Der Wind dreht sich...
Wir haben viel zu verlieren, nur bleibt die Erkenntnis eine individuelle.
Guten Abend,
großes Kompliment für die Aktion und meine Hochachtung für den eingeschlagenen Weg.
Ich selbst mache (noch?) keine Mahnwache, wollte aber eine kleine Erfahrung aus meinem bescheidenen Alltag mit dem Forum teilen, um etwas Wasser auf die gepflanzten Samen der Querdenker zu gießen.
Bin mir nicht sicher, ob ich mich schon als AfD-ler hier geoutet hatte, aber um die Partei selbst geht es mir auch gar nicht. Ich habe 2013 angefangen, bei der Gründung des Kreis- und Landesverbandes mitzuhelfen, weil ich nach meiner Rückkehr aus langjährigem Auslandsaufenthalt diese geistige Alternativlosigkeit und verlogene, unterdrückte und feige Debatten-Unkultur nicht mehr ausgehalten habe. Ich fand mich in einem Land wieder, das einerseits mal wieder Großmachtsfantasien träumt, nur unter neuem Etikett, anderseits aber unfähig und unwillig ist geostrategisch zu denken, sich Problemen zu stellen und außer beim Fußball überhaupt keine solidarische Gemeinschaftgefühle mehr kenn will. Innerdeutsche Empathie ist nur noch was für "Spinner" und "Pack"...
Die AfD ist bestimmt kein Heilsbringer und eine extrem heterogene Mischung, keine Ahnung, was aus denen mal wird. Auch wenn ich im Moment denke, dass überwiegend interessante Leute mitmischen, lege ich für die Zukunft für keinen die Hand ins Feuer, aber - und da bin ich mir nach 2 Jahren immer noch sicher und jeden Tag sicherer - ist sie eine enorm gute Medizin für genau die oben genannte Trägheit in den deutschen Köpfen.
Mitte 2013 wurde man als AfD-ler noch als Alien belächelt und nicht einmal die AntiFa konnte sich aus dem Bett wälzen, um die Stammtische der Kreisverbände zu stürmen.
Vor den Eurowahlen 2014 ging dann die übliche Nazi-Keule um. Es war wirklich schwierig, mit Leuten in den Einkaufspassagen ins Gespräch zu kommen. Keiner wollte "mit Nazis" gesehen werden, die Antifas stürmten täglich unsere Veranstaltungen, Wirte kündigten Veranstaltungsräume und von vielleicht 30-40 Kontakten in den Einkaufspassagen war einer, der auch mal anerkennend den Daumen hob.
Nun, 2015 läuft die nächste Vorbereitungsrunde hier im KV, in Baden-Württemberg sind ja nächstes Frühjahr Landtagswahlen. Kurz und gut: Der heutige Abstecher in die Stadtmitte zum Flyer-Verteilen war eine riesige Gaudi. In 3 Stunden wurde ich nur einmal mir der "Nazi-Keule" beschmutzt, viel Zuspruch, auch Kopfschütteln und Ignoranz, aber die Stimmung ist eine ganz andere. Ist mir auch Wurst, ob das jetzt wegen oder für "AfD" ist, aber die Leute fragen, sind neugierig, bleiben stehen, und diskutieren mit. Und die AntiFa war zum Glück auch beim Glühwein Saufen verschollen.
Hatte ein interessantes Gespräch mit einem jungen Studenten (BWL), er deutsch, die Eltern Kosovaren. Nachdem er in Deutschland in den 90-ern Solidarität erfahren hat, sieht er sich auch in der Pflicht Solidarität zu leben und geben. Als BWL-er war aber auch dem Thema "Business-Plan", "Ressourcen-Planung" "GuV-Rechnung" und "Risiko Management" sehr aufgeschlossen und sah da bei Merkel ein großes Defizit. Auf seinen Garten-Zaun und seine Haustüre wollte er auch nicht verzichten, da wolle er dann doch kontrollieren "wer reinkommt"
Aber schonmal gut, dass
sich ein junger Student, auch noch ein BWL-er, sehr ausgiebig einer solchen Debatte stellt.
Insgesamt führte ich Gespräche mit (Ur)schwaben, eingedeutschten Serben, Griechen, Italienern, Schweizern und ein paar Nordlichtern aus Hamburg. Keiner, wirklich keiner hatte Verständnis für den Merkel-Selfie.
Und im Gegensatz zu 2013/2014 kostet es wirklich nicht mehr viel Mühe, die Leute zum Quasseln zu bringen.
Man kann kaum als einzelner, auch nicht in gut organisierten Gruppen, in ein paar Jahren das reparieren, was Springer, Bertelsmann und der Seibert in die Köppe der Menschen gehämmert haben, aber man merkt, wie die Leute allmählich "stutziger" werden, merken, dass was faul ist und wieder darüber reden. Das ist prima! Und darüber freue ich mich ab jetzt jedes mal, wenn ich den Claus Kleber labern höre...
Schade nur, dass diese erhöhte Aufmerksamkeit und Achtsamkeit erst richtig aufblüht, wenn es um das Thema Asyl geht, vor dem Euro-Thema drücken sich immer noch enorm viele Diskussions-Teilnehmer. Geld-Themen sind den meisten einfach zu komplex und wenn man beruflich nichts damit zu tun hat, macht man in der Argumentationskette sehr schnell Fehler. Das wissen die meisten und bleiben dem Thema lieber fern.
Steter Tropfen höhlt den Stein. Jeder auf seine Weise.
Viel Erfolg noch!
MfG
Martino