Das perfekte Verbrechen
Hallo Rotweintrinker,
so
Etwas naiv, diese Frage, denn die Macht der Medien besteht ja gerade nicht
darin, was sie berichten, sondern ihre ganze Macht besteht darin, was sie
verschweigen.
ist es. Kein Mensch hat sein eigenes Antlitz ohne technisches Hilfsmittel, das verändern wirkt, je gesehen. Kein Mensch hat je einen Aufgang der Sonne gesehen – wo wir sie sehen, stand sie vor acht Minuten. Die Astronomen sehen in ihren Observatorien Sterne, die im Moment des Sehens schon nicht mehr existieren. Und wie verhält es sich mit Elementarteilchen? Alle Elementarteilchen erscheinen punktförmig und nehmen Zustände ein, in denen sie nur eine räumlich ausgedehnte Aufenthaltswahrscheinlichkeit aufweisen. Da gibt es dann die Feststellung, dass die Elektronen ununterscheidbare Teilchen sind, und sich daher die Frage, ob "es noch dasselbe Elektron ist", gar nicht sinnvoll stellen lässt. Wenn es erscheint, existiert es schon nicht mehr. Ja was denn nun? Zu den Ideen von Kurt Gödel oder Werner Heisenberg jetzt nichts.
Die Welt ist nie am Ort ihres Erscheinens, vielmehr dort, wo sie erscheint, ist sie immer schon wieder abwesend – etwa ein „Nichts“?
Die Welt besitzt für den Menschen einen illusorischen Charakter. Die ganzen Probleme begannen, als der Mensch (= Subjekt) der Welt (= Objekt), die sich als Illusion präsentiert, gegenübertrat und gewahr wurde. Damit wurde er als Subjekt das erste Mal zur Erkenntnis verführt – das ist für Baudrillard das Ur-Verbrechen. Es ist die Vernichtung der Welt als Illusion zugunsten einer vollständig realisierten Welt.
Wir schaffen eine Realität, die die Welt nur imitieren, produzieren und simulieren kann, die dann unsere Welt ist, aber nicht die Welt als Illusion ist. Besteht unsere Illusion darin, dass die Übersättigung mit einer Orgie des Realen unsere Ängste und Furcht vermindert könnte? Da alles Geschehen (vor)finanziert werden muss, kann die Realität = Simulation wegen des Zwanges zur Aufschuldung nicht verkleinert oder zurückgeführt werden – wir ersticken in und an ihr. Das Reißen der Simulationen im Machtkreislauf – die Implosion – ist unvermeidbar.
Im Forum kreisen die flottierenden Zeichen und Konventionen der Doxa vielleicht auch nur noch um ein „Nichts“. Finden die User, die um Mitternacht ihren letzten und zum Frühstück ihren ersten Beitrag eintragen, noch in der Nacht ihren wohlverdienten, erholsamen und gesunden Schlaf? „Je mehr Information es gibt, desto schwerer ist die einzelne Information zu finden.“ Gemäß den Ideen von Paul Virilio bewegen wir uns – in der Formulierung von Erdmann – nur in einem dromologischen Stillstand – es bedarf halt allen Rennens, dessen wir fähig sind, um am selben Ort zu bleiben.
Die perfekte Beherrschung der perfekten Simulationen – wozu heute vor allem die visuellen Medien gehören – als dauerhaftes Instrument der Unterdrückung durch die Meister der Macht in den Handwerkskammern der zentrischen Ordnung ist jetzt nach Baudrillard das perfekte Verbrechen.
Wir sehen es schon nach den Ereignissen von Köln – die Diskussionen verlagern sich schon in die pyramidal höheren Ebenen der Macht. Wen interessieren da noch die Opfer?
Gruß Ostfriese