Erzwingt der Verkehrsinfarkt neue Formen der Arbeitsorganisation, insbesondere Telearbeit?

Plancius, Sonntag, 11.12.2016, 16:13 (vor 3378 Tagen)3258 Views

Wir haben seit einigen Monaten in NRW, insbesondere im Raum Köln den täglichen Verkehrsinfarkt. 400 km Stau im Berufsverkehr in NRW sind zur Normalität geworden.

Auch ich habe darunter zu leiden. Z.B. brauche ich aus dem Kölner Umland zu meinem Düsseldorfer Kunden im Medienhafen für 37 km Strecke ca. 1h 45min. Abends stehe ich dann schon 30 min ab dem 2.Untergeschoss der Tiefgarage, um überhaupt erst mal auf die Straße zu kommen.

Pendler, die früher 45 min aus dem Westerwald, Siegburg, der Eifel oder dem Bergischen Land zur Arbeit gebraucht haben, sind nun 2 Std. unterwegs, d.h. 4 Std. Fahrt täglich.

Es brechen jetzt ganze Lebensentwürfe zusammen. Morgens 7.30 Uhr die Kinder fertig zur Schule machen, um dann 8.30 Uhr am Arbeitsplatz zu sein, geht nicht mehr. Man ist gezwungen, früher aufzustehen und man ist auch abends später zu Hause. Aber wer kümmert sich um die Kinder, wenn täglich 3 Std. Lebenszeit zusätzlich als geplant verloren gehen? Das Häuschen im Grünen mit Zwang zum Individualverkehr muss so mit einem hohen täglichen Stressfaktor erkauft werden.

Auch öffentliche Verkehrsmittel sind nur selten eine Alternative. Zum einen sind öffentliche Verkehrsmittel nur unzureichend ins ländliche Umland ausgebaut, zum anderen haben auch die Passagiere von Bus und Bahn mit täglichen Verspätungen, Ausfall von Bussen und Bahnen und einem maroden Schienennetz zu kämpfen. Noch dazu kommen seit ca. 3 Jahren die Streikfreudigkeit im öffentlichen Dienst und den Verkehrsbetrieben.

Ein Umzug aus dem Umland ins teure Köln ist auch mit Risiken behaftet. Ich habe 2 Bekannte, die wegen der Arbeit nach Köln gezogen sind. Nun sind ihre Büros nach Essen bzw. nach Bonn verlegt worden. Insbesondere das tägliche Pendeln Köln – Essen ist die Hölle auf Erden, sowohl mit Auto als auch mit der Bahn.

Die Beamten von „strassen.nrw“ wissen gar nicht, welches Leid sie den Leuten zufügen, indem sie allen Verkehrsteilnehmern ein katastrophales Baustellenmanagement zumuten. Anstatt wenige Baustellen zu eröffnen und an diesen dann rund um die Uhr zu arbeiten, werden flächendeckend Baustellen eingerichtet, an denen dann bis zu mehreren Jahren mal von Zeit zu Zeit gearbeitet wird. Es ist eine Schande, dass Deutschland in der Baustellenplanung, der Arbeitsorganisation und auch in der Qualität der Bauausführung auf Dritte-Welt-Niveau angekommen ist. Schuld tragen hier jedoch meines Erachtens nicht die Baufirmen. Die können hervorragend arbeiten, wenn sie wollen und dürfen. Das beweisen Straßenbaustellen der STRABAG im Ausland. Vielmehr tragen falsche Prioritäten seitens der Politik und stümperhaftes Management der Straßenbaubehörden die Hauptschuld.

Einer meiner Kölner Kunden ist jetzt auch damit konfrontiert, dass die Mitarbeiter wegen des Verkehrsinfarkts zunehmend unkonzentriert und ausgebrannt sind. Burnouts und Krankheiten häufen sich. Meetings platzen zunehmend wegen Verspätungen. Die Hamster sind wohl endgültig an ihrem Limit angekommen.
Jetzt hat man ein Projekt ins Leben gerufen, um zu prüfen, wie man die Arbeit incl. Meetings organisieren kann, wenn die Mitarbeiter zum großen Teil von zu Hause arbeiten. Das betrifft dann den Zugang zum firmeninternen Netzwerk incl. Sicherheitsaspekte, Software für Videochat, Teilen von und gemeinsames Arbeiten an Dokumenten, Online-Meetings usw.

Ich glaube, im Hinblick auf räumlich verteiltes Arbeiten unter Nutzung der modernen Kommunikationsmedien steht uns jetzt ein großer Wandel bevor. Aber auch hier ist Deutschland wieder schlecht gewappnet. Wenn ich mir die schlecht ausgebauten DSL-Netze im Westerwald anschaue, wo selbst Firmen immer noch auf Richtfunknetze angewiesen sind, kann einem nur noch schlecht werden. Es ist ein Jammer, auf welch niedrigem infrastrukturellen Niveau wir unter Aufzehrung unseres Kapitalstocks mittlerweile angekommen sind.

Gruß Plancius

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Der Königsweg zu neuen Erkenntnissen ist nach wie vor der gesunde Menschenverstand.


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