Super Text, nur ein einzelner Punkt stört mich (mT)

melethron, phase space, Sonntag, 15.03.2015, 17:46 (vor 3955 Tagen) @ Isländer2183 Views
bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 15.03.2015, 20:24

Hey Spekulatius,

Oder: "An die Philosophen hier im Forum"

Ich fühle mich angesprochen. [[zwinker]]

Kurze Anmerkung zu Entropie und "Ordnung". Man muss hier sehr aufpassen, denn was wir als mehr "Ordnung" empfinden, muss nicht zwingend eine niedrigere Entropie haben. Etwa hat in Wasser gelöste RNA eine höhere Entropie, als die einzelnen Bausteine in Wasser (finde die Publikation dazu gerade nicht, aber bei Bedarf suche ich nochmal). RNA scheint aber eigentlich mehr Ordnung zu sein, als seine einzelnen Bausteine.


Den Text finde ich richtig super. Gerade auch die Kritik am Schulsystem spricht mir aus der Seele. Gerade etwa "Karrierefetischisten" fallen häufig nur durch Fragen wie "Ist das Prüfungsrelevant?" auf. Sich mit dem Stoff kritisch auseinandersetzen ist irrelevant. Hauptsache gute Noten anstatt eine fundierte Bildung und den eigenen Horizont erweitern. Der Bologna Prozess hat den fragwürdigen Bildungsprozess noch mehr demontiert.

Eine Stelle im Text stört mich aber:

"Die Versuche mit den selbstfahrenden Autos haben begonnen – und sie werden ihr Ende erst dann finden, wenn niemand mehr selbst fahren darf, sondern ein Zentralcomputer die Bewegung aller Mobile auf deutschen Straßen vollständig steuert. Vermutlich werden diese Automobile nicht nur kein Gaspedal mehr haben, sondern auch keine von Menschen bedienbare Bremse mehr, mit allen sich daraus ergebenden Möglichkeiten"


Ich habe mich, nicht zuletzt wegen meiner eigenen Arbeit mit analytischer Photogrammetrie, ein wenig mit Bilderkennungsalgorithmen auseinandergesetzt. Weiterhin lese ich gerade Kurzweils "How to create a Mind". Das Buch gibt mir eine alternative Herangehensweise zu "Geist" wie ich ihn aus der Philosophie kenne. Anstatt nur zu analysieren, fragt er eben, wie man "Geist" herstellen kann. Kurzweil versucht es mit einem SEHR vereinfachten Model. Das aber - in meinen Augen - gerade dadurch besticht. Es geht ihm weniger darum, dass Gehirn "nachzubauen", sondern mit einem grundlegendem Konzept KI aufzubauen. Von ihm entwickelte Spracherkennung arbeitet mit einer vergleichbaren Methode und Kurzweil ist mittlerweile bei Google angestellt um Google das verstehen von natürlicher Sprache beizubringen (Stichwort: OK, Google). Man mag von seinen Ansichten halten, was man will, aber seine Entwicklungen taugen was. Anstatt KI/Geist "tot zu diskutieren" geht er ran wie ein Ingenieur und macht einfach mal. Sehr erfrischende Einsichten für mich und nach Jahren das erste Buch zur KI Forschung! Macht mir Lust auf mehr! Überhaupt ist es total faszinierend, was sich die letzten Jahre getan hat. Man schaue sich nur mal an, wie gut Computer schon Bilder "verstehen":

http://cs.stanford.edu/people/karpathy/deepimagesent/

...oder Arcade Spiele "verstehen":

https://www.youtube.com/watch?v=EfGD2qveGdQ

...oder Jeopardy Fragen "verstehen":

https://www.youtube.com/watch?v=ABbfbPOIP5g


Das Relevante zu dem Text von Kreutzer ist, dass die Modelle zur Mustererkennung meist MASSIV auf Redundanz basieren. Zwar spielen hier Hierarchien auch eine Rolle, aber diese sind eher "Kommunikationsebenen" und haben mit αρχία (=Herrschaft) nicht viel zu tun. Selbstfahrende Autos nutzen gerade eine Unmenge an teils redundanten Daten, und wohl kaum ein Entwickler oder Ingenieur würde hier auf redundante Daten verzichten. Dass Entwickler hier auf zentrale Steuerungen setzten würden, kann ich mir absolut nicht vorstellen.

Gerade Autohersteller sind doch eher ein gutes Beispiel für "Redundanzerhöhung" und neue Sicherheitsvorkehrungen ersetzten hierbei keine alten Vorkehrungen sondern bieten zusätzliche Sicherheit. Verkehrstote gehen seit den 1970iger kontinuierlich zurück. Weiterhin setzt man bei Verkehrskonzepten eher mehr auf geschickte Rahmenbedingungen für Selbstorganisation als auf zentralisierte Steuerungsmechanismen (Kreisverkehr statt Ampel). Dort wo der Ingenieur noch vorm Betriebswirt das Sagen hat, läuft es doch noch am ehesten.


Was mir mehr Sorgen als die Automatisierung und Digitalisierung macht (Stichwort: Industrie 4.0), ist eine Gesellschaftsform, die mit vielen redundanten Arbeitskräften nicht klar kommt. Und wenn die Gesellschaft mit 10-20% Hochqualifizierten und Automatismen in Produktion UND Dienstleistungsektor klar kommt, wird selbst der letzte Depp checken, dass Ricardo/Marx die einzige "Werttheorie" (im Gegensatz zu Preistheorien) hatten und man wird kapieren, dass vollautomatische Produktion, deshalb keinen Wert erzeugt, weil es dann eben auch keine Lohnarbeit mehr gibt, mit der die Produktion bezahlt werden kann.

Der Kapitalismus wird schneller enden als es vielen klar ist und wir steuern gerade eher auf Orwells Dystopie als auf eine "Utopie" zu.

Grüße
melethron

--
„It’s the Second Law of Thermodynamics: Sooner or later everything turns to shit.“ - Woody Allen


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