Betrachtungen
... gab es milde Urteile für die Täter, weil die Angeklagten sich nicht
zu ihrer Tatbeteiligung geäußert hatten und der todbringende Schlag so
nicht zugeordnet werden konnte.
Die Täter in diesem Fall sind gewiss jünger als 93 Jahre und haben selbstbestimmt gehandelt; man kann Betrachtungen darüber anstellen, welche Handlungsautonomie z. B. das Personal eines entsprechenden Lagers im Zweiten Weltkrieg hatte. Für manche war es bestimmt eine glückliche Fügung des Schicksals an keiner Front kämpfen zu müssen und statdessen in einem welchem Zweck auch immer dienenden Lager Dienst zu verrichten. Ist es nicht so, dass totalitäre bzw. mililtärische Systeme die Verantwortlichkeiten derart zerlegen, dass sie für jeden Einzelnen, der befehligt wird, tragbar, rechtfertigbar und durchführbar werden? Hinterher kann man wahrheitsgemäß sagen "Ich habe nur meinen Befehlt erfüllt". Dies mag bei moralischer und menschlicher Betrachtung einer Ausrede gleich kommen, aber welche Chance hätte eine einzelne Befehlsverweigerung gehabt? Keine, denn darauf stand gemäß Kriegsrecht des Zweiten Weltkrieges in Deutschland Kerkerhaft oder Exekution - ein anderer Soldat wird auf den frei gewordenen Posten gestellt, da dieses Menschenmaterial austauschbar ist.
Die Bedenken beim kleinen Soldaten mögen demnach und in Ermangelung eines umfassenden Überblicks der Absichten der "Führungsetage" eher persönlicher Natur gewesen sein, als bei den Planern und jenen, die das System und Vernichtungspläne etabliert haben, aber selbst bei voller Kenntnis gibt es keinen Ausstieg aus diesem "Beschäftigungsverhältnis", außer man stirbt, gerät in Gefangenschaft oder begeht erfolgreich Fahnenflucht.
Man könnte ebenso Betrachtungen darüber anstellen, wie unmoralisch die Entscheidung der UdSSR war, viele ihrer Soldaten nach Tschernobyl zu befehligen und sie tödlich strahlende Brocken per Schaufel in den Reaktor zurück zu befördern. Gewiss war das zur Verhinderung eines größeren Unheils und nebenbei ein "heroischer Akt", aber auch diese Begebenheit zeigt, dass Befehle Konsequenzen haben, über die ein Soldat vielleicht nachdenkt, aber der Befehligende lenkt! Man bedenke einmal ganz unbefangen, wie sich die Geschichte und die Beurteilung aller möglichen Geschehnisse entwickelt hätte, wenn Deutschland beide Kriege gewonnen hätte...
Gruß, Fairlane