Kolonialismus: Rückblick auf die Kongo-Gräuel und Gedanken über Analogien zur heutigen Situation

Revoluzzer @, Samstag, 17.12.2016, 21:34 vor 3372 Tagen 2815 Views

bearbeitet von unbekannt, Freitag, 07.04.2017, 13:50

Die Brutalität, mit der die Europäer die Welt unterwarfen, wird oft erwähnt. Decken mit Pockenviren für die Indianer, die ganze Stämme samt Kindern und Frauen ausrotteten, Sklaverei usw.

Heute bin ich auf eine mir bisher nicht bekannte Geschichte gestoßen, die in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist und bei der ich nach Analogien zu heute frage. Doch dazu später. Jetzt erst mal die Geschichte der Kongo-Gräuel.

Diese sind nicht nur wegen der Ausmaße bemerkenswert, sondern weil sie nicht staatlich, sondern privatwirtschaftlich motiviert und durchgeführt wurden, durch Aktiengesellschaften, die mehrheitlich im Privatbesitz des Königs von Belgien standen.

Zweck des Ganzen war schlichte Gewinnmaximierung. Nach Wikipädia:

Jedem Dorf wurden (Kautschuk-)Lieferquoten und -fristen auferlegt (entweder in zwei oder in vier Wochen – je nach Entfernung des Dorfes von der nächsten Sammelstelle). Als Gewähr wurden die Frauen als Geiseln genommen. Kamen die Männer zu spät oder lieferten nicht genügend Kautschuk ab, wurden die Frauen umgebracht. Oft starben die Frauen durch die Entbehrungen in der Geiselhaft. Auch Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung.

Oft hackten die Männer die gesamte Kautschuk-Ranke ab, was mehr einbrachte. Die Ranke jedoch starb ab, so dass die Männer mit der Zeit immer weiter in den Dschungel mussten, um genügend Material zu finden. In Reaktion darauf wurde das Abhacken der Ranke verboten und mit dem Tode bestraft.

Weigerte sich ein Dorf oder gab es einen Aufstand, wurde es zerstört und alle Bewohner, Frauen, Männer und Kinder, wurden erschossen.

Die geforderte Kautschukmenge war so hoch, dass sie eigentlich nur durch unablässige Arbeit bei Tag und Nacht gewonnen werden konnte. Wer die geforderte Menge nicht erreichte, galt als faul und wurde hart bestraft.

Wiederholt kam es zu Aufständen und Rebellionen, sie wurden jedoch durch die Kolonialarmee des Freistaats, die Force Publique, brutal niedergeschlagen.

Die durch die brutale Ausbeutung erzielten Gewinne waren enorm. So stiegen die Aktien einer der beteiligten Firmen, der Anglo-Belgian India Rubber Company (ABIR), von 4,5 Pfund binnen 2 Jahren auf 700, schließlich auf 1000 Pfund.

Ein anderes häufig ausgeführtes Zwangsinstrument war die Amputation der Hände. Die Force Publique bestand aus Schwarzen – nur die Offiziere waren Weiße. Damit die Soldaten mit ihrer Munition nicht auf die Jagd gingen oder sie etwa für einen Aufstand zurückbehielten, musste genau Rechenschaft für jede abgeschossene Patrone gegeben werden. Dies wurde durch die Formel „für jede Kugel eine rechte Hand“ gelöst: Für jede Kugel, die abgeschossen wurde, mussten sie den von ihnen Getöteten die rechte Hand abhacken und sie als Beweis vorlegen. Oftmals wurden Lebenden die Hände abgehackt, um verschossene Munition zu erklären. Die Hände wurden geräuchert, um sie länger haltbar zu machen, da es lange dauern konnte, bis ein weißer Vorgesetzter die Anzahl der Hände kontrollieren konnte.

Durch einzelne engagierte Missionare wie William Henry Sheppard, die sich zur Wehr setzten, gelangte das Geschehen an die Öffentlichkeit. Das ganze Ausmaß der Gräuel wurde offensichtlich, als Edmund Dene Morel, ein Angestellter der Reederei, die das Monopol auf den Handel mit dem Kongo-Freistaat hatte, aufdeckte, dass mit der Kolonie gar kein Handel betrieben wurde, sondern die Schiffe, die in die Kolonie fuhren, praktisch nur mit Waffen und Munition beladen waren.

Morel startete in der Folge die erste internationale Menschenrechtsbewegung und erreichte besonders in Großbritannien und den USA ein großes Echo der Empörung. Fotografien führten das Ausmaß der Unterdrückung eindrücklich vor Augen. Aufnahmen von Schwarzen mit abgehackten Händen oder Füßen machten daraufhin in Europa und den USA die Runde. 1903 entsandte Großbritannien den Diplomaten Roger Casement in den Kongo, um die Anschuldigungen gegen Leopold II. und sein Regime zu untersuchen. Sein Bericht bestätigte sämtliche Vorwürfe Morels. Unter internationalem und nationalem Druck (in Belgien war Leopold II. unbeliebt) gab der König schließlich nach: 1908 trat er den Kongo an den belgischen Staat ab. Die Kolonie erhielt nun den Namen Belgisch-Kongo. Die brutalen Zwangsmaßnahmen wurden sofort unterbunden, die Zwangsarbeit an sich wurde 1910 offiziell abgeschafft.

Durch die staatliche Verwaltung verbesserte sich allmählich die Situation der einheimischen Bevölkerung. Jedoch wurde trotz des juristischen Verbots die Zwangsarbeit zunächst weiter geduldet. Äußere Umstände bildeten den Hauptgrund für die Veränderungen: Der Großteil der Kautschukbäume war abgeholzt, und die in der Karibik und in Asien angelegten Kautschukplantagen konnten mittlerweile genutzt werden.

Schon Zeitgenossen schätzten, dass im Kongo-Freistaat die Hälfte der Einwohner durch Zwangsarbeit, Hunger, die Grausamkeit der Verwaltung sowie durch Krankheiten ums Leben kam. In den 20 Jahren zwischen der Kongokonferenz und Mark Twains Pamphlet König Leopolds Selbstgespräch (1905) war die Bevölkerung des Kongo von ursprünglich etwa 25 Millionen Einwohnern bereits auf 15 Millionen dezimiert. Twain und andere wiesen zudem darauf hin, dass ohne die 10 Millionen Toten die Bevölkerung in jenen 20 Jahren durch natürlichen Zuwachs 30 Millionen zählen würde, Leopolds Todesbilanz also sogar mit 15 Millionen anzusetzen sei. 1924 ermittelte Belgien dann, dass in Belgisch-Kongo nur noch etwa zehn Millionen Einwohner lebten. Zum Zeitpunkt des Endes der belgischen Herrschaft (Unabhängigkeit 1960) waren es 18 Millionen.

Die Kongogräuel „gehören unzweifelhaft zu den größten Verbrechen der modernen Kolonialgeschichte“.

Die Fragen / Analogien zu heute:

Die Kongogräuel wurden, so wird berichtet, erst dann in USA und Europa wirklich zum Thema, als Fotografien auftauchten. Es war diese Verbreitung einer neuen Technolgie, die das Ganze zum Kochen brachte. Das Internet wirkt heute Äquivalent hierzu und macht Verbrechen unserer Regierungen / pseudo-"Eliten" öffentlich sichtbar.

Wichtiger ist aber eine weitere mögliche Analogie: Die Brutalität von WK1 und WK2 war vielleicht nur die Nach-Innen-Wendung von Etwas, das sich zuvor in den Kolonien entlud. Und nachdem es sich in der Welt nicht mehr entladen konnte, blieb diesem Drang nichts anders mehr übrig, als sich mit aller Kraft gegen die Nachbarländer bzw. die eigenen Bevölkerungen zu wenden.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass die Pax Americana und die ihr eigene subtilere Form der Unterdrückung der Welt (subtiler im Vergleich zu den Methoden des Kolonialismus, nicht absolut) zugunsten bestimmter "Geld-Monarchen" in China, Russland, Syrien usw. an ihre Grenze gestoßen ist, und wenn wir weiter davon ausgehen, dass in Griechenland usw. die erste Ausbeutung "westlicher pseudo-Demokratien" durch die Geld-Monarchen durchgezogen wird, dann kämen wir zu dem Schluss, dass die eigentliche nach-Innen-Wendung der Gewalt uns erst noch bevor steht. Denn das Maß der Brutalität, das der Westen in Syrien usw. anwendet, ist noch nicht im Ansatz "zu uns nach Hause" zurückgekommen.

Oder konkret: Nicht die heutigen Verhältnisse in Griechenland, sondern die heutigen Verhältnisse in Libyen oder Syrien sind dann Bilder unserer Zukunft.

Weiter: Das Internet als neue Technologie sollte nicht überschätzt werden. Ja, das Internet macht Skandale sichtbar und erschwert dadurch, dass innerer Drang sich in unmoralischer Weise in der Welt entladen kann. Aber: Das Internet ändert erstmal nicht den Drang, nicht die inneren Verhältnisse bzw. nur in einer indirekten Art über Bewusstwerdung - und das dauert lange. Es erhöht zunächst nur die Barriere, zur Äußerung des Drangs, birgt damit aber die Gefahr, einer besonders explosiven Entladung. Will man die Gefahr selbst bannen, so muss das Ziel eine tiefe Gesellschafts- und Kulturänderung sein - eine Veränderung, die aber selbst kaum gewaltfrei ablaufen könnte.

Ratlose Grüße in das Forum!

Revo.

Schönes Beispiel für Staats-Terrorismus.

siggi, Samstag, 17.12.2016, 22:08 vor 3372 Tagen @ Revoluzzer 2273 Views

Hallo Revo,

ich setzte hier mal ganz bewusst die Machenschaften des Königs mit denen eines Staates gleich, weil auch Staaten in vielfältigster Weise so verfahren haben und es bis heute so tun.

Daher ist auch die Aussage hier in einem anderen Thread, dass nicht alle M. Terroristen sind, aber viele Terroristen M. sind, an Naivität kaum noch zu überbieten.

Allerdings ein sehr gutes Beispiel dafür, wie prima die Volksverblödung durch die entsprechenden Kreise funktioniert.

Hier bei KenFM:

https://www.youtube.com/watch?v=OwRNpeWj5Cs

von Prof. Mausfeld sehr gut dargelegt.

Wobei ich, im Gegensatz zu Mausfeld, wenig Hoffnung habe, dass sich diese Volksverblödungs-Strukturen jemals wieder auflösen lassen werden.

Jedenfalls nicht mit friedlichen Mitteln und somit stimme ich dir in deinen Schlussfolgerungen, was uns in Zukunft erwartet, zu und hoffe in Abwandlung eines bekannten Zitates auf die Gnade der frühen Geburt.

LG

siggi

Leserzuschrift: Film zum Thema

Revoluzzer @, Sonntag, 18.12.2016, 15:21 vor 3371 Tagen @ Revoluzzer 1777 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 18.12.2016, 16:26

Hallo Revoluzzer,

manchmal kommt, allerdings spätabends, wenn die arbeitenden Normalbürger schon schlafen, sogar Aufklärung in den Propagandasendern. Hier der Film "Schatten über dem Kongo", gesendet vor ein paar Jahren im ZDF. Als Link für das Gelbe.


https://www.youtube.com/watch?v=a-V5hppHc0E

Es waren nur 12 Millionen Tote, also muss man nicht groß darüber reden. Wie immer wird doch überall mit zweierlei Maß gemessen.

Trotz allem einen schönen 4.Advent

Andreas

Gräuel ohne Reue?

mh-ing @, Sonntag, 18.12.2016, 15:48 vor 3371 Tagen @ Revoluzzer 1746 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 18.12.2016, 16:27

Es wurden im Kongo damals mehr Menschen (ca. 10 Mill.) als im Holocaust umgebracht. Von den Verstümmelten, Vergewaltigten und Misshandelten ist ohnehin keine Zahl gegeben.
Es gibt keine Reue oder Wiedergutmachung, die Denkmäler für diesen König Leopold II stehen nach wie vor.
Noch heute mischen die Belgier im Kongo mit und lasse auch nach wie vor Profite reichlich sprießen.

Schande!

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