisierung und der damit einhergehenden (oder nicht einhergehenden) Arbeitslosigkeit besprochen, aber selten mit dem Debitismus verflochten und erklärt. Man sollte sich mal vor Augen führen, wie wenige Frauen noch vor 60 Jahren berufstätig, d.h. ebenfalls „arbeitslos“ im ökonomischen Sinne waren. Wenn die kulturellen Rahmenbedingungen es für Frauen vorgaben, Hausfrau und Mutter zu sein, schien also der Kapitalismus dennoch, zumindest temporär, funktioniert zu haben. Woher kommt also plötzlich die Angst vor dem Jobverlust durch Automatisierung? Dazu muss ich weiter ausholen.

Grundsätzlich müssen Unternehmen ihren Lohnarbeitern so viel Gehalt zahlen, dass diese, mit ihrem Gehalt + ihren aufgenommenen Krediten, die Produkte der Unternehmen auch kaufen können. Das ist natürlich keine Vorgabe für die Unternehmen (die versuchen selbstverständlich die Löhne zu drücken), sondern eine gesamtwirtschaftliche Tatsache: Der Unternehmer kann nur dann Gewinn machen, wenn genügend Kaufkraft seiner Kunden da ist. Auf der einen Seite regeln Angebot und Nachfrage die Preise der Waren, auf der anderen Seite Angebot und Nachfrage bei Jobs den Preis des Arbeitnehmers. Ein Gleichgewicht gibt es im Debitismus dabei nie. Mal boomt die Wirtschaft und sie braucht Arbeitnehmer: Die Löhne steigen, mit ihnen der Konsum und die Kreditaufnahme und damit auch die Preise von Waren und Dienstleistungen – es besteht die Gefahr einer inflationären Lohn-Preis-Spirale. Mal stagniert oder kontrahiert die Wirtschaft (schon allein aufgrund des vorangegangenen Booms), sie rationalisiert und drückt Löhne, Konsum und Kreditaufnahme brechen ein und die Preise sinken – es besteht die Gefahr einer deflationären Spirale.

Wenn dabei 50% der volljährigen Bürger einer Volkswirtschaft keinen direkten ökonomischen Output liefern (z.B. die Frauen als Hausfrauen), ist das dem Debitismus grundsätzlich mal völlig egal, solange der Mann als derjenige, der das Geld nach Hause bringt, seine Familie versorgen kann. Der Staat, der natürlich an einer funktionierenden Wirtschaft, ergo einem mindestens konstanten, am besten aber kontinuierlich zunehmenden Steuerfluss interessiert ist, wird hierfür die Rahmenbedingungen vorgeben durch Mindestlöhne - wie sie allesamt Anfang des 20. Jhdt (und besonders nach WKII) in Europa Einzug erhielten - höhere Unternehmenssteuern (zur Umverteilung) und einer Erleichterung des Zugangs des Privatmannes zum Kreditmarkt. Alles was zählt ist, dass auf der einen Seite für den Unternehmer noch genügend Geld übrig bleibt, das sein unternehmerisches Risiko rechtfertigt und auf der anderen Seite der arbeitende Mann seine Familie durchbringt. Natürlich bringen doppelt so viele Arbeitnehmer (die Frauen im Arbeitsmarkt) auch doppelt so viel wirtschaftlichen Output, aber da der Staat, v.a. in einer Demokratie, immer von Industrielobbyisten durchsetzt ist, wird das zwangsläufig auf lange Sicht dazu führen, dass sich das Gehalt des Mannes dann schlichtweg auf Mann und Frau aufteilt. Solange der kleine Mann davon leben kann, arbeitet er eben die zweite Hälfte seines Lebens für Oberschicht, Geldadel und Staat. Alles was sich ändert, sind also nur die Relationen. Man könnte ebenso gut eine 20-Stunden-Woche für Jedermann bei gleichem Gehalt einführen, solange man damit auf nationaler Ebene das Unternehmertum, d.h. die Motivation des Unternehmers nicht abwürgt. Natürlich gäbe es dann weniger Schnickschnack zu kaufen, aber die Lebensqualität würde signifikant steigen. Aufgepasst: Ich rede hier von einem national abgeschotteten Wirtschaftsraum, der kaum wirtschaftliche Beziehungen zum Rest der Welt pflegt.

Wie kam es überhaupt dazu, dass die Frauen, mit der euphemistisch umschriebenen „feministischen Bewegung“ in den Arbeitsmarkt gedrängt wurden? Oder anders gefragt: Wie konnte es eine feministische Bewegung mit hehren Zielen, die sich bereits im 18.Jhdt nachweisen lässt, erst so spät zu den Schalthebeln der Macht schaffen? Wer hat sie nach oben gehievt? Die Beantwortung dieser Frage ist eng verwandt mit dem Problem der Automatisierung, auf das ich gleich zurückkomme: Das Schlüsselwort heißt „Globalisierung“. Erst mit der Bewegungsfreiheit der Unternehmen, ist der imaginäre nationale Vertrag zwischen Staat, Bürger und Unternehmen zerbrochen. Mit der Globalisierung verschwand das nationale Unternehmertum und wurde international. Gleichzeitig wurde Know-how in aller Herren Länder transferiert, was dazu führte, dass nicht mehr die Politik die Rahmenbedingungen vorgeben konnte, sondern die Unternehmen, die sagten: Wenn ihr uns zu viele Steuern abverlangt oder die Löhne zu stark hebt, dann wandern wir eben ab. Erst mit dem Sieg der Konzernmacht und der internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen musste der Staat, um langfristig überlebensfähig zu sein, mit anderen Ländern konkurrieren und das heißt nichts anderes als sich langfristig den prekären Verhältnissen der Arbeitnehmer in anderen Ländern anpassen. Erst jetzt begann der Siegeszug des Feminismus, weil einerseits durch das Lohndumping der Mann seine Familie nicht mehr allein ernähren konnte und der Staat gleichzeitig die Frauen für das allgemeine Lohndumping von der patriarchalischen Abhängigkeit „befreien“ musste, d.h. als Arbeitsrädchen in die Wirtschaft drängte, um langfristig ein Gehalt, auf zwei Personen aufzuteilen zu können. Das ist auch der Grund warum in der Ära der Globalisierung die Einkommensschere zwischen arm und reich hoffnungslos zunehmen muss: Der Staat hat keinen Spielraum, Unternehmertum und Geldadel aber jeden nur erdenklichen Freiraum aus Erpressung und Bestechung.

Und hier schließt sich der Kreis zur Automatisierung. In einem voll souveränen Staat, mit starker Binnenwirtschaft und internationaler Abschottung wäre diese überhaupt kein Problem. Eine Hälfte arbeitet in der Wirtschaft und alimentiert die andere, welche Aufgaben fürs Gemeinwohl erledigt. Für einen international konkurrierenden, globalisierten Staat mit aufgeblähten Staats-, ZBs- und Privatbilanzen ist die Automatisierung dagegen eine Katastrophe, weil er einerseits Jobs verliert, aber die Unternehmen nicht zwingen kann, diesen Kaufkraftverlust durch höhere Steuern oder Löhne zu kompensieren, ohne dass diese drohen in Länder abzuwandern, deren Bilanzen und Verwaltung weniger stark aufgebläht sind. Die Folgen wären Deflation und Staatsbankrott. Deshalb bin ich mir auch absolut sicher, dass so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen – hauptsächlich geschöpft als netto-Geld – kommen wird. Es wird zu viel sein um zu sterben, aber zu wenig um zu leben. Das alles ist nichts anderes als das langsame Sterben des Abendlandes (nicht erst mit der Automatisierung). Auf lange Sicht ist die Automatisierung nur ein weiteres Mosaiksteinchen, das am Ende zur Stadtflucht, der Auflösung hierarchischer und organisatorischer Strukturen und am Land zur Subsistenzwirtschaft führt: Der Wirtschaftsform des Fellachen, während sich rundherum private Familien um Macht und Einfluss bekriegen.

Gruß
Phoenix5

PS: Die Automatisierung ließe sich natürlich (analog zur nationalen Souveränität), in einer Weltregierung steuern. Dort könnte man global verbindliche Arbeitnehmerschutzgesetze implementieren. Für mich ist eine Weltregierung nichts anderes als der feuchte Traum eines degenerierten Geldadels, der nicht weiß, was er sonst den lieben langen Tag tun soll. Allein die Verwaltung einer Weltregierung über Jahrzehnte ist ein Ding der Unmöglichkeit - von Jahrhunderten ganz zu schweigen.


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