Wo der Hase im Pfeffer liegt

Monterone, Freitag, 18.11.2016, 11:03 (vor 3400 Tagen) @ stocksorcerer3225 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 18.11.2016, 11:30

Dieses zentralistische Europa ist menschenfeindlich und ungerecht. Aber
das müssen die Menschen alle erkennen und etwas dagegen zu tun bereit
sein.

Welche Mittel hätten die Menschen, erst recht, wenn sie Deutsche sind, zu erkennen, wie bösartig dieses System ist?

Stell Dir bitte mal vor, ein anderes Land, sagen wir Polen, stünde 70 Jahre lang unter deutscher Besatzung.

Alles, was Agnieszka und Andrzej von der Wiege bis zur Bahre vorgesetzt bekämen, stammte aus deutschen Quellen und erzählte ihnen rund um die Uhr von der Überlegenheit der nationalsozialistischen Weltanschauung.

Schulbücher, Lehrpläne, Studieninhalte, Medien, Geschichtsbücher und Unterhaltung würden in unendlichen Variationen immer nur einen Gedanken verbreiten, daß Polen seinem Schicksal und der schwarzen Madonna von Tschenstochau dankbar sein muß, so großmütige Sieger gefunden zu haben wie Adolf Hitler und die Nationalsozialisten.

Radio, Fernsehen und Kino brächten kaum etwas anderes als Variationen darüber, wie menschheitsbeglückend die nationalsozialistische Weltanschauung doch sei. Wer das nicht gut findet oder gar wagt, an den Lehren der deutschen Besatzer Kritik zu üben, wird mit gesellschaftlichem Ausschluß, existenziellem Ruin und Gefängnis bestraft.

Da Polen dank der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Finanzpolitik eine große wirtschaftliche Blüte erlebt, haben sich die Menschen mit der Besatzung nach und nach abgefunden; halten sie größtenteils sogar für die beste aller möglichen Welten.

So hätte es noch einmal 70 Jahre weitergehen können, hätte das in immer mehr kriegerische Konflikte verwickelte Berlin das besiegte Warschau nicht zu immer höheren Tributleistungen gezwungen und die Folgen seiner Expansionspolitik nicht in Polen abgeladen.

An Weichsel und Oder wurde das Leben immer unangenehmer. Die Menschen begannen jeden Tag unzufriedener zu werden und dachten nach 70 Jahren dösender Sattheit, daß es vielleicht nicht schlecht wäre, die deutschen Besatzer loszuwerden.

Offener Widerstand war unmöglich, dazu waren die Hakenkreuzler noch zu stark. Außerdem hatten sie das ganze Land von Regierung, Parlament, Militär, Geheimdiensten, Polizei und Justiz völlig im Griff. Praktisch überall, wo man hinkam, sogar bei Post, Ämtern und Behörden konnte man sicher sein, auf einen Nazi zu treffen.

Es kam also erst mal darauf an, einen gewissen Widerstandsgeist zu wecken. Den Polen mußte klar gemacht werden, daß sie ein völlig falsches und viel zu positives Bild von Deutschland und dem Nationalsozialismus haben.

Aber alles, was sich an kritischen Ansätzen finden ließ, war, daß es im täglichen Leben immer öfter Aua gemacht hat.

Dabei blieb es dann auch, denn Alternativen zum menschheitsbeglückenden nationalen Sozialismus hatte Andrzej Normalpole an politischer Theorie nie kennengelernt und wenn, dann wurde ihm das auf eine Art und Weise vermittelt, daß er nur tiefsten Abscheu vor diesen völlig anders gearteten und menschenfeindlichen Ansichten empfinden konnte.

Sobald er versuchte, die Situation Polens einer kritischen Analyse zu unterziehen, landete er jedesmal an einem Punkt, daß die Probleme nur daher kämen, weil Polen nicht nationalsozialistisch genug sei.

*Wir brauchen schlicht und einfach mehr Nazismus, nur so kann es besser werden. Nazismus jetzt, muß unsere Devise sein!*

Und wenn er nicht gestorben ist, so hofft Andrzej noch viele weitere Jahrzehnte, daß es besser werden wird, wenn sein ganzes Denken, Reden, Fühlen und Handeln den Vorgaben der deutschen Besatzer folgt.

Ähnlich aussichtslos wie in dem fiktiven Polen ist meiner Meinung nach die deutsche Situation.

Zuerst muß man sich von einem gegebenen Herrschaftskonzept gedanklich und seelisch verabschieden, bevor man daran geht, es zu kippen.

So lange man sich innerhalb eines Systems der Besatzerherrschaft bewegt, bleiben nur zwei Möglichkeiten der Befreiung. Entweder die Besatzungsmacht geht von selbst in die Knie, oder das besetzte Land schmiedet neue Allianzen, um sich aus dem Würgegriff zu befreien.

Beide Möglichkeiten führen das Risiko mit sich, daß die Befreiung nur eine sehr kurze und vorübergehende sein wird, sofern ihr nicht ein tragfähiges theoretisches Konzept zugrundeliegt.

Um wieder das polnische Beispiel aufzugreifen. Angenommen, Warschau suchte hintenrum nach neuen Verbündeten, stünden sich die Polen auch noch selbst im Weg und drohten über ihre eigenen Füße zu stolpern, weil sie ja nach wie vor von der alleinseligmachenden Richtigkeit des Nationalsozialismus überzeugt wären, womit der Kreis möglicher Bündnispartner erheblich eingeschränkt wäre.

So lange wir nicht aufhören, uns und die Welt durch eine Brille zu betrachten, die uns die USA aufgesetzt haben, werden wir so hilflos bleiben wie in meinem Beispiel dargestellt.

Ich möchte nicht von irgendwelchen Historikern in 20 Jahren zu lesen
kriegen, was es da an historischen Chancen gegeben hat, die man hat
vorbeiziehen lassen, weil man die Falschen hat weitermachen lassen.

Sollte es so weitergehen wie bisher, wird kein Historiker imstande sein, die verpaßten Chancen darzustellen, weil bekanntlich auch die Geschichtsschreibung dazu da ist, die sogar in ganz besonderer Weise, Besatzerpropaganda zu verbreiten.

Monterone


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