Heinsohn und Deutschland - keine gute Beziehung..
Lieber Stefan,
auch mich hat vor einigen Jahren das Heinsohns Buch "Söhne und Weltmacht" sprachlos gemacht. Allerdings bin ich froh, inzwischen die Sprache wiedergefunden zu haben. Denn Heinsohns Beitrag ist tatsächlich weniger zutreffend, als die mathematische Einfachheit seiner Kernthese nahelegen mag. Er sagt: wenn es im Mittel dritte Söhne in einer Gesellschaft gebe, so sei Krieg die notwendige Folge. Ich will andeuten, warum ich diesen Befund für oberflächlich halte. Unbestritten bleibt natürlich, dass hirnlose Vermehrung nichts Gutes bewirkt, dass also gesunde Geburtenkontrolle in einem kultivierten Staat funktionieren muss. Bildung für Frauen ist da interessanterweise der wirksamste Faktor.
Eines der ganz großen Probleme der Heinsohn-Hypothese ist allerdings Folgendes: Der für Deutschland katastrophalste Krieg ist mit dieser These NICHT zu erklären. Die Geburtenraten gehen in D seit etwa 1912 zurück. Mit Heinsohns Generationenartihmetik würde folgen, dass 1939 ein idealer Zeitpunkt zur nachhaltigen Demilitarisierung Deutschlands gewesen wäre. Zum erstenmal seit Jahrhunderten standen im Mittel in D nicht mehr drei Söhne pro Familie zur Verfügung, sondern deutlich weniger. Was dann wirklich geschah, zumindest aus offizieller Sicht, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
Daraus folgt unzweifelhaft, dass entweder Heinsohns Hyphothese falsch ist, oder der 2. Weltkrieg Deutschland von außen aufgezwungen wurde, und zwar als Folge eines Geburtenüberschusses anderswo. Die Frage wäre dann: Wo? In Polen!? In Frankreich!?? In den USA!???
Nun gut, der geübte Theoretiker lässt sich von solchen Fakten nicht stören. Aber sie mindern den Wert des Heinsohn'schen Urteils für Deutschland doch entscheidend.
Ein weitere bemerkenswerter Punkt sind die ideologischen Parallelen zwischen Heinsohn und dem geopolitischen Kalkül der Angelsachsen dies- und jenseits des Atlantik, die vordergründig eine Bestätitung seiner Hypothese zu liefern scheinen. Bei den Angelsachen war man schon immer Freund robuster quantitativer Anschauungen - robuster teils auch als die Faktenlage, siehe das perfide Albion. In dessen Sicht sind die gezielten Tötungen des US-Militärs in politischen "Hot-spots" wie in Pakistan (als in Regionen, von denen aus angelsächsischer Sicht Änderungen im Machtgefüge ausgehen KÖNNTEN) - rational.
Aber es ist eben die Logik des Hühnerzuchthofs, die nicht besser oder wertvoller davon wird, wenn man sie sehr überzeugt und konsequent verfolgt. Angelsachsen können und wollen offenbar nicht mit Transzendenz umgehen, schon gar, wenn es um ihre eigene geht, obwohl sie sich gerade dort im Handeln so völlig ungefiltert ausdrückt.
Dass Menschen ihre materielle Unmittelbarkeit aus rationalen Gründen transzendieren können und es auch tun, bleibt bei Heinsohn unberücksichtigt, und meinem Eindruck nach blendet er es sogar gezielt aus (als transatlantische Anbiederung vielleicht?).
Die eigentliche politische Frage ist nämlich: Welche Ratio legt man seinem Handeln zugrunde? Die Angelsachsen zeigen bis heute unmissverständlich, dass es Menschen gibt, die die instinktive Tötungshemmung im Menschen gezielt und kalkuliert überwinden wollen, und dass sie politische Bedingungen fördern, anderen Menschen das Gleiche zu erleichtern.
Ein Drohnenpilot mit Tötungsauftrag hat keinen fortpflanzungstechnischen Vorteil aus seinem Handeln, genauso wenig die angelsächsischen Think-Tank-Besatzungen mehr Kinder bekommen, wenn sie an der Macht und auf ihrem Posten bleiben (viele Kinder bekommt man heute eher als Mitglied des Prekariats).
In der Elite mitzumachen erfordert Transzendenz des Unmittelbaren. In welche Richtung die Transzendenz in solcher Liga geht, ist durchaus keine Funktion materieller Zwänge.
Diesen Punkt verschleiert Heinsohns Hypothese, und deshalb halte ich ihn für nicht ehrlich - oder für unbedacht.
Wenn Heinsohn eine Ausnahme für Deutschland bei seinen Thesen vorsieht, dann möchte ich in gleicher mathematischer Präzision wissen, warum er das so sieht, und wenn er dazu schweigt, dann halte ich das für vielsagend. Ich habe dazu nichts Brauchbares gefunden. Du?
Und vielleicht findest Du jetzt Deine Sprache wieder? Es würde mich freuen!
Grüße
nvf33