Elterlicher Kontrollwahn

Leserzuschrift, Freitag, 12.02.2016, 19:26 (vor 3653 Tagen) @ Leserzuschrift2633 Views

Hallo!

Ich bin Mutter von drei mittlerweile erwachsenen Kindern, Anfang bis Mitte 20.
Als meine Kinder noch in die Schule gingen, war es schon von den Eltern fast normal, die Kinder jeden Tag in die Schule mit dem Auto zu bringen (trotz verfügbarem Schulbus) und auch wieder abzuholen. Dies hatte zur Folge, dass sich vor der Schule regelmäßig ein Stau bildete. Und nicht nur in der Grundschule - man kann es hier bis zum Gymnasium beobachten.

Ich brachte meine Kinder nicht mit dem Auto zur Schule oder fuhr sie nachmittags zu ihren Aktivitäten. Ich legte Wert darauf, dass sie lernten, selbstständig zu werden. Und wurde dafür zwar nicht von der Polizei besucht, allerdings die anderen Mütter/Väter missbilligten meine "Untaten", und oft fühlte ich mich als Rabenmutter. Arbeiten ging ich auch und hatte meist gar nicht die Zeit, die Kindlein durch die Gegend zu fahren.

Auch weigerte ich mich, bei Leistungsversagen der Kurzen, Ritalin zu verabreichen. Stattdessen spornte ich sie an, zu verstehen, wie sie sich organisieren können, was ihre Stärken und Schwächen sind und sich dementsprechend nicht dazu verleiten zu lassen, eine Lerche werden zu wollen, wo sie doch Amseln sind und dazu zu stehen. Denn Menschen sind unterschiedlich, bläute ich ihnen ein und hoffte, sie könnten sich selbst so gerne haben, wie sie sind, und nicht, wie die Gesellschaft sie gerne hätte.
Ein Kind studiert Physik, die anderen machten Ausbildungen.
Mein Satz, den ich oft gesprochen hatte war: "Werde glücklich und schade niemandem."

Selbstverständlich hatte ich Angst, wenn sie alleine unterwegs waren. Selbstverständlich machte ich mir Sorgen, wenn ihre Leistungen nicht gut waren. Selbstverständlich fragte ich mich oft, was sie tun. Nur: Wenn ich die Grenzen, die Intimität und Privatsphäre meiner Kinder nicht respektiere, wie soll ich ihnen dann Respekt beibringen? Wenn es für sie normal ist, dass ihre Grenzen überschritten werden, indem ich sie kontrolliere, überwache, und ihnen ständig auf der Pelle hocke, wie lernen sie, dass man Grenzen nicht überschreiten darf?
Sie lernen es nicht. Sie lernen gar nichts.

Ich arbeite im sozialen Bereich. Pflegeheim. Wir haben Praktikanten, die keine Sonderschulfälle sind, allerdings auf dem 1. Arbeitsmarkt keine Chancen haben, da sie nie gelernt hatten, sich auch nur alleine eine Tasse Kakao zuzubereiten. Ganz normal intelligente junge Menschen, völlig unfähig, die einfachsten Dinge, wie ein Stück Brot abzuschneiden (mit 18 Jahren), durchzuführen.
Es sind Praktikanten, die man gerne zu uns schickt. Es sind junge Menschen, völlig verunsichert, passiv, immer wartend auf Hilfe, die den nächsten Arbeitsschritt nicht erkennen, wenn man es ihnen nicht sagt.

Das ist das Ergebnis des Kontrollwahns. Der hat auch in unserer Gesellschaft schon seinen Platz gefunden. Von Ritalin (für das Abitur) bis zur GPS-Überwachung alles da.

Traurig ist das.

lg
Andrea


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