Gut, dass unsere Abgeordneten gegenhalten!
Ein einmaliges Experiment, das da in Berlin stattfand, auf offener See, einen Steinwurf nur vom Reichstag entfernt: die linke Bundestagsabgeordnete Sarah Wagenknecht und die Bundesvorsitzende der Grünen Simone Peter wagten es, vor aller Augen über die Spree zu flüchten, als wären sie echte Syrer, Afghanen oder Menschen aus Mali.
Es schnürte vielen Beobachtern die Hälse zu, Angst, Beklemmung, ein plötzliches Gefühl der totalen Nähe zu denen, die da jeden Tag im Mittelmeer ertrinken. Der Bundestagsabgeordnete Jens K. (SPD) hat seine persönlichen Empfindungen während der gefährlichen Überfahrt exklusiv für PPQ aufgeschrieben: Der packende Erlebnisbericht eines mutigen Bundestagsbootsflüchtlings.
Das Ufer war beinahe nicht mehr zu sehen. Unser Boot schwankte und wippte in der Brandung, die Wellen schlugen hoch, Gischt spritzte mir ins Gesicht. Wir sind erst wenige Minuten an Bord des Flüchtlingsbootes, das eine Schlepperorganisation uns zur Verfügung gestellt hat. Und schon kneift die Rettungsweste, die mir einer unserer Helfer viel zu eng um den Oberkörper geschnürt hat. es ist eng, es ist kalt geworden in Deutschland, zumal hier draußen auf dem Wasser.
Doch es muss sein. Ich will mich einfühlen an diesem ersten wirklich kalten Wintertag in Deutschland, einfühlen in die Situation der vielen zehntausend Menschen, die im Mittelmeer beim Versuch ertrinken, nach Europa zu gelangen. Es ist eng im Boot mit seinen weit über hundert Menschen an Bord, die sich an die aufgeblasenen Bootswände drängen und im Mittelteil des Bootes hocken. Ich habe Vertrauen zu unserem Tüv, der das Schiff sicherlich vor dem Ablegen noch einmal geprüft hat. Und doch spüre ich Angst, Angst tief in mir, Angst, die mich mit kalten Händen fasst. Wo ist die deutsche Marine?
Ich denke, dass es ist meine Aufgabe ist, hier zu sein. Neben mit die linke Bundestagsabgeordnete Sarah Wagenknecht, vor mir die Bundesvorsitzende der Grünen Simone Peter. Beide wirken verunsichert, verunsichert wie ich es bin. Wir alle drei aber versuchen, mutig und betroffen zugleich in die Kameras der zwölf Dutzend Fotografen am Ufer zu schauen, ohne ins Lachen zu kommen. Es ist wie ein Klassenausflug frühher in der Schule, bei dem nach einer Panne im Regen der Bus gewechselt werden muss, ohne dass der Ersatz pünktlich ist.
Zum Glück regnet es heute nicht, hier, gleich neben den weißen Kreuzen für die Mauertoten. Ich bin betroffen, ich bin gepackt von der Vorstellung, ein Flüchtling zu sein. Die Rettungsweste juckt über meiner Jack-Wolfskin-Jacke und es gelingt mir wirklich, nachzuempfinden, was es bedeutet, an Bord eines solch labilen Bootes zu sein. Die Spree schlägt Wellen, die mir jetzt höher vorkommen als beim Blick aus meinem Bürofenster. Man hatte uns versprochen, den Verkehr der Schrottkähne, die hier sonst regelmäßig vorüberziehen, für den Zeitraum unserer Rundfahrt in die Fluchtfantasie einzustellen. Aber mir scheint das nicht geklappt zu haben. Es schwappt. Es wippt. Mir wird ein bisschen schlecht. Wo ist die deutsche Marine?
Zwischen der oberen Kante des Schlauchs und dem Wasserspiegel liegen gerade mal zehn Zentimeter. Vielleicht auch 70, ich weiß es nicht, weil ich versuche, mich schützend nach hinten zu beugen. Dort ist Kollegin Wagenknecht, die grün im Gesicht aussieht. In diesem Fluss ist einst Rosa Luxemburg gefunden worden. Ob sie gerade daran denkt?
Ich denke daran, wie ich bei unserer Überfahrt mein Leben riskiere, obwohl kaum 70 Meter weite eine Brücke einen legalen Weg zum Bundestag bietet. Ich tue es für den guten Zweck, für die Sache, für die Bewusstseinsbildung der Bürger. Unsere mutige Aktion ist eine eine Antwort auf die Mission Sophia, die sogenannte Phase II des Anti-Schlepper-Einsatz der Europäischen Union, den ich letzte Woche im Bundestag mitbeschlossen habe. Sie sieht vor, 950 Soldaten der Bundeswehr im Kampf gegen Flüchtlinge im Mittelmeer einzusetzen. Im Moment, hier auf den wankenden Planken, finde ich noch mehr, dass das eine tolle Idee ist.
Mir ist schlecht. Mir ist kalt. Ich hoffe mit dem Gedankenrest, der mir noch zur freien Verfügung bleibt in dieser angespannten Situation, dass meine Teilnahme daheim im Wahlkreis wahrgenommen werden wird. Ich rutsche ein wenig vor, Richtung Rand. Wo ist die deutsche Marine? Ich schaue zu den Fotografen hoch. Sie rufen. Ich schaue. Sie knipsen. Ich schaue betroffen. Ich finde es wichtig, die Menschen in Deutschland darauf aufmerksam zu machen, wie schrecklich die Überfahrt in einem Schlauchboot ist. Ich schone mich nicht. Gischt spritz, ich kann sie spüren. Sarah Wagenknecht lächelt. Die Fotografen rufen. Sarah Wagenknecht schaut betroffen.
Ich fühle mich ihr nah. Allen an Bord. Wir sind auf der Spree. das Ufer ist kaum noch zu sehen. Wir sind Schiffbrüchige.Wir sind mutig. Wir schwimmen für eine bessere Welt.
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Wir sprechen verschiedene Sprachen. Meinen aber etwas völlig anderes. www.politplatschquatsch.com