Essig in den Wein, sorry (Edit: plus youtube-Links zu Bauernprotesten)
Guten Morgen, Kiwi.
Leider ist von hier gar nichts, aber auch gar nichts Gutes zu vermelden. Ich gehe mal der Reihe nach vor
"Dennoch waren die Nachrichten zu Griechenland in letzter Zeit nicht nur negativ. Etwa hier: http://www.bloombergview.com/articles/2016-01-07/greece-deserves-a-break-on-pension-ref...
Mir ist nicht ganz klar, was an dieser Meldung (Meinung) positiv sein soll. Es ist ein Editorial von Bloomberg, nichts weiter. Die Realität ist eine andere.
Ich hole mal ein wenig aus. Wir haben hier bereits seit Anfang Januar quasi einen Volksaufstand (Bauern streiken, blockieren Straßen, das Land ist dreigeteilt, die Grenzen tw. dicht, Anwälte, Notare streiken, Gerichte sind seit Wochen geschlossen etc, etc) und zwar wegen der Rentenpläne der Regierung, die noch einmal heftige Kürzungen vorsieht - und gleichzeitig so saftige Erhöhungen der Beiträge, dass einem Selbständigen, der ein Bruttoeinkommen im Jahr von 70.000 Euro hat (BRUTTO!), man denke an Anwälte, Ärzte ..., von seiner Kranken- und Sozialversicherung schlappe 18.000 Euro pro Jahr (in Worten: Achtzehntausend) in Rechnung gestellt würde. Dazu soll die Steuer ab einem Bruttoeinkommen pro Jahr von 60.000 auf 50 Prozent steigen, plus einer "Solidaritätsabgabe", die nochmals bis zu 10 Prozent betragen kann. Also: 70.000 Euro brutto machen versteuert sagen wir 30.000 Euro. Davon 18.000 Euro Renten- und Krankenkassenbeitrag ... na, da macht es doch Spaß zu arbeiten, oder? Die Bauern streiken, weil Ihnen Ähnliches ins Haus steht (nicht ganz so hohe Beiträge, dafür aber Streichung der Subventionen von Diesel und Strom).
Die Renten sollen im Schnitt 20 Prozent gekürzt werden, sagt der Gesetzesentwurf. Dagegen laufen hier alle Sturm - und da kommt der IWF und auch die EU-Kommission daher und fordern bereits weitere Kürzungen. Die Mindestrente soll auf 250 Euro sinken, u.a. DAS ist die Realität.
Zu den Banken: Ich finde den Artikel gerade nicht, aber die Einlagen sinken kontinuierlich. Weil das Steuer- und Abgabengewitter die Leute dazu zwingt, ihr Erspartes zu opfern. Das schon lange aber im Moment geht es noch viel rapider. Die Wirtschaft steht komplett. Diejenigen, die Geld im Ausland haben, denken überhaupt nicht daran, es zurück zu holen, warum auch?
Und was die Rekapitalisierung der Banken betrifft: Ja, für den Augenblick soll das sogar zutreffen, sagen die Buchhalter. Aber: Leider hat man bislang noch nicht die bis zu 100 Milliarden "Rote Kredite" betrachtet. Täte man das, sähe es wohl bereits anders aus, Herr Buchhalter. Fakt ist, dass kaum mehr jemand in der Lage ist, überhaupt einen Kredit zu bedienen. Um die Forderung aber nicht uneinbringbar erscheinen lassen zu müssen, rufen die Banken nun ihre Kunden an und betteln schier darum, den Kredit doch beispielsweise mit 10 Euro oder so zu bedienen. Dann muss die Bank den nämlich nicht als "rot" melden.
Politisch herrscht blanke Panik in Athen, Tsipras sitzt zwischen "a rock and a hard place." Einerseits die Bauern, die ihm mit ihren Treckern bis vor das Parlament auf die Pelle gerückt sind, dort Tomaten geworfen haben - und dann vom großen Arbeiter- und Bauernführer (bzw. seiner Polizei) mit Tränengas bombardiert worden sind. Es ist fast genau ein Jahr her, da stand Tsipras auf einem Traktor und sprach zum jubelnden Bauernvolk. Er rief ihnen zu, er werde das Spardiktat beenden, die Troika aus dem Land werfen .... Sein Problem: Bauern vergessen nicht so schnell.
Das Land ist durch die Blockaden komplett gelähmt, schon seit Wochen ist beispielsweise kein Durchkommen durch die Tempi-Schlucht, einem geografischen Nadelöhr auf der Straße zwischen Thessaloniki und Larissa.
Die "Prüfung" der Einhaltung des griechischen Memorandums, das Tsipras unterschrieben hat, sollte eigentlich im Oktober bereits abgeschlossen sein. Die Troika ist vor ein paar Tagen gerade mal wieder abgereist, ohne Ergebnis. Derzeit braucht Griechenland zwar kein Geld für Zinsen oder Anleihen (ich glaube, das ist im Juni der Fall), aber meiner Meinung nach möchte man es so weit kommen lassen, dass die gleiche Situation wie im letzten Jahr passiert.
Dafür spricht, dass aus Brüssel nun noch weitere Forderungen kommen, die ja berechtigt sein mögen - von denen aber nicht klar ist, warum sie nun auf den Tisch geknallt werden, es sei denn, sie hätten nur einen Grund: Tsipras klar zum Scheitern zu kriegen. Und genau danach sieht es aus. Ich denke, wir werden dieses Jahr wieder Wahlen sehen. Im Sommer oder Spätsommer, spätestens.
Das Flüchtlingsthema kommt noch dazu - es herrscht blanke Angst.
So viel erstmal, Fragen gerne, ich habe noch viel vergessen.
Gaby
PS/Edit: Hier als Auflistung bei youtube mehr zu den Bauernprotesten (und auch ihren tw. heftigen Prügeleien mit der Polizei in Athen=
https://www.youtube.com/results?search_query=agrotes+2016
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"Das Dumme an Internetzitaten ist, dass man nie weiß, ob sie auch stimmen." Leonardo da Vinci