Glenn Greenwald über den heutigen US-Journalismus

nereus, Dienstag, 21.04.2015, 09:29 (vor 3920 Tagen)3895 Views

Ich lese gerade das Buch „Die globale Überwachung“ von Glenn Greenwald.
Dieses Buch beschreibt die Affäre um Edward Snowden, dessen Enthüllungen einen weltweiten Skandal über die NSA-Überwachungsaktionen und ihre willfährigen Helfer auslösten.
Angesichts der auch hier oftmals kontroversen Diskussion zum Thema Journalismus möchte ich einige kleine Textpassagen aus dem Buch einstellen, welche die Veränderungen dieses "Gewerbes" der letzten Jahrzehnte beschreiben.

Seite 330:

Doch der entscheidende Grund für diesen Hass auf mich ..

gemeint ist die oftmals negative Berichterstattung bekannter Journalisten und Moderatoren großer Agenturen und Magazine über Greenwald

.. lag darin, daß sich die Hofberichterstatter pflichtschuldigst zu Sprachrohren der politischen Machtträger machen lassen.
Folglich blicken sie wie die Politiker voller Verachtung auf diejenigen, die die Machtzentren Washingtons kritisch beleuchten oder unterminieren.
Früher galten echte Journalisten als die Außenseiter schlechthin. Viele, die diesen Beruf ergriffen, wollten sich eher den Mächtigen widersetzen als ihnen dienen, und nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch mit ihrer ganzen Person. Die Wahl des Journalistenberufs war praktisch eine Garantie dafür, das Dasein eines Außenseiters zu führen: Reporter verdienten wenig, hatten kein hohes gesellschaftliches Ansehen und galten meist als zwielichtig.
Das ist heute ganz anders. Mit dem Aufkauf von Medienunternehmen durch die größten Konzerne der Welt wurden die meisten Medienstars zu hochbezahlten Angestellten, die sich nicht von anderen Mitarbeitern gleichen Ranges unterscheiden. Sie offerieren der Öffentlichkeit Medienerzeugnisse im Namen ihres Unternehmens, als handelte es sich um Bankdienstleistungen oder Finanzprodukte.

Seite 331:

Wer innerhalb der Strukturen großer Unternehmen Karriere macht, hat sich meist daran gewöhnt, im Sinne der institutionellen Macht zu handeln, statt sie zu untergraben. Daher eignen sich die Erfolgreichen des Unternehmerjournalismus gut als Zuarbeiter der Macht. Sie identifizieren sich mit der institutionellen Autorität und sind darauf trainiert, ihr zu dienen.

Seite 333:

Viele einflußreiche Journalisten in den USA sind inzwischen Multimillionäre. Sie wohnen in den selben Vierteln wie die Politiker und die Finanzelite, denen sie angeblich so genau auf die Finger schauen. Sie treffen sich bei den selben Veranstaltungen, bewegen sich bei denselben Freundes- und Bekanntenkreisen, ihre Kinder besuchen dieselben privaten Eliteschulen.
Unter anderem aus diesem Grund können Journalisten und Regierungsbeamte so bruchlos ihre Stellen tauschen. Die Drehtür hievt die Medienleute auf hohe Posten in Washington, und umgekehrt geben Politiker ihre Poste oft für einen lukrativen Job bei den Medien auf.

Quelle: Glenn Greenwald, Die globale Überwachung, Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen
Droemer Verlag 2014, ISBN 978-3-426-27635-8

Es dürfte nicht sehr weit hergeholt sein zu postulieren, daß solche Verhältnisse auch anderswo herrschen, vor allem in den Ländern, dessen Regierungen sich nachdrücklich als die besten Freunde von Uncle Sam begreifen und artikulieren.

mfG
nereus


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