Willkommens-Polemik.
Hallo zusammen,
Hallo Diego2,
das ist mein erster echter Beitrag / meine erste Threaderöffnung, daher
die Bitte um Nachsicht, wenn jemanden dieser Beitrag zu dumm vorkommen mag.
Du stellst gute Fragen bzw. wirfst interessante Punkte auf. Benutze gerne die Forumssuche bzgl. bestimmter Stichworte, die Dich beschäftigen und lies' Dich einfach ein wenig ein bzw. stell weiter konkrete Fragen, wenn die Forensuche nichts ergibt.
Ich habe vor einigen Tagen ein sehr interessantes Gespräch mit jemanden
geführt, der sich sehr gut mit der globalen Finanzpolitik auszukennen
schien und auch recht gut vernetzt schien.
Na dann
Ist das einer derjenigen Superstar-Experten, die vor 2008 alle brav an die Taylor Rule geglaubt haben und nun als genau die intellektuellen Dünnbrettbohrer da stehen, die sie mindestens bis 2008 waren?
Inwiefern hat sich seine Sichtweise seit 2007/08 geändert? Was ist die dramatischste Neuerung in seiner Weltsicht seit 2007/08?
Hier ein paar seiner Thesen:
1) TTIP/ CETA wird in erster Linie deshalb versucht, mit Gewalt
einzuführen, um eine einheitliche westliche Währung vorzubereiten. (Erst
gemeinsamer Wirtschaftsraum mit gleichen Regeln, dann gleiche Währung.
Siehe EWG, EU und Euro).
Ja, eh klar. Nur... das mit dem Euro... hm... Eurokrise? Da war doch irgendwas?
Ich bin jetzt mal ein wenig provokant und polemisch:
Die Staatswissenschaftstotalagnostiker, die das institutionelle Design der EU hervorgebracht haben, scheinen die Fresse noch nicht ordentlich genug von der Wirklichkeit poliert bekommen zu haben, weil sie diesen geistigen Dünnpfiff nun auf die gesamte westliche Welt anwenden wollen.
Aus der Sicht der Superprofiteure kann ich das sogar verstehen. Es funktioniert aber SCHON JETZT politisch nicht mehr.
Davon abgesehen, dass Staatswissenschaftler einen solchen Quatsch erst überhaupt gar nicht machen würden.
Ich möchte mal gerne wissen wie viele Leute in der deutschen Verwaltung mit der Faust geballt in der Tasche und ungläubig auf die Idiotie der politischen Entscheidungsträger und ihrer ökonomischen Einflüsterer (die ihre grotesk schlechten Landkarten der Wirtschaftswirklichkeit regelmäßig mit der Wirtschaftswirklichkeit verwechseln) schauen und nur darauf warten, dass es mal irgendwann wieder eine Regierung gibt, die versteht was ein Staat eigentlich ist.
2) Angeschlossen sind die 6 grossen westlichen Notenbanken, die dauerhafte
Dollardevisen SWAPs vereinbart haben.
(http://www.faz.net/aktuell/finanzen/devisen-rohstoffe/devisen-tausch-vereinbarungen-zentralbanken-leihen-sich-dauerhaft-devisen-12643223.html)
Ja, das stimmt.
3) Die entsprechenden Währungen sind daher jetzt schon alle vom USD
abhängige Derivate und nicht mehr eigenständig.
Dafür hätte es die Swaps aber nicht benötigt.
Der Eurodollar ist seit den Anfängen in den 1950ern zu dem Zahlungsmittel der Welt geworden. Global Money.
4) Es wird alles versucht, das Schuldenproblem durch Hyperinflationierung
zu beseitigen, damit es nicht zum (deflationären) Crash kommt.
Ja, das schon.
Aber mit Geldpolitik alleine kann es nicht funktionieren. Ich glaub bis auf die deutsche Regierung weiß das auch so ziemlich jeder heute. Immerhin steht die deutsche Regierung an der Spitze einer Exekutive, die den Namen verdient. In Europa ist der "moderne Staat", d.h. eine meritokratische und bürokratische Verwaltung, statt einer (neo-)patrimonialen bzw. klientelistischen Verwaltung, ja leider nicht der Standard. Staaten wie Griechenland, Bulgarien, Italien (Süditalien), ... sind leider nur Abziehbilder von funktionierenden Staaten. Das kann die deutsche Regierung freilich selbst dann nicht so sagen, wenn sie es wüsste. Wobei ich Schäuble als Juristen es eher zutraue die institutionellen Unzulänglichkeiten in der Peripherie zu sehen, als seinem ehemaligen, aus einem solchen klientelistischen Staat kommender postkeynesianischer Gegenpart Yanis Varoufakis.
Freilich betrifft jeden Staat das Phänomen der Repatrimonialisierung (Fukuyama).
In €uropa - und damit sind wir wieder bei den Staatswissenschaftstotalagnostikern - gibt es außer der Zentralbank gleich mal gar keine Institution, die Fiskalpolitik überhaupt machen könnte.
Wir haben es in Europa wirklich mit Schildbürgern in der Regierung zu tun.
Ach ne... halt... genau! Es gibt ja gleich auch gar keine europäische Regierung! Wozu auch? Das hat sich ja bewährt einfach keine Regierung zu haben. Kennt man ja aus der Geschichte.
Es lief immer dann am besten, wenn es gar keine Regierung gab.
Nein?
Die €uropäer scheinen noch immer wenigstens leidlich überzeugt, dass "Standortwettbewerb" ins Glück führt.
Auch heute wieder: "Systemwettbewerb" im Jahresbericht des "Sachverständigenrates"... da muss ich lachen.
Staatswissenschaftstotalagnostiker. Ich kann es nicht freundlicher sagen. Die Inkompetenz in Festlandseuropa ist wahrlich schwer auszuhalten.
5) Am Ende wird es zwangsläufig eine globale (oder westliche)
Währungsreform geben.
Was genau soll mit "Währungsreform" gemeint sein?
6) Möglicherweise neues Bretton Woods System mit Dollarkopplung als
Vorstufe / Zwischenstufe möglicherweise goldgedeckt, Golddeckung ist nicht
zwingend.
Also dass das "Non-System" seit Anfang der Siebziger Jahre sich gerade in seine Einzelteile zerlegt (gedeckte Zinsparität galt immer als das einzige auf das man sich verlassen kann - nun - das kann man heute auch nicht mehr) bemerkt ja sogar schon die Wirtschaftspresse. Übrigens gibt es selbstverständlich nicht nur Vollpfosten: Paul Volcker nannte den Wechsel zu flexiblen Wechselkursen eine gesteuerte "Desintegration der Weltwirtschaft". Wie recht er hatte.
Und Gold? Wenn man sich die Geschichte ansieht, dann wurde Gold - als Geld der Kreditlosen - immer weiter in die oberen Sphären der Geld-Hierarchie gedrängt und ist dort seit dem zweiten Weltkrieg, bzw. allerspätestens seit 1971 sogar völlig raus (und weltweit durch den Eurodollar ersetzt). Gold braucht man nicht unbedingt für ein Weltwährungssystem, ein Weltwährungssystem dagegen braucht man schon.
Ich möchte gerne daran erinnern, dass wir uns nicht mehr in Zeiten des Welthandels mit nationaler Produktion, sondern längst in einer Zeit der Weltproduktion befinden.
Das ganze "Zurück zum Nationalstaat" Gedöns, das von ahnungslosen Linken und Rechten gleichermaßen gehört werden kann, kann man getrost in die intellektuelle Tonne verfrachten. Was tatsächlich politisch gemacht wird freilich steht in den Sternen.
Denn dieser Trend ("Zurück zum Nationalstaat") kommt ja gerade daher, dass es zu wenig Staat (d.h. Öffentliches Recht) an den nötigen Stellen (oben in der Hierarchie) gibt, weil man diesen neoliberalen Unsinn geglaubt hat, dass "der Markt" schon irgendwie alles richten werde. Eine Zentralbank bräuchte man halt, wegen der inhärenten Instabilität des Finanzsystems (so weit hat der Friedman ja immerhin auch noch gedacht). Dieser neoliberale Unsinn wiederum konnte in den 1980ern deshalb Platz greifen, weil der Keynesianismus in den 1970ern durch den Wechsel von Käufer- zu Verkäufermärkten intellektuell überfordert war. Diese wichtige Unterscheidung haben Keynesianer nicht auf dem Radar und deshalb würden sie auch heute - wären sie am Ruder - mit ihren Maßnahmen ("Industry Policy" oder weiß der Geier was), die letztlich "mehr Geld in die Peripherie" bedeuten würden absolut nichts sinnvolles bewirken. Es sei denn freilich dieses Geld würde zum Aufbau funktionierender Staatlichkeit genutzt.
Staat ist nicht das selbe wie Nation.
Europäer werden irgendwann beginnen müssen wahr zu nehmen, dass es zwar einerseits genuin europäische Interessen aber andererseits noch keine Institutionen, die sie wirksam vertreten könnte, gibt. Einen europäischen "Nationalismus" in just diesem Sinne wird es schon benötigen um zu einem funktionierenden europäischen Bundesstaat zu kommen, der genau das auf der Bundesebene erledigt, was auf der Landesebene eben nicht erledigt werden kann. Ansonsten ist Europa halt "Toast", wie Clinton in ihren gestern veröffentlichten E-Mails schreibt. Kann auch gut passieren.
6) Neue globale / westliche Währung, ggf. basierend auf
Sonderziehungsrechten des IWF (praktisch schon jetzt unendlich herstellbar,
problematisch wäre, dass sich SZR schon jetzt am Wert der wichtigsten (und
dann evtl. hyperinflationierten) Währungen orientieren, ggf. goldgedeckt
oder aber auch nicht.
Die SZR sind gut gemeint aber in der Wirkung haben sie sich wenn es darauf ankam als Schrott erwiesen. Es braucht ein Kreditsystem auch auf der höchsten Hierarchieebene. So ein Bestandssystem wie die SZR ist einfach zu lahm. Immer dann wenn es die Liquidität ganz oben mal bräuchte ist dann nicht genügend da. Man müsste dieses und jenes beantragen, das dauert... Kann man vergessen. Liquidity kills you quick!
Warum nutzen wohl alle den Eurodollar?
Es braucht auch oben ein Kreditsystem (gibt es heute mit den von Dir oben erwähnten C6-Swaplinien). Zu einem echten Kreditsystem (heute ist es ein "Non-System") geht es für das Weltfinanzsystem hin. Hoffen wir es mal.
Aber das alleine reicht selbstverständlich nicht. Es braucht state building. Und daran kann sich keiner mehr selbst erinnern wie das im Westen erfolgreich gemacht wird. Es ist zu lange her.
Schon mal jemand einen Staat gebaut und - statt staatlicher Institutionen - einfach nur eine Zentralbank irgendwo hingestellt?
Und? Hat das gut funktioniert?
Wie oft hat das in der Geschichte schon gut funktioniert?
Noch gar nie?
Ui!
Wie kommt's?
Ich muss gestehen, dass ich TTIP noch nie als Vorstufe einer gemeinsamen
Währung betrachtet habe und dies auch noch nicht so (hier) diskutiert
wurde. Ich halte dieses Szenario aber im Vergleich zur Euroeinführung
wirklich als naheliegend (Ich bestreite nicht die anderen TTIP Folgen, die
hier und anderswo ernsthaft diskutiert werden). Gibt es dazu andere
Meinungen?
Also prinzipiell ist das doch eine total naheliegende Sache, dass das "Öffentliche Recht" den eigenen Machtbereich ausweiten muss um mit den privaten, multijurisdiktionalen Mächten (sog. "Multinationale Konzerne") mithalten, bzw. sie im Zaum halten zu können.
Noch zu viele glauben halt, dass das Wort "Wettbewerb" nur eine einzige Bedeutung haben könnte.
Deshalb glauben sie auch, dass Standortwettbewerb der einzelnen Staaten untereinander eine tolle Sache sei.
Weil?
Weiß man nicht so genau.
Ach ja, doch. Weil das der einzige Grund ist, der in der Schweiz die Steuern so schön niedrig hält... Der "Steuerwettbewerb" der Kantone. Wer's glaubt wird selig.
Aber das heißt eben nicht, dass man einen westlichen Einheitsstaat bauen sollte. Nein, Subsidiaritätsprinzip. Aber: es braucht eine bundesstaatliche Ebene, die insbesondere wirtschafts- und sicherheitspolitische Entscheidungsfähigkeit hat. Das können die Länder nicht machen. Insbesondere jene nicht, die eine gemeinsame Währung haben. Aber der Allerletzte müsste es spätestens in der sog. "Flüchtlingskrise" bemerkt haben, dass es in Europa nicht etwa allgemein einfach "zu viel Staat", sondern zu wenig Staat an den richtigen Stellen gibt.
Weiss jemand, ob es Devisen SWAP Vereinbarungen in Westeuropa vor der EURO
Einführung gab?
Ja, es gab ähnliche Vereinbarungen ("Beistandskredite"). Permanente, wechselseitige und unlimitierte Swaplinien, die zudem als Vertrag schriftlich fixiert wurden, sind mir so aber in der Tat neu.
Tatsächlich war es ja die tatsächliche Limitiertheit der Bundesbank-Beistandspflicht, die George Soros die Bank von England knacken ließ
Herzlichen Gruss
Diego
Willkommen hier an Board!
Schöne Grüße
--
BillHicks
..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.