Danke für Deinen Hinweis - immerhin ein anderes spannendes Thema - überzeitlich ja oder nein stellt sich die Frage
http://www.spiegel.de/panorama/martin-luther-bedford-strohm-kritisiert-antisemitismus-a...
Den Gesamtartikel im Spiegel kenne ich nicht. Was ich lesen konnte, beschreibt eine differenziertere Stellungnahme zu Luther als sich weiter unten im Faden häufig nur noch finden lässt.
In der evangelischen Kirche gibt es keinen Papst-Status, die Bedeutung des demokratisch auf Zeit gewählten Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche ist demnach nicht absolut und nicht verbindlich.
Die Aussagen Herrn Bedford-Strohms , der mir im Übrigen als ausgleichend und einend bekannt ist, sind in erster Linie richtig im historischen Sinn.
[edit: und Luther hat damit in seiner gesamten Bedeutung für die Entwicklung des befreien Glaubens kein bisschen verloren. Er war ja schliesslich auch nur ein Mensch, und ein zweifelnder und ringender, einer, der sicherlich selbst vieles bereut hat. Was er Positives bewirkt hat, ist schließlich nicht dadurch beschädigt, wenn er an anderer Stelle irrte. (Es kann ein Trinker ein guter Helfer sein, ein guter Chef, es kann ein juristisch Korrekter eine unausstehliche Zecke sein und ein Giftspritzer, der Mensch ist nicht entweder gut oder böse, er ist beides und das oft parallel. So auch Luther. Und wo wir das eine Tun hoch loben dürfen, so dürfen wir das andere Tun auch ganz und gar verdammen. Dahinter dürfen wir überlegen, wieso jemand oder wozu jemand getan haben KÖNNTE, das aber wird Spekulation, zumeist.)]
Seine Bewertung kann für politische Zwecke instrumentalisiert werden und auch so interpretiert werden, dass er einen Kniefall vor irgend wem damit bezwecke. Diese Nutzbarmachung ist jedoch zu trennen von einer persönlichen Beurteilung eines Faktums: Luther kam von einem Pro- zu einem Anti-judaistischen Weltbild.
Da können zeitgeschichtliche Einflüsse eine Rolle spielen, auch zeitlich bezogene Blindheiten, wie sie jedes Zeitalter kennt. Unseres z. B. ist gekennzeichnet von einer hysterischen Aufwallung von Gefühlen gegenüber einer geduldigen Analyse und einer sauberen Trennung von Fakten und Meinungen, von Daten und Bewertungen. Die alten Griechen hätten alles Recht, unser Zeitalter als barbarisch zu bezeichnen.
Luther könnte altersverbittert oder geistig unklar geworden sein und einem mächtigen Menschen, wortgewaltig und respektiert, könnte solches nachgesehen worden sein, was auch manchen Christen unstimmig erschienen haben mag.
Aus heutiger Sicht dürfen wir Handlungen von Menschen anderer Zeit sehr wohl interpretieren und Stellung nehmen, wie z. B. dass wir gegen die Todesstrafe sind. Deshalb brauchen wir nicht alle Herrscher der Vergangenheit, die die Todesstrafe mit einer unreflektierten (?) Selbstverständlichkeit verhängten, in Bausch und Bogen verdammen.
Und das tat Bedford-Strohm auch nicht. Er differenzierte, er nahm einen menschlichen Aspekt eines Menschen heraus und sagte, er würde sich dafür heute schämen. Das ist ganz und gar ok. Alles andere wird dann eine Vereinnahmung und lässt die Aussagen wieder verschwimmen.
Niemand schämt sich heute, Jesus in seinen Handlungen zu bewerten, ich weiß, bei Mohammed tun sich viele schwerer heute, weil das gleich lebensgefährlich wird.
Wir sollten die Äußerungen und Stellungnahmen, wenn sie schon differenziert kommen, nicht für unsere eigenen Meinungsmärkte missbrauchen, sondern üben, Meinungen auch als solche von Menschen stehen zu lassen. Dann fällt es leichter, sich sachlich Gedanken zu machen, z. B. ob sich bei Luther eine Frei-Willen-Diskussion in eine bestimmte Richtung entwickelt hat. Dann wäre das eine höchst aktuelle Diskussion, die die Menschen schon lange bewegt.
Aus heutiger Sicht ist es leicht, frühere Verirrungen zu erkennen. Aus künftiger Sicht wird es leicht sein, heutige Verirrungen zu erkennen. Der Nutzen der Geschichte liegt doch darin, dass wir aus alten Verirrungen anderer für heute lernen.
Weder sind alle Juden, alle Araber noch alle Amerikaner an allem Möglichen heute schuld und deshalb verdammenswert. Noch sind wir in unserer Sprachwahl immer perfekt genung, um nicht doch in dem einen oder anderen Satz, in unserem Kontext, Aussagen zu machen, die zu pauschal wirken.
Seht, wie bei Luther, auch bei Bedford-Strohm, den Zusammenhang und unterscheidet, dass Ihr seine Motive nicht kennen könnt, sondern nur seine Handlungen sehen. Und das, was ich sehe, macht mir da gar keinen Aufreger.
Insofern wünsche ich mir, dass wir auf diesen kleinen Text aus den Nachrichten wie auch auf andere Beiträge im Forum angemessen und korrekt, den Menschen würdig, die sich äussern, reagieren. Und dass wir auch uns selbst sagen können, so möchte ich, dass mit meinen Äusserungen umgegangen wird.
Blum
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It's not what you don't know that gets you into trouble, it's what you know that just ain't so that gets you into trouble. (Satchel Paige)