Die viergeteilte Menschheit
Hallo Kaladhor!
Vor ein paar Tagen hatte ich über den totalitären Staat (anknüpfend an Bertrand Russell) geschrieben. Ich danke für die Antworten und parallelen Beiträge! Was Du hier anschneidest, gehört für mich zur gleichen Thematik: Folgen der Technik für die soziale Organisation. Aktuell gibt es auf ARTE ein Serie "Stadt ohne Namen", die mit einfachen filmischen Mitteln das ebenfalls etwas ausleuchtet.
Der Stand der geschichtlichen Entwicklung des Menschen hat eine Anlage (im Sinne von Option, Potential), die zu einer Aufsplitterung der Menschheit führt - also gar nicht zu einer Einheit, von der viele gegenwärtig träumen.
Der erste Teil der Menschen, die kleinste Gruppe (M-1), nur wenige zehn Millionen umfassend, lebt in einer Art ELYSIUM, völlig sorgenfrei, und kann sich jeden Wunsch erfüllen. Es handelt sich um Angehörige des alten Geldadels, um Neureiche und um weitere über Generationen hinweg etablierte Familienverbände. Das ELYSIUM, das sie sich gestalten, ist sehr vielfältig und wird an Vielfalt noch zunehmen. Es ist kein eigenes Land, sondern zerstreut über den ganzen Globus und mit je völlig individuellen Lebensentwürfen. Am großen Rest der Menschheit haben die ELYSIER praktisch kein Interesse mit Ausnahme der essentiellen Verbindungen in die Gruppe M-2, von der eine gewisse Abhängigkeit besteht, die durch Anreiz kompensiert werden muss: den Anreiz mancher Menschen in M-2, irgendwann ebenfalls zu M-1 gehören zu dürfen, wenigstens aber zu ihrem Dunstkreis. So wenig wie die Elysier sich für die übrige Menschheit interessieren, so wenig kennt letztere die Elysier. Allenfalls ein paar ihrer Namen geistern durch die Medien. Die meisten von ihnen sind der Mehrheit unbekannt.
Die Gruppe M-2 ist zahlenmäßig die zweitgrößte Gruppe, schätzungsweise eine bis (höchstens) zwei Milliarden. Sie ist stark geschichtet, differenziert und strukturiert. In ihr herrscht eine hohe Dynamik (Eigentum, Einkommen, Bildung, Talente, Leistungsfähigkeit, Macht). Zu ihr gehört alles vom Spitzenpolitiker bis zum Gefängnisleiter, vom frisch gebackenen Master bis zum Nobelpreisträger, vom Jungmanager bis zum Konzernlenker, vom Softwareprogrammierer bis zum Raketenkonstrukteur. Es sind die Leute, die jahrzehntelang hinter irgendwelchen Projekten und Karrieren hinterherlaufen, und bei denen es manchmal durchaus gut, bei den meisten aber in der Bilanz am Leben vorbei geht. Es sind dies die Menschen, die die Welt am Laufen halten. Sie haben die stärkste Kraft, nutzen sie aber nur, um damit ein kollektives Hamsterrad anzutreiben, das Jahrhunderte und inzwischen den ganzen Globus umspannt und umtreibt.
Die nächste Gruppe M-3 ist zahlenmäßig die größte, und sie lebt in den Tag hinein - teils freiwillig, teils schicksalhaft, also gezwungener Maßen. Es sind die 2-Dollar-Menschen, von denen wir neulich einmal gesprochen hatten. Wir brauchen ihr keine besondere Aufmerksamkeit schenken, denn es gibt sie überall: sie sind das Reservoir für die Drecksarbeit, der Abnahmemarkt für billige Massenware, die Genreserve für M-2 und zugleich das Sorgenkind von M-2. In M-1 mag man vielleicht denken, es wäre besser, wenn M-3 deutlich kleiner wäre, aber M-2 führt das dann auch tatsächlich durch. M-3 ist angeblich eine Belastung für die Umwelt, einfach von der Masse her. Es gibt in M-2 aber viele Idealisten, die wollen das Problem M-3 auf edle Weise lösen. In Wirklichkeit aber ist M-3 überhaupt kein Problem, sondern M-3 ist unzerstörbar und wird es immer geben. Alle Wogen der Geschichte und alle Katastrophen gehen über M-3 hinweg. M-3 das sind die Laubblätter an den Bäumen, die im Frühjahr herauskommen und bei starkem Wind sowie im Herbst wieder zu Boden fallen.
Die Gruppe M-4 nenne ich hier mal die WILDEN. Sie sind zahlenmäßig etwas größer wie M-1, schätzungsweise 100 Millionen (vielleicht etwas hoch geschätzt?). Es sind jene Menschen, die noch eine ausreichende Substanz der alten kulturellen Traditionen der Menschheit forttragen, wofür sie aber einen relativ unberührten Lebensraum brauchen oder ihn aktiv sich sichern müssen. Denn diese alten Traditionen sind auf solche Lebensräume eng bezogen. Das sind dann also Stämme im Amazonasurwald, oder Indios in den Anden und in der Sonorawüste, ein paar letzte Mohikaner in Kanada, 5000 originale Eskimos in Alaska, dazu Vollblutschwarze und Hottentotten in Afrika (hier die höchste humangenetische Vielfalt bei gleichzeitig der geringsten Zahl von Individuen!!), und natürlich viele andere Völker in Australasien von Sibirien bis zum Ayers Rock. Ich bin mir echt nicht sicher über ihre Zahl, denn es gibt von diesen Wilden natürlich auch noch viele Individuen und Gruppen in den zivilisierten Regionen. Hier im Ländle kenne ich etliche, die arbeiten zum Beispiel bei Porsche in der Entwicklungsabteilung, aber halten zuhause noch Hühner und gehen in den Gesangsverein. Also man sollte diese Menschen nicht unterschätzen, die gibt es weltweit überall. Und sie gehören definitiv nicht zu den drei anderen Gruppen.
In der Antike gab es schon recht früh eine Vier-Elemente-Lehre, später kam noch die "Quinta Essentia" hinzu. Es gibt, man muss es sagen, also noch eine fünfte Gruppe Menschen. Das Kuriose: man trifft sie in allen vier Gruppen an, quer durch die Bank, aber sie verbergen sich. Sie führen ein Leben als Elysier oder Karrierist oder 2-Dollar-Mensch oder als Wilder. Aber das ist nur ihre Tarnung. Zahlenmäßig ist es die geringste Gruppe der Menschheit. Vielleicht hunderttausend Individuen. Niemand kennt sie, sie kennen sich auch gegenseitig nicht. Allerdings - wenn sie sich begegnen, erkennen sie sich sofort. Nehmen dann aber trotzdem keinen Kontakt zueinander auf. Sie bilden höchstens sehr kleine private Netzwerke, maximal ein Dutzend Individuen umfassend (und das ist schon viel!). Sie geben jedoch das, an dem sie arbeiten und das sie leben, von Generation zu Generation sorgfältig weiter. In der Mehrzahl klappt das dann, aber gelegentlich bricht eine Kette ab, die oft schon seit Jahrzehntausenden bestehen mag. Diese Menschen haben das Menschliche schon überschritten.
Nur der Vollständigkeit halber: natürlich gibt es auch Aliens unter uns. Sie sind aber nicht wichtig. Ich halte sie für bedeutungslos, egal ob sie mit Raumschiffen rumfliegen oder transmittiert wurden. Wir tragen beispielsweise allerhand Viren und Bakterien mit uns herum, die ebenfalls recht fremdartig sind. Auf ein paar Aliens mehr oder weniger kommt es also nicht an. Sie sind unwichtig. Der Mensch ist genauso stark und entwickelt wie sie.
Die Verhältnisse und Problemlagen, von denen Du, Kaladhor, gesprochen hast, betreffen eigentlich nur die Gruppe M-2 (mit ein bißchen M-1). Dort wird unausgesprochen, jedoch überhaupt nicht verschwörerisch, vielmehr naturgesetzlich/geschichtlich/evolutionär an einer totalitären technischen NWO gearbeitet, in den Transhumanismus hineinreichend. Die NWO, aber nur in M-2, ist sehr wahrscheinlich zwangsläufig, allerdings erst im Entstehen begriffen. Wir sehen von ihr aktuell erst die Anfänge. Dieses Projekt wird sich noch einige Jahrhunderte hinziehen, weil die menschliche Geschichte etwas kurvig ist. Das NWO-Projekt wird sich allerdings niemals vollkommen durchsetzen bzw. verwirklichen. Weil es immer die Gruppen M-3 und M-4 geben wird. Sowie M-5 und die Aliens. Und weil es in seinem innersten Kern ein absolut langweiliges Projekt ist.
Allseits ein schönes Wochenende,
wünscht Weiner.