Gedeihen

Kurz_vor_Schluss, Samstag, 20.02.2016, 10:00 (vor 3642 Tagen) @ Mercury1630 Views

Moin Mercury,


ein wichtiges Thema. Danke, dass du es angesprochen hast.

Danke Dir für diese schöne Replik - dafür mag ich das Gelbe. [[top]]

Aus Ohnmacht wird zunächst Wut. Wut will die Welt wieder ins Lot bringen,
soll die Kontrolle zurück bringen.
Erst wenn das nicht gelingt, wird sie zu Hass.

Klingt nachvollziehbar.

Doch sind beide, Ohnmacht wie auch Wut, für Beziehungen in der
Dunbar-Gemeinschaft "gemacht. Jede "Beziehung" über dise Ebene hinaus ist
eine vor allem ideelle, eine erdachte. In dieer Form von Beziehung kann ich
Wut nicht loswerden. Sie wird zu Hass.
Der Verlust muss persönlich und privat bewältigt werden. Rache hilft
dabei nichts. Dann ist auch der Täter tot, doch mein Verlust ist immer
noch da.

Ah - die Dunbar-Gesellschaft also als die "emotional gesündere" Form. Nur leben wir in der halt nicht. Obwohl ich mich frage - Zukunftsmodelle mit Zunftcharakter? Eine Struktur ähnlich des Heiligen Römischen Reiches? Wir hatten so etwas schon mal. Egal - zum Hass: Das ist auch meine Ansicht - die Bewältigung des Hasses kann nur intern erfolgen - indem man sich dem Schmerz oder der Verletzung zuwendet, die dem Hass zugrunde liegt.

will man sich rächen, dann beginnt man zu hassen.
Dass wir der Toten nicht gedenken, scheint mir nicht den Hass zu

befeuern

Sehe ich auch so. Doch wird der Toten gedacht: Mit jedem Friedhofsbesuch
oder mit dem, was du gerade tust. Nur nicht auf der Ebene von Gesellschaft
jenseits Dunbar.

Genau - und da - scheint mir - täte es not.

- wohl aber dient es dem stillen Abtöten jeglichen normalen nationalen
Empfindens -


Hier wird es kompliziert. In was für einem Krieg sind unsere Vorfahren
gestorben: Was es ein nationaler? Ein völkischer? Ein religiöser? Rein
national kann er nicht gewesen sein, immerhin wurde vom deutschen Staat
rassischer Massenmord begangen. Ein rein rassischer war er nicht, denn in
ihm kämpfte die gleiche Rasse gegeneinander. Ein rein völkischer war er
nicht, denn die Regierung ermordete weite Teile des eigenen Volkes. Rein
religiös war er auch nicht, denn es wurden auch Christen geschlachtet und
Atheisten.

Eine Zuordnung des Krieges wage ich nicht. Oder würde ich das erst nach einer alle Aspekte des Krieges vorurteilslos berücksichtigenden Geschichtsschreibung tun wollen (die ich heute hier noch nicht sehe).

So könnte man weiter machen. Wie soll man als Gesellschaft (jenseits der
Dunbargrenze) um gemeinschaftliches Trauern, um die Opfer trauern, wenn
diese Gemeinschaft nicht identifizierbar ist?

Sehr guter Punkt - wie definiert man "Volk"? Oder Gemeinschaft? Woher stammt überhaupt das Empfinden, sich oder etwas als "deutsch" zu empfinden? Ich weiß nicht, woher mein Gefühl kommt, das mich berührt sein lässt, wennn ich bestimmte deutsche Musik höre, deutsche Worte lese oder auch einfach mit Deutschen spreche oder mich am Wald erfreue. Ich kann nur sagen, dass mich da etwas im Innersten berührt und dass es mir in der Seele weh tut, wenn ich sehe, wie das Land gerade vor die Hunde geht.
Wie Schiller sagte: Wenn Ihr's nicht fühlt - Ihr werdet's nicht erjagen.....

das käme notgedrungen hoch, dürften wir ehrlich Trauer
über unsere Toten zeigen.
Da wir es nicht tun, entsteht da eine Lücke. Multikulti füllt diese
Lücke aus - bis das eines Tages kippt.


Vielleicht ist das der Grund, warum "Multikulti" die Lücke füllen kann:
Weil es alle genannten Aspekte umfasst und deshalb so etwas Ähnliches wie
Einheitlichkeit erzeugt. Antinazismus ist der kleinste gemeinsame Nenner
für die verschiedenen Verstöße gegen "gemeinsame Identität", die keine
positiven Identifikationen mehr übrig gelassen haben.

Dito guter Punkt. Wir brauchen allgemeine und für die Gemeinschaft geeignete Werte. Noch können die offensichtlich von die Gesellschaft zersetzenden Dingen stammen - Multikulti oder Nazis raus.

Deshalb bin ich ziemlich sicher: Da kippt nichts. Bevor es kippen kann,
werden Opfer benötigt. "Deutsche" Opfer, die von "Deutschen" geopfert
werden "als Nazis", damit "der Nazismus" auch "von uns" bewältigt wurde
und nicht nur "von Außen". (Ein ähnlicher Unterschied wie Busse tun
gegenüber Strafe zahlen, das Eine ist intern, das Andere extern). Erst
danach ist "deutsch-irgendwas"-Trauer als kollektiv möglich.

Das sehe ich ähnlich - es wird noch eine Weile funktionieren, das Opfer-Bewusstsein zu pflegen. Aber ich schätze, der Osten wird eines Tages sagen: Genug jetzt!
Hmmm.... interessanter Gedanke von Dir. Um noch mal meinen Eingangsgedanken aufzugreifen: Mir ganz persönlich scheint, Mercury, dass ein Volk oder eine Gemeinschaft sich durch bestimmte, vereinende Werte definiert. Diese gibt's heute nicht mehr bzw. sind es Werte, die keinen allgemein verbindenden Charakter mehr haben (Gender, D ist bunt, Wir sind offen etc.).
Natürlich - siehe Nazis - können auch zur Gemeinschaft passende Werte missbraucht werden (Unsere Ehre heisst Treue etc.).
Da den Leuten jedwedes gesunde nationale Empfinden aberzogen wurde, lässt die Unsicherheit Auswüchse zu (aktuelle Flüchtlingspolitik), deren zerstörerischen Charakter anzusprechen als Anzeichen bösester Gesinnung gilt.
Wohin das führen wird - keine Ahnung. Entweder es entsteht diese Mischgesellschaft, in der alle allen misstrauen oder es gibt irgendwann einen großen Krach oder es kommt etwas ganz anderes - ich weiß es nicht.
So erscheint mir persönlich schlicht, dass man die Deutschen in ein Korsett gezwängt hat, was sie langsam erdrückt - aber das Korsett ist schon so lange da, dass es als normal empfunden wird. Der glücklich zerdrückte Deutsche..... [[zwinker]]

Vielleicht ein Grund für den fanatischen Antinazismus. Dafür, das die
Merkelpolitik funktioniert.

S.o.

Erst mal so ins Unreine.

Dito.

Grüße

Mercury

Schönen Gruß zurück
K_v_S
P.S.: Lese gerade Solschenizyns Geschichte der Juden in der Sowjetunion. Der Mann geht mit seinem Land hart ins Gericht - aber gleichzeitig liebt er Russland heiss und innig! Das dringt durch all seine Zeilen. Man hat uns lange gelehrt, dass nationales Empfinden automatisch in Hass und Verachtung anderer umschlagen muss - und das sehe ich nicht so.
Ich würde - unrein formuliert - denken - je mehr ein Volk seinen ureigenen Charakter pflegen kann und seine von ihm als wichtig empfundenen Werte, desto gesünder wird es sein - vielleicht desto weniger Hass empfinden? Desto besser gedeihen können?
Was sagt der Dunbar-Experte?

--
Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.
Karl Valentin


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