Zur Griechenlandkrise, der Eurokrise und der globalen Finanzkrise

Leserzuschrift, Samstag, 04.07.2015, 20:09 (vor 3851 Tagen)5045 Views

Wenn man die Meinungen sowohl im Gelben Forum als auch im Mainstream liest, fällt auf, dass es zwei Strömungen gibt, die sich vermeintlich unversöhnlich gegenüberstehen.

Auf der einen Seite diejenigen, die der Meinung sind, dass die Griechen aus eigenem Verschulden in die Misere geschlittert sind, weil sie alles in allem über ihre Verhältnisse lebten und ein Staatssystem besitzen, welches nicht effizient genug ist, den erwünschten Lebensstandart zu finanzieren.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die der Meinung sind, dass Griechenland das Opfer des globalen Kapitalismus und der Austeritätspolitik ist und durch eine investitionsgestützte Wirtschaftspolitik wieder erstarken würde.

Dass beide Ansichten teils richtig, teils falsch sein könnten, wird nicht bzw. kaum diskutiert.

Aus meiner Sicht ließe sich aber eine Synthese beider Sichtweisen bilden, die schlussendlich zu einer Lösung beider Probleme beitragen könnte.


Der chronologischen Ordnung folgend bleibt festzuhalten, dass von 2000-2008 aufgrund eines von Reglementierungen befreiten Kapitalismus, zusätzlich befeuert durch eine nur auf Wachstum bedachte Finanzpolitik v.a. der USA, die Weltwirtschaft in eine nicht nachhaltige, von Fehlinvestitionen geprägte Wachstumsphase eintrat.
In diesem Fahrwasser und von den niedrigen Zinsen der Eurozone befeuert, kam es in den Südländern zu einem einmaligen Wirtschaftswachstum. Während v.a. Deutschland zum "Kranken Mann" Europas wurde und schmerzhafte Reformen (Negative Reallohnentwicklung) durchführte, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Mit der Finanzkrise 2008 bekam das globalisierte Finanzlügengebäude große Risse und die meisten Akteure wurde wieder auf ihre tatsächliche Kreditwürdigkeit überprüft. Die USA mit ihrem Dollar und ihrer immensen wirtschaftlichen und politischen Kraft waren fein aus dem Schneider, während die Südländer Europas die Hosen herunter lassen mussten.
Schnell wurde klar, dass der Süden Europas, einschließlich Frankreich, eine andere Auffassung von solidem Wirtschaften hat als der Norden. Es ist eine Tatsache, die man nicht einfach negieren kann, dass der Süden über viele Jahre mehr ausgab als er einnahm. Schlicht auf Pump lebte und wuchs.

Der Lösungsansatz der Euro-Gruppe war es mit gigantischen Summen den Süden zu retten und durch "Wirtschafts/Sozialreformen" die Staaten zu sanieren.
Was dabei vergessen wurde, ist eine Binsenweisheit, die in der Wirtschaftslehre scheinbar nicht vorkommt. MENTALITÄT. Man kann hunderte Reformen ersinnen, wenn sie nicht durchgeführt oder umgangen werden, bzw. in einem Schattensystem persönlicher Verbindlichkeiten zu unvorhergesehenen Konsequenzen führen, sind diese Reformen eventuell schädlicher als gar keine Reformen.

Hier liegt des Pudels Kern.
Auf der einen Seite übersehen diejenigen, die glauben, mit noch mehr Geld und der Überwindung des Kapitalismus ließe sich eine von Vetternwirtschaft und Korruption geprägte Wirtschaft retten, dass sie Geld in ein Fass ohne Boden schütten und damit die bestehenden ineffizienten Strukturen weiter bestärken. Diese ineffizienten Strukturen werden so lange bestehen, bis der Leidensdruck so groß wird, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine Veränderung mitträgt, bzw. man einen Mentalitätswandel erreicht.
Auch ist der Kapitalismus nicht "schuld" an der Verschuldung Griechenlands. Es gibt einen gewissen Grad an Verantwortung, und wer sich Geld leiht, muss sich fragen, ob er dieses auch zurückzahlen kann, bzw. mit den Konsequenzen einer Zahlungsunfähigkeit leben.

Auf der anderen Seite wird den auf Austerität getrimmten Nordeuropäern nicht klar, dass sich Mentalität nicht von heute auf morgen durch Reformen verändern lässt. Der Wille zur Veränderung muss aus den Völkern selbst kommen und kann nicht von außen aufoktroyiert werden. Außerdem fehlt es an jeglicher Selbstkritik der Nordeuropäer, ob man mit seinem extrem einseitigen Blick auf Optimierung und einem fehlenden Ausgleich der Machtverhältnisse von Kapital und Arbeitskraft nicht weit über das Ziel hinaus geschossen ist. Ja, ob man sich nicht vielleicht wieder auf dem Weg zu einer Art Feudalherrschaft des Großkapitals entwickelt.

Was dieses Schauspiel zur Tragödie (unausweichliches Scheitern) macht, ist die Tatsache, dass durch dieses aneinander vorbei Reden und Denken die größere Dimension eines globalen kalten Krieges zwischen Arm und Reich nicht mehr als Siedepunkt der Empörung greifbar wird. Die "Linken" verbleiben argumentativ als Befürworter einer unreflektierten Politik der sozialen Wohltaten, die glaubt, mit genügend Geld jeden in Lohn und Brot bringen zu können und dass die Welt gerettet sei, wenn "Der Kapitalismus" überwunden werde. Wobei sie völlig vergessen, dass es heutzutage keinen Kapitalismus mehr gibt, sondern nur noch einen politikgestützten "Klientelkapitalismus", der einige wenige vor den Härten des ansonsten "alles und jeden" gleich "bereinigenden" Kapitalismus beschützt.

Die "Rechten" beschwören den "Wettbewerb", den "freien Markt" und die "Innovationskraft", ohne ebenso zu bedenken, dass der reine Wettbewerb zwischen Kapital und Arbeitskraft immer zu Ungunsten der Arbeitskraft geht, so lange bis zu dem Punkt, an dem das Elend der Arbeiter unerträglich wird, die Masse überreagiert und mit Knüppeln in der Haustür der "Allzureichen" steht.

Die Möglichkeit einer effizienten und gerechten (Sozial-)Staatsstruktur, gestützt von einem soweit wie nötig reglementierten und so weit wie möglich freien Wirtschaftssystem, kontrolliert von einer starken Arbeitervertretung wird nicht als Synthese, sonder nur als eine Vielzahl, von Partikularinteressen geprägten, Antithesen diskutiert.

Es bleibt:
Griechenland braucht einen Wandel der Werte hin zum reflektiert gedachten kategorischen Imperativ und einen daraus folgenden effektiven Staat.
Die Welt braucht einen Wandel der Werte hin zum Bewusstsein einer globalen Verantwortlichkeit der Reichen und Mächtigen (ggf. auch erzwungen), um das Ungleichgewicht von Kapital und Arbeitskraft zu beseitigen.

Warum dies differenzierte Diskussion nicht erfolgt?

"Cui bono" denke man sich. Ein Flug nach London oder New York, vielleicht auch Shanghai und so mancher Besuch in einer Parteizentrale (auch der Linken!) wäre wahrscheinlich aufschlussreich.


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