Schreibstil, Sprache und Denken
Nicht nur die Finanzen und die Infrastruktur sollen dem Verfall anheim
gegeben werden, sondern auch die Sprache.Wenn man die Dinge nicht mehr denken kann, dann kann man sie bald auch
nicht mehr machen.
Zum Thema gab es hier im Gelben erst kürzlich einen Thread:
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=373099
Zum Thema Schreiben füge ich hinzu:
Maße oder Masse? Wie würde nun ein Grundschüler diese Worte schreiben? Mase oder Mase?
Anmerkung: Ich habe die entsprechenden Textpassagen der nachfolgend zitierten Texte mit original alter Rechtschreibung belassen, weil diese so in den Artikeln stehen.
"Richtig Schreiben lernen wir ähnlich wie Geigespielen oder Hochsprung. Man weiß: Wenn sich dabei gewisse falsche Routinen einmal entwickelt haben, sind sie kaum wieder abzutrainieren."
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/guenter-jansen-ueber-die-schlechte-rechtschre...
"Zusätzlich wird häufig das umstrittene und wissenschaftlich nicht belegte Schweizer-Modell verwendet. Wo Kinder durch Lesen, mittels Anlauttabelle, das Schreiben erlernen sollen. Nicht selten beobachten wir, dass viele Kinder dann in der Grundschule Probleme in der Rechtschreibung durch die falschen Methoden, bekommen. Was wahrscheinlich eine maßgebliche Ursache für den hausgemachten Erwerb von LRS bedeutet."
https://www.legasthenie-coaching.de/haben-wir-eine-hausgemachte-rechtschreibkatastrophe/
“Viele Erstklässler lernen nur noch Druckschrift, kritisiert die Pädagogin Ute Andresen. Für das Lernen und den Erwerb von Wissen sei es aber wichtig, verbunden schreiben zu können, weil man sich so Dinge besser merke. … Es gibt in Deutschland keine wirklich aussagekräftige Forschung dazu, allerdings in anderen Ländern. In Amerika zum Beispiel, wo man ja schon sehr viel länger Tastaturen und Tablets und so weiter auch im frühen Unterricht hat, hat man mittlerweile gemerkt, dass man auf dem Holzweg ist damit. Dort gibt es Studien, die sagen: Mit der Hand schreiben lernen und wirklich genau schreiben lernen, bedeutet, dass man sicher wird in dem Bereich. Und dass das Handschreiben auch dazu führt, dass man das, was man mit der Hand geschrieben hat, sich einfach besser merkt und besser klar macht als das, was man getippt hat.â€
http://www.deutschlandradiokultur.de/druckschrift-vs-schreibschrift-stirbt-die-handschr...
Zum Thema Sprache und Denken:
„Jemand, der englisch oder deutsch spricht, ordnet die Bilder so, dass die Zeit von links nach rechts fortschreitet. Hebräisch oder arabisch Sprechende legen die Karten eher von rechts nach links. Dies zeigt, dass die Schreibrichtung beeinflusst, wie wir Zeit organisieren … Darüber hinaus beeinflusst die Struktur einer Sprache auch, wie leicht es ist, etwas Neues zu lernen. Zum Beispiel geben die Zahlwörter in manchen Sprachen die Dezimalstruktur eingängiger wieder als im Englischen, Deutschen oder Französischen; so gibt es im Mandarin keine Ausnahmen wie 11 oder Zifferndreher wie 13 oder 21. Darum lernen chinesische Kinder schneller, mit dem Dezimalsystem umzugehen … Aber rufen nun Sprachunterschiede unterschiedliches Denken hervor – oder ist es eher umgekehrt? Wie sich zeigt, trifft beides zu: Unsere Denkweise prägt die Art, wie wir sprechen, aber der Einfluss wirkt auch in der Gegenrichtung … Nachweislich ändern bilinguale Personen ihre Weltsicht je nachdem, welche Sprache sie gerade verwenden. Wie zwei Studien 2010 zeigten, hängen sogar grundlegende Vorlieben und Abneigungen von der Sprache ab, in der danach gefragt wird … Überraschenderweise verschoben sich bei den Zweisprachlern diese unwillkürlichen Vorurteile je nach der Sprache, in der die Tests durchgeführt wurden. Wenn die arabisch-hebräischen bilingualen Teilnehmer auf Hebräisch getestet wurden, zeigten sie gegenüber Juden eine positivere Grundhaltung als bei den gleichen Tests auf Arabisch. Anscheinend spielt die Sprache eine viel größere Rolle für unser geistiges Leben, als die Wissenschaftler früher annahmen … Was die Forscher "Denken" nennen, ist offenbar in Wirklichkeit eine Ansammlung linguistischer und nichtlinguistischer Prozesse. Demnach dürfte es beim Erwachsenen kaum Denkvorgänge geben, bei denen die Sprache keine Rolle spielt. Ein Grundzug menschlicher Intelligenz ist ihre Anpassungsfähigkeit – die Gabe, Konzepte über die Welt zu erfinden und so abzuändern, dass sie zu wechselnden Zielen und Umgebungen passen … Indem Wissenschaftler erforschen, wie die Sprache unsere Denkweise formt, enthüllen sie, wie wir Wissen erzeugen und die Realität konstruieren.“
http://www.spektrum.de/news/wie-die-sprache-das-denken-formt/1145804
„Wilhelm von Humboldt hat dies Anfang des 19.Jahrhunderts, zurückkehrend von seinen großen Reisen, wie folgt formuliert: „Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken“. Und weiter: „Die Sprache ist gleichsam die äußere Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ist ihre Sprache, man kann sich beide nie identisch genug denken.“ Damit wären die Grenzen meiner Sprache auch die Grenzen meiner Welt. … Benjamin Lee Whorf, von Hause aus ein Ingenieur, vertrat die radikalste Position … seiner Meinung nach sind sogar die grundlegendsten Begriffe der Menschheit wie Raum, Zeit oder Materie von Sprache abgeleitet. Diese Begriffe sind allerdings relativ, bedeuten für Menschen unterschiedlicher Sprachräume folglich unterschiedliche Empfindungen. Whorf machte dies am Beispiel der nordamerikanischen Hopi-Indianer deutlich. Sie hätten als Naturvolk vollkommen andere Vorstellungen vom Universum und gliederten es daher in ihrer Sprache dementsprechend anders auf als Sprecher einer „Industriesprache“. … Natürlich gibt es auch psychologische Experimente, mit denen das Verhältnis von Sprache und Denken genauer bestimmt werden soll … Ausgangspunkt der Arbeit war die Frage, ob es sprachfreie Denkprozesse gäbe … neben einer Gruppe von Probanden, die während der Problembearbeitung laut denken sollten, gab es weitere Gruppen, in denen Probanden daran gehindert werden sollten, Sprache zu benutzen. … stellte sich klar heraus: unterdrückt man das „innere Selbstgespräch“, wirkt sich dies durchgängig negativ aus. Obwohl man die gestellten Aufgaben prinzipiell sprachfrei hätte lösen können, zeigt sich die hohe Bedeutung von Sprache für die Steuerung der zugrundeliegenden Problemlöseprozesse. „Sprachlose Denker“ haben wesentlich mehr Schwierigkeiten und verhalten sich rigider und ineffizient. … Das Thema Denken und Sprache hat auch durchaus politische Aspekte. … Tatsächlich wurden Frauen aber nur von der Hälfte der Testpersonen – gebildeten Studierenden beiderlei Geschlechts – akzeptiert! Das heißt: wenn wir das Wort Kunde oder Radfahrer hören, denken wir in allererster Instanz an männliche
Vertreter dieser Kategorie, obwohl beide etwa gleich häufig in diesen Rollen auftreten. Wir sehen an diesem Beispiel, daß Sprechen und Denken tatsächlich eng zusammenhängen – und im Sinne der „political correctness“ heißt die Konsequenz: wenn wir eine zuhörende Person dazu bringen wollen, an Männer und Frauen in einer bestimmten Rolle zu denken, müssen wir auch unsere Sprache bewußt verwenden und dürfen uns nicht mit dem Hinweis auf das generische Maskulinum entschuldigen – die experimentellen Befunde entkräften dieses Argument. … Sprache ist nur ein Faktor, der unsere Kognitionen und unser Verhalten bestimmt.“
http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/mitarb/jf/Funke_1999_Sprache&Denke...
Grüße
Kamille
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Wenn du wüsstest, was ich weiß, wärst du auch Veganer.