Wenn man in der DDR der Wahl fernblieb

Plancius, Samstag, 12.03.2016, 20:34 (vor 3622 Tagen) @ SevenSamurai4446 Views

Man konnte der Wahl fern bleiben, was allerdings sehr unangenehme Folgen
hatte.


Was für Folgen hatte das?

In der DDR war der lokale Bürgermeister i.d.R. auch der Wahlleiter. Das betraf die Dörfer und auch die Stadtbezirke in den Städten.
Seitens der Partei wurde die Richtlinie verkündet, dass um 13 Uhr alle Bürger ihre Stimme abgegeben haben. Man interpretierte eine frühzeitige Stimmabgabe als eine hohe Zustimmung zur Politik der Partei- und Staatsführung.

Da die üblichen Delinquenten und Quertreiber bekannt waren, wurden diese bereits vor der Wahl von den Wahlvorständen in Form von Hausbesuchen oder Besuchen am Arbeitsplatz aufgesucht, damit diese Personen ihren Zettel in die "fliegende Wahlurne" werfen konnten. Es handelte sich dabei vorwiegend um asoziale Personen, aber auch um bekannte Oppositionelle, oder wie man im Fachjargon sagte "feindlich-negative Kräfte".

In den 80er Jahren ist meine Oma, die im Nachbardorf wohnte, mal der Wahl ferngeblieben. Sie war zu Besuch bei ihrer Tochter in der 30 km entfernten Stadt und hatte die Wahl einfach vergessen. Da damals nur die wenigsten DDR-Bürger ein Telefon hatten, klapperte der Wahlvorstand mit dem Wartburg alle Kinder meiner Oma ab. Sie kamen u.a. auch bei uns vorbei. Wir nannten dann die Adresse meiner Tante in der Stadt und dann mussten die Wahlhelfer wohl oder übel auch noch zu meiner Tante fahren.

Wenn ein Bürgermeister die Norm - sprich 100% Wahlbeteiligung - bis 13 Uhr nicht erfüllen konnte, gab es Aussprachen bei der Kreisparteileitung. Das konnte unangenehme Konsequenzen haben, z.B. die Streichung von Zuteilungen aus dem Volkswirtschaftsplan für Investitionen im Dorf oder Stadtteil. Das konnte dann schon mal das Aus oder Verzögerungen für eine neue Wohnstraße bedeuten, wenn die Erschließung durch Wasser, Abwasser, Strom und Straßenbau nicht erfolgte. Weiterhin gab es negative Punkte in der Karriere des Bürgermeisters.

Da die Wahlhelfer möglichst schnell nach Hause wollten und um 15 Uhr am Kaffeetisch mit der Familie sitzen wollten, hatten viele auch ein persönliches Interesse daran, dass gegen Mittag der Wahlzirkus - sprich Zettelfalten - ein Ende hatte. Man fuhr deshalb ab 8 Uhr morgens mit der Wahlurne in die Altenheime, zu Behinderten oder sonstigen gebrechlichen Personen, um möglichst schnell Vollzug melden zu können.

Gruß Plancius

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Der Königsweg zu neuen Erkenntnissen ist nach wie vor der gesunde Menschenverstand.


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