Hallo Planicus,
Ich glaube, die Kriegs- und Nachkriegsgeneration - nicht nur unsere
Besatzer - haben in der Auslöschung unseres kollektiven Gedächtnisses
ganze Arbeit geleistet. Sie haben so das Band zwischen den Generationen,
angefangen von der Reichsidee Kaiser Otto's im 9.Jh., durchschnitten und
die Nachfolgegeneration sich selbst überlassen, ohne ihr eine kollektive
Identität zu vermitteln.
...das empfinde ich ebenso, und es ist so ein deprimierendes Gefühl dabei.
Es scheint leider so, dass die Nachfolgegenerationen entweder kein Interesse daran haben, oder, sie sind von ihrem Halbwissen so überzeugt, dass nichts daneben gelten darf. Oft vermisse ich ein interessiertes, entdeckerfreudiges Herangehen, ein Hinterfragen, ein ständiges Prüfen der Werte, die sich in einer Gesellschaft doch so dynamisch ändern. Ist die gewohnte Sicht auf Geschehenes noch richtig, oder gibt es neue Erkenntnisse usw. Stattdessen wird kritiklos konsumiert, was auf den Teller gelegt wird.
Wenn ich mir vorstelle, in welch brutaler, hinterhältiger, menschen- und kulturverachtenden Art in drei Angriffswellen aberhunderter Bomber nacheinander ein Teil der Stadt und ein Teil ihrer Menschen ausgelöscht wurden, sie in Kellern erstickten, im Feuer verbrannten oder in Löschteichen regelrecht gegart wurden, dann empfinde ich es nur widerlich, wie mit dem 70-jährigen Gedenken hier und heute umgegangen wird.
Die Veranstaltung in der Frauenkirche mit vielen Worthülsen, und draussen dann einige demonstrierende Gutmenschen, so empfand ich die Situation.
Gestern im MDR spät abends drei Sendungen über das Inferno, die eine bereits 10 Jahre alt. Übermorgen dann irgendwo im Bezahlfernsehen noch etwas über die Historikerkomission, die nun herausgefunden hatte, dass es nicht 300000, nicht 35000, sondern etwa 25000 Opfer der Angriffe gegeben hatte.
Die traditionelle zentrale Gedenkfeier auf dem Heidefriedhof wurde erstmals ersatzlos gestrichen. Aus Angst vor der Volksmeinung? PEGIDA? NPD?
Gibt es hier nichts anderes zu vermitteln, zum Beispiel die Tragik der Schicksale, die Hintergründe der Terrorbombardements, echte Trauer und Ehre und Danksage an die, welche mit blossen Händen die Trümmer ihrer herrliches Stadt beseitigen mussten, mit Hunger und Trauer und Verzweiflung im Bauch?
Davon wären doch sicher noch einige dieser mutigen Veteranen aufzutreiben gewesen, oder? Und ebenso dabei auch Häftlinge und russische Kriegsgefangene, die, so wie ich weiss, Leichen und Schutt wegräumten.
In der angeführten Sendung im MDR sah man Überlebende, die sich zum gemeinsamen Gedenken im engen Kreis treffen. Warum wohl, vielleicht auch deshalb, weil ihr Anliegen an anderer Stelle nicht das erwartete Gehör und die erforderliche Feinfühligkeit und Aufmerksamkeit findet?
Und allzu offensichtlich wohl auch deshalb, weil 'der Nachfolgegeneration die kollektive Identität eben nicht übermittelt wurde' - um mit ähnlichen Worten wie Planicus zu schreiben. Übermittelt werden ihr dafür ständig politisch korrekte Verhaltensregeln und -muster, von denen sie sich wohl nahezu kritiklos an die Hand nehmen lässt, denn ohne geht es nicht mehr.
Leider.
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Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.