Bericht vom Hilfskonvoi für Röszke
Seit fast einer Woche sind wir nun wieder zurück aus Ungarn. Und immer
noch stehen die Erfahrungen und Bilder, die wir von dort mitgenommen
haben, deutlich vor uns. Die Verarbeitung und auch die physische und
psychische Erholung von der intensiven Woche in Röszke dauert sicher
noch eine Weile. Wir möchten allen UnterstützerInnen und SpenderInnen
aufs Herzlichste danken! Es ist schön, von einer solchen großen
zwischenmenschlichen Solidarität und Hilfsbereitschaft zu wissen, in
Zeiten, in denen die meisten Politiker die Menschen in ihrer Würde und
ihren Rechten im Stich lassen.
Wir haben wundervolle Bekanntschaften gemacht, haben mit engagierten
freiwilligen Helfern aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Tschechien,
Slowakei, Ungarn, Schweden, England und den USA Seite an Seite bis zu
30 Stunden am Stück gearbeitet, während die großen Organisationen kaum
etwas zustande gebracht haben und in der Langsamkeit ihrer Reaktion
kaum mit der rasanten Bewegung, der Anzahl von Schutzsuchenden und der
ständigen Situationsänderung mithalten konnten und können. Auch einige
Schutzsuchende aus Syrien und dem Irak sind spontan für einige Tage
bei uns geblieben, um mit uns gemeinsam Essen und Wasser zu verteilen,
Müll aufzusammeln, Unterkünfte zu errichten, Kleidung und Decken zu
verteilen, zu übersetzen, vor gefährlichen Schleppern zu warnen und zu
beruhigen.
Es ist schwierig, das menschenunwürdige Elend, das dort zuweilen
herrschte, zu verarbeiten; halb erfrorene, durchnässte, weinende
Kinder, völlig übermüdete, hungrige, kranke Menschen, so viele
Menschen, dass wir ihnen in unserer beschränkten Helferanzahl kaum
gerecht werden konnten. Aggressive, übermüdete und ungeduldige
Polizisten, die Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit vieler Menschen
in Hinblick auf ihre eigene Zukunft, Kinder, die von ihrer Familie
getrennt wurden, Eltern, die ihre Kinder im Chaos der Flucht verloren
haben.
Aber trotz allem immer wieder ein Lächeln, ein Kuss auf die Wange, ein
strahlendes Gesicht vor Dankbarkeit, Hoffnung. Wie wichtig es für uns
war, Abstand von dem in den Medien repräsentierten namenlosen
"Flüchtlingsstrom" zu nehmen und einen direkten Kontakt zu den
Menschen aufzunehmen, die aus ihrer geliebten Heimat fliehen müssen,
weil ihr Haus zerbombt wurde, weil ihre Schulen und Universitäten
geschlossen wurden, weil sie aufgrund ihrer Religion, Nationalität
oder sexuellen Orientierung um ihr Leben fürchten müssen, weil in
ihrem Land seit Jahren Bürgerkrieg herrscht, weil es in ihrem Land so
wenig gibt, dass die Menschen sich kaum selbst, geschweige denn ihre
Kinder angemessen versorgen können, weil diese Menschen sich ein Leben
in Frieden und Freiheit wünschen, Menschen wie wir, die wir uns alle
gegenseitig mit Würde und Respekt begegnen sollten. Vielen Dank an all
die Menschen, die sich dies zu Herzen nehmen, ihr macht die Welt zu
einem besseren, schöneren und bunteren Ort.
Sobald wir die Zeit finden, würden wir sehr gerne dieses Jahr noch
einmal losfahren und dann noch einmal einen neuen Spendenaufruf
starten. Ob nach Ungarn, Österreich, Serbien, Kroatien, Calais,...
helfende Hände werden fast überall gebraucht. Denn Grenzzäune lösen
sicherlich nicht die Probleme und es wird wohl immer Menschen geben,
die eine solch menschenunwürdige, kräftezehrende und oftmals
lebensgefährliche Flucht auf sich nehmen müssen, solange es Kriege
gibt, solange es Politiker gibt, die nur auf ihren eigenen Vorteil
bedacht sind, solange es Staaten gibt, die sich sinnloser weise den
Boden unter ihren Füßen, der niemandem gehören kann, streitig machen.
Wir hoffen und schicken unsere guten Gedanken an all jene Menschen in
dieser Welt, die leiden müssen.
Vielen Dank Euch.
Der Hilfskonvoi für Röszke
mit Bich Ngoc, Pia, Hans, Leonie und Clara
Clara und Leonie sind mir persönlich bekannt.
Gruß vom Ehemaligen.