Hallo stocksorcerer,
hier nun meine gestern angekündigte ausführliche Antwort bzgl. der Rede von Dr. Alice Weidel zu "Wirtschaft & Soziales": https://www.youtube.com/watch?v=WCQYj2Gx8TY
Zu den ersten knapp 10 Minuten habe ich mich hier schon (viel zu kurz) geäußert. Inhaltlich sind die ersten 10 Minuten seichtes Politikerbashing.
Weiter im Text:
Ca. 12:00 Thema: Steuern zu hoch
Fr. Weidel beschreibt wie Beamten des Finanzamts zur Steuerprüfung kommen und damit die Unternehmer und Arbeiter nur stören und bei diesem Stören auch noch Spaß zu haben scheinen.
Fragen dazu:
wie könnten wir Steuerprüfungen besser organisieren? Sollten Steuerprüfungen grundsätzlich unterbleiben? Wenn ja, welche Folgen hätte das?
Ca. 12:20
"Die [Finanzbeamten, m.A.] werden alle nur mit durchgezogen. Darum ist das
so."
Fragen dazu: Wer genau wird von wem genau "nur mit durchgezogen"?
Ist damit gemeint, dass öffentlich-rechtlich Bedienstete in den Finanzämtern grundsätzlich keine Leistung erbringen könnten?
Steckt dahinter eine implizite Überzeugung, dass es insgesamt ganz OHNE FINANZAMT besser ginge? Wenn ja, welche Folgen hätte das für eine Gesellschaft ganz ohne Finanzamt?
Sollten gar am besten gleich sämtliche öffentlich-rechtlich Bediensteten entlassen werden, weil ohnehin ausschließlich privatrechtlich Tätige überhaupt dazu in der Lage sind etwas zu "leisten" - oder etwas zu "ziehen" um im Bild des "mit Durchziehens" zu bleiben?
Ginge es - ganz ohne öffentlich-rechtliche Bedienstete - dann WIRKLICH allen besser? Wem ginge es womöglich besser? Wem schlechter?
Ca. 13:00
"Wir sind [...] für Steuerentlastung des Faktors Arbeit und nicht [...] des
Faktors 'Wir wandern jetzt mal in die Sozialsysteme ein' und bedienen uns
wo andere fleißig, mühevoll einbezahlt haben."
Frage dazu: Was ist mit dem Faktor 'Wir wandern - steuerrechtlich - aus Deutschland aus und zahlen unsere Steuern einfach in anderen Jurisdiktionen (nicht)'?
Ca. 14:45 Familienpolitik: Einkommensteuersatz sollte ("am besten") progressiv mit der Anzahl der Kinder sinken.
Interessanter Ansatz! Hat mich nicht nur zum Schmunzeln - wie Fr. Weidel auch - sondern auch zum Nachdenken gebracht. Ich muss noch weiter darüber nachdenken. Die Kleinstfamilie halte ich aber - auch mit progressiver Einkommensentlastung mit jedem Kind - grundsätzlich nicht für ein PatENDrezept. Es ist vielmehr ein Rezept für Traumatisierungen aller Art, was für mich besonders daran erkennbar ist, dass praktisch jeder, dem ich bislang in meinem Leben begegnet bin ein "Familienthema" hat, das für einigermaßen geschulte Außenstehende nachgeradezu augenfällig ist, der Betroffene - da schließe ich mich übrigens ein - diese Betroffenheit aber gerade nicht selbst erkennen kann. Wie das mit den eigenen blinden Flecken eben so ist. Man kann sie selbst nicht sehen, man ist mEn auf Hilfe bei der Selbstreflektion angewiesen. Aber dazu an anderer Stelle vllt. mal mehr, das sprengte hier sonst völlig den Rahmen.
Ca. 17:00 Thema: Zuwanderung/Demographie, Tenor: Unser Problem ist unqualifizierte Zuwanderung
Da ist Fr. Weidel zu zustimmen. Es nimmt sich in der Tat bei genauerem Betrachten schon höchst ambitioniert aus, wenn die Bundesrepublik Deutschland, als Adressat der "Menschenrechte" prinzipiell allen Menschen ein menschenwürdiges Leben garantieren soll. Das stellt sich in der Praxis derzeit gerade als überambitioniert heraus. Gleichwohl die prinzipielle Idee freilich gut und richtig ist: der Staat als Adressat derjenigen Pflichten, die den Menschen grundlegende Rechte garantieren. Staatsbürger haben darüber hinaus gehende - unveräußerliche, d.h. öffentlich-rechtlich garantierte - Rechte.
Ca. 17:30 Thema: Bargeldabschaffung
Sehr gut, dass das Erwähnung findet! Hier läuft mEn ein Kampf der privaten Banken um das nackte Überleben. Mit Negativzinsen und Bargeld, das keine Negativverzinsung erlaubt, könnten sie nämlich nicht dauerhaft existieren. Sie würden aus der Geld-Hierarchie, in welcher sie sich bei Normalbetrieb gerade zwischen Zentralbank und Publikum befinden, herausgedrängt, weil das Publikum per Bargeld ja auch Zugriff auf die Bilanz der Zentralbank hat. Guthaben kann das Publikum bei der Zentralbank hingegen in der Regel nicht halten.
Also: Bargeldabschaffung ohne Kompensation für das Publikum wäre für die Banken super, weil dann NUR noch sie Zugriff - per Zentralbankguthaben - auf die Zentralbankbilanz haben.Das wäre tiefergehend zu erörtern, muss hier aber unterbleiben.
Ca. 18:45 Thema: Sozialleistungen für Zugewanderte, Tenor: Die "Ziehfaktoren" müssen heruntergesetzt werden, damit die Menschen überhaupt zu uns kommen.
Fragen dazu: Wenn man als Staatenlenker das Ziel hat die "Ziehfaktoren" herunterzusetzen, bedeutet das dann nicht die Konzentration gerade auf das was man nicht will - nämlich in einem unattraktiven Land zu leben? Warum sollte man sich selbst unattraktiver machen? Sollte es nicht statt des "unattraktiv machens" besser glasklare Regeln und deren Druchsetzung geben?
Freilich spielt hier die demographische Dynamik in den Herkunftsländern eine große Rolle, die ein "einfaches" attraktiver machen der Herkunftsländern sehr erschwert. Auch das wäre tiefergehend zu erörtern. Was sicher keine gute Idee ist: Waffen in alle Welt liefern, mit beiden Augen bei geopolitischen Machtspielchen der Dickschiffe USA/Russland wegsehen und einfach hoffen, dass es wohl schon irgendwie gut gehen wird.
Ca. 22:00 Abwanderung Hochqualifizierter
Klasse, dass Fr. Weidel das anspricht. Das ist in der Tat ein großes Problem und gibt sehr zu Denken. Ich habe keine Lösung. Eines scheint mir sicher: bei aller Schadenfreude über eine zerfallende EU ggü der in der Tat gescheiterten weil staatswissenschaftsagnostischen EU-Entscheidungsträger wäre ein ernsthaft und mglw. dann komplett zerfallendes Europa auch für Deutschland als Hochqualifizierten-Standort ein Desaster. Ohne die Möglichkeiten des europäischen Binnenmarkts Weltunternehmen aufbauen... in Konkurrenz gegen den Binnenmarkt der Chinesen (1 Mrd.) und der USA (ca. 400 Mio; Europäischer Binnenmarkt: ca. 550 Mio)? Das glaube ich nicht.
Ca. 24:20 "Wir sind nicht nur eine Partei der Arbeitnehmer sondern auch der KMUs, der kleinen und mittleren Unternehmen."
Das klingt schon sehr gut! Mal sehen wie das genau vonstatten gehen soll.
Ca. 24:50
"Denn was passiert... die AfD ist die einzige Partei, die diesen ganzen
Kokolores in der EU überhaupt ankreidet."
"Man muss die EU zurückbauen."
Was GENAU bedeutet ein "Zurückbauen" der EU? Soll es gemeinsame europäische Regeln geben oder nicht? Sollen diese gemeinsamen europäischen Regeln Rechte sein, die durchsetzbar sind oder nicht?
"Warum muss man das machen?"
"Weil die EU in den Bereichen, die uns betreffen nur stört."
In welchen Bereichen wäre die EU sinnvoll? Steuern erheben für Größtunternehmen, die sonst nur die Einzelstaaten gegeneinander ausspielen würden?
Frage: Wäre das nicht ganz im Sinne einer Partei des Mittelstandes?
Fr. Weidel erwähnt diesbezüglich den European Round Table (of Industrialists), der aus den CEOs von 50 europäischen Größtunternehmen besteht.
Frage: Wäre es nicht ein netter Ansatz gerade diejenigen Unternehmen, die mit Lobbyisten in Brüssel vertreten sind zukünftig von der EU vorgegebene Steuern bezahlen müssten, so dass sie nicht mehr mit ausreichend komplexen Firmenkonstruktionen in Irland und Holland ihre Steuern (nicht) bezahlen?
Welche Kompetenzen müssten der EU dazu übertragen werden?
Natürliche Personen zahlen ihre Steuern in den Nationalstaaten, aber multijurisdiktionale Organisationen (sog. "Konzerne"), die innerhalb des Binnenmarkets Einkommen erzielen wollen, zahlen ihre Körperschaftssteuern künftig an die EU. Die aktuelle Kostruktion ist ja so deppert, dass etwa Irland Steuereinnahmen, die die Kommission für Irland erstritten hat erst gar nicht haben will. Wenn soetwas kein Werk von Staatswissenschaftsagnostikern ist? Wahnsinn.
Thema EU Parlament:
"das Initiativrecht für Gesetzesentwürfe liegt bei einem Exekutivorgan"
Und sowas
"hebt die horizontale Gewaltenteilung auf".
Ja, super Punkt! Das darf so nicht bleiben. Die EU ist heute kein Rechtsstaat. Aber nicht nur das: die EU ist auch kein gewaltengeteilter, demokratischer Rechtsstaat, weil sie schon gar kein Staat ist und es deshalb erst gar kein Gewaltmonopol gibt, das man teilen könnte und zudem die Teilung dessen was geteilt wurde nicht gemäß demokratischer Prinzipien erfolgte. EU Staatswissenschaftsagnostiker am Werk. Ich kann es nicht anders sagen.
Ca. 27:15
"deshalb muss man die EU zurückbauen und den European Round Table gleich
mit"
"Das ist Korruption"
Fragen dazu: Was genau ist mit Rückbau der EU gemein? Inwiefern genau hilft das Umzusetzen was damit gemeint ist gegen Korruption?
Ca. 27:30
"Korruption auf der einen Seite aber es ist auch eine Wettbewerbsverzerrung > auf der anderen Seite"
Weiter 27:55
"Diese Leute, die da sitzen in Brüssel machen Politik für Großunternehmen.
Die schaffen Ausnahmebereiche. Die können sich eine Hundertschaft von
Juristen leisten, die ein deutscher Mittelständler oder auch ein
Mittelständler in einem anderen europäischen Land, aber strukturell ist es
nunmal so, dass wir einen starken Mittelstand haben in der Industrie und
dementsprechend der Mittelstand - vor allen Dingen der deutsche -
strukturell benachteiligt ist."
Fragen dazu: Wie genau wird der "Rückbau der EU", bzw. das was damit gemeint ist mehr Wettbewerbsgleichheit für Mittelständler gegenüber Großunternehmen herstellen?
Wäre es nicht vielmehr so, dass ein Abbau der EU sogar die Möglichkeit nähme diese heute so grotesk schlechten aber doch zumindest nicht gänzlich absenten Strukturen so aus- und umzubauen, dass auch wieder Größtunternehmen angemessene Steuersätze zahlen müssten, so wie Mittelständler heute selbstverständlicherweise bezahlen?
Ca. 29:15
"Das ist eine Politik, die Unternehmen nicht gleichstellt und auch dagegen
müssen wir vorgehen und so ein European Round Table gehört verboten, denn
das ist nichts anderes als Wettbewerbsverzerrung."
Sehr wichtiger Punkt, den Fr. Weidel hier anspricht. Sie berührt hier die "Dialektik der Gleichheit", ein tiefergehendes Thema, das hier nicht ausgeleuchtet werden kann, das Posting wird ohnehin lang genug.
Frage dazu: Wie erreicht man Chancengleichheit vor dem Hintergrund, dass ja gerade nicht alle Unternehmen je buchstäblich gleich sein können und auch gar nicht sein sollten (weil sie dann wohl kaum mehr private Unternehmen sondern vielmehr normierte Staatsbetriebe wären)?
Ca. 30:00 - Thema: "Sozialunion - wenn wir jetzt schon bei Europa sind"
"[...] Freizügigkeit dahingehend einzuschränken, dass diese
Personenfreizügigkeit nur für Selbständige und Arbeitnehmer gilt und nicht
für diejenigen, die Sozialmigration betreiben. Denn das ist sozial."
"Auch da muss das Ursprungslandprinzip gelten."
Ob das geeignete Maßnahmen für die erhofften Effekte sind müsste sich erst zeigen. Aber für mich ist klar: nicht nur ist die EU kein Staat, es gibt genügend Einzelstaaten innerhalb der EU, denen Staatsbildung sehr gut tun würde. Das muss freilich von deutschen Politikern mit ganz besonderer Behutsamkeit vorgetragen werden, das ist mir klar. Es soll ja kein deutsches Europa werden ("am deutschen Wesen soll die Welt genesen" und dieser ganze Quatsch). Glücklicherweise sind die grundlegenden Ideen ja überhaupt nicht deutsch, sondern griechisch-römisch, darauf hinzuweisen dürfte man dann nicht müde werden. Wenngleich gerade im Mezzogiorno und in Griechenland es sich mit der Staatlichkeit - und natürlich dann logischerweise auch mit der Sozialstaatlichkeit - nicht so prickelnd ausnimmt. Dito Bulgarien und Rumänien. Ergebnis: Migrationsdruck in Richtung derjenigen Staaten die besser funktionieren. Aber das gilt für Migrationsdruck aus der europäischen Peripherie insgesamt, nicht nur für sog. "Sozialmigration".
Staatswissenschaftsagnostizismus aufgeben und vernünftige Staaten bauen wo sie fehlen. Das wäre angesagt.
Ca. 32:50 - Thema: Brexit
"Wir müssen hin zu Referenden auf der Bundesebene in der Bundesrepublik
Deutschland."
Klar, kann man machen.
"Direkte Demokratie" ersetzt aber funktionierende Staatlichkeit nicht. Eine PatENDlösung sehe ich in direkter Demokratie nicht, weil sich nicht jeder immer überall auskennen kann. Hier gibt es viel zu tun. Zu glauben oder auch nur zu suggerieren mit bundesweiten Abstimmungen allein zögen wir ins politische Paradies ein... das halte ich für irgendetwas zwischen naiv und hochgefährlich.
Ca. 34:00 - Thema: J.-C. Juncker, genervt wegen der Brexit-Entscheidung, habe gehandelt nach dem Motto: 'jetzt machen wir CETA über alle Köpfe hinweg'
Die EU wurde von Staatswissenschaftsagnostikern gebaut. Das schwant diesen Pfeifen gerade selbst. Hoffen wir, dass beim Politik(er)wechsel nicht alles kurz und klein geschlagen wird.
Vor lauter aufgestauter Rage. Daumen drücken.
Ca. 35:10 - Thema: Private Schiedsgerichte:
"ein eklatanter Eingriff in die Souveränitätsrechte der Bevölkerungen"
O-Ton: weil das so ist bräuchte es auch - wie in der Schweiz Volksabstimmungen
mit dicken Bögen Papier "mit Pro und Con Argumenten",
"wollen wir in Deutschland auch haben"
S.o. Direkte Demokratie ist kein PatENDrezept. Aber es ist im Grundgesetz vorgesehen und eine Willensnation "schweizer EU" - ich nenne es Europäische Republik - ist mir allemal lieber als Kleinstaaterei, d.h. totaler Rückbau der EU und alten Staatswissenschaftsagnostizismus mit neuem zu ersetzen.
"Wasch mich (Binnenmarkt) aber mach mich nicht nass (Währung, Rechtsstaat)."
Wird nicht funktionieren.
Ca. 36:10: Thema: Europa.
"Europa ist ein schönes Projekt. Das Europa der Vaterländer."
"Was ist das für ein Europa, das wir uns wünschen? Ist das ein
freiheitliches Europa der Vaterländer, die auf gleicher Augenhöhe
miteinander diskutieren oder wollen wir ein Europa durch die Eurozone wo
man [...] Staaten hat in welchem die einen Schuldner, die anderen Gläubiger
sind?"
Frage: Was ist mit "freiheitlich" gemeint?
Sollen die Staaten "frei" sein sich zu verhalten wie sie wollen?
Das kann nicht gemeint sein, denn gleichzeitig sollen die Vaterländer ja "auf gleicher Augenhöhe" miteinander diskutieren.
Deutschland aber ist beispielsweise mit Österreich gerade nicht auf gleicher Augenhöhe. Die österreichische Souveränität etwa in Leitzinsfragen dauerte schon in den 1970ern nur wenige Minuten: die Bundesbank gab die Zinsänderung vor, die ÖNB musste nachziehen. Im Übrigen AUCH die Banque de France; die DM wurde ja nicht für nichts als die "Atomwaffe" der Deutschen bezeichnet.
Eine Augenhöhe unter von Haus aus verschiedenen KANN es nur geben, wenn es eine übergeordnete Instanz GÄBE, die die prinzipiell verschiedenen gleichermaßen an das selbe Recht bände und ein Ausscheren oder Verstoßen gegen gemeinsame Regeln sanktionieren würde.
"Diese Gläubiger-Schuldner-Beziehungen [zwischen den europ. Einzelstaaten] > stören jede Freundschaft."
Echte Gläubiger-Schuldner-Beziehungen stören keine Freundschaften, denn echte Gläubiger-Schuldner-Beziehungen können zwischen völlig anonymen, d.h. insbesondere unbefreundeten Kontrahenten bestehen. Wenn "Freunde" also echte Gläubiger-Schuldner-Beziehungen eingehen, dann tun sie das gerade NICHT als Freunde, sondern als Gläubiger und Schuldner - sonst könnten sie ja etwas völlig anderes auch machen: Gegenseitigkeit etwa. Eine echte Gläubiger-Schuldner-Beziehung - im Gegensatz zu freundschaftlicher Gegenseitigkeit - kann bei einer dritten, dem Anspruch nach völlig unparteiischen Instanz eingeklagt und durchgesetzt werden.
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland basieren auf zwischenstaatlicher Reziprozität. Auf sogenanntem Völkerrecht, das mit Völkermacht treffender bezeichnet wäre. Es werden im Völker"recht" zwar Vokabeln aus dem Privatrecht verwendet ("Verträge"), aber die Bedeutung entspricht nicht derjenigen, die Private innerhalb einer diese Verträge potenziell durchsetzen könnenden staatlichen Jurisdiktion darunter verstehen.
Ca. 37:10 Tenor: die Troika in Griechenland ("die können da Volksentscheide noch und nöcher haben") sei zutiefst "un-büro-äh-demokratisch".
Frage: Wollen wir eine Bürokratie? Eine unpersönliche meritokratische Bürokratie?
"Diese Entscheidungsprozesse [Direkte Demokratie] müssen her, sie müssen
verfestigt werden, dass wir wieder abstimmen können als Volkssouverän über
die Geschicke unseres Landes und niemand anderes sonst."
"Diese Entscheidungsprozesse" (direkte Demokratie) sollen also dem "Volkssouverän" wieder mehr Macht verleihen... Ok. Soweit so gut.
Die Griechen aber KÖNNEN JA BEREITS als "Volkssouverän" abstimmen und trotzdem nützt es ihnen nichts gegen Mächte von außen.
Frage: Heißt das nicht zwangsläufig, dass "diese Entscheidungsprozesse" (direkte Demokratie) ganz offensichtlich - zumindest allein - gerade nicht das bewirken können, was angestrebt wird?
Ab ca. 38:10
"Das Problem bei dieser EU ist auch, dass es gegen Recht und Gesetz
verstößt."
"Wir wollen den Rechtsstaat wieder haben. Nicht nur bei den europäischen
Verträgen, nein auch bei der Asylgesetzgebung, bei Dublin III oder bei
Schengen."
und weiter
"Die gesamte Eurorettung verstößt gegen geltendes Recht, nämlich gegen die
europäischen Verträge."
Damit sind wir - erneut - beim Kernmissverständnis. Die "europäischen Verträge" sind "völkerrechtliche Verträge". Die EU mithin ein "völkerrechtlicher Herrschaftsverband" (BVerfG).
Nochmal: das Völkerrecht ist in der geübten Praxis aber VölkerMACHT. Dabei ist diese Völkermacht zwar gekleidet in die privatrechtliche Terminologie (völkerrechtliche Verträge, die für das Privatrecht, das wir INNERHALB Staaten kennen, gilt. Aber das sog. Völker"recht" kennt keine unabhänigige, dritte Instanz, die dieses "Recht" - als Rechtsstaat etwa - durchsetzen könnte.
Die Welt ist kein Rechtsstaat: es herrscht zwischenstaatliche Reziprozität basierend auf Diplomatie und Krieg.
Aber nicht nur ist die Welt kein Rechtsstaat, die EU kann ganz explizit auch kein Rechtsstaat sein, schon allein deshalb, weil sie erst gar kein Staat (sondern eben ein "völkerrechtlicher Herrschaftsverband") ist.
Wer in Europa "den Rechtsstaat" will, muss ihn überhaupt erst schaffen. Man kann "den Rechtsstaat" in Europa nicht einfach "wieder haben". Es gab "den Rechtsstaat" in Europa noch nicht.
Ca. 39:30
"Institutionen und Gesetze nutzen überhaupt nichts, wenn sie auf einem
Blatt Papier geschrieben stehen aber letztendlich bei Zuwiderhandlungen
nicht sanktioniert werden können."
Ganz genau, Frau Dr. Weidel!
Frage dazu: Wer genau hätte denn Deutschland sanktionieren sollen als es gegen den (inhaltlich idiotischen - aber immerhin: pacta sunt servanda) Maastricht-Vertrag verstieß? Ein europäischer Staat vielleicht? Wie passt das mit dem oben geforderten "Rückbau" Europas zusammen?
Passendes Thema dazu: Stabilitäts- und Wachstumspakt: 60% Staatsverschuldung/BIP und 3% Neuverschuldung/Jahr
Ca. 40:00
"Diese Zahlen, 60 und drei Prozent, die sind nicht vom Himmel gefallen, da
gibt es in der VWL ganz lange Bücher, ganz komplizierte Formeln, aber
hinten kommt folgendes raus: wenn die Schulden über diese [...] Grenzen
überschreiten, dann wachsen die Schulden dynamisch an. Das kriegen Sie
nicht mehr eingefangen."
Mathematische Präzision in der VWL nutzt nichts, wenn man konzeptionelle Konfusion walten lässt. Ökonomische Akademiker können Zeit ihres Lebens Eigentum und Besitz semantisch verwechseln oder gleichsetzen und könnten trotzdem im "Economist" veröffentlichen und Superstarökonomen werden, weil die Akademiker dort ebenfalls diese konzeptionelle Präzision nicht haben. Ein Zivilrechtsjurist, der versucht einen Fall zu gewinnen würde es ohne diese Präzision nicht eine Woche machen. Und das ist nur ein Beispiel für juristische konzeptionell Unbedarftheit von Ökonomen, die ganz phantastische ökonometrische Modelle bauen können, die mathematisch wahnsinnig präzise sind aber inhaltlich Nonsens abliefern. Es fehlt weitere konzeptionelle Präzision, die man aus der buchhalterischen Praxis gewinnen kann und dann dazu beiträgt sinnvolle Mikro-Makro-Integration hin zu bekommen. Mein Kollege Thomas Weiß hat jüngst dazu einen Vortrag gehalten: https://www.youtube.com/watch?v=no6CTG0CXao
"Der Euro hebt die Wechselkursverbindungen der Zahlungsbilanz auf und was
wir heute sehen ist eine ziemlich simple Zahlungsbilanzkrise in der
Eurozone. Und nichts anderes ist die Eurokrise, sie können die
Zahlungsbilanzen nicht mehr ausgleichen, weil ihnen einfach dieser
Wechselkurs fehlt, sie können es nur noch real tun."
Seit wann werden Zahlungsbilanzen mit "Wechselkursen" ausgeglichen? Zahlungsbilanzen sind per definition immer ausgeglichen. Aber das ist ein kleinerer Punkt, ich vermute zu verstehen was gemeint ist.
Nur noch kurz zum Thema Geldwertstabilität:
"Da können sie alle Steuern vergessen, das ist die eigentliche Umverteilung > über die Geldmenge, die in den Markt hineingepumpt wird und auch das hat
die Freiburger Schule, da sind wir wieder bei Ludwig Ehrhardt und bei
Walter Eucken, die haben gesagt ein wichtiges Wettbewerbsprinzip ist
Geldwertstabilität."
Frage: Heißt die Forderung nach "Geldwertstabilität", dass die AfD sich für FIXE Wechselkurse stark macht?
Flexible Wechselkurse heißen heute für international tätige (Mittelständische-)Unternehmen nichts anderes, als dass die Geldwertstabilität gerade nicht gesichert ist, weil der Geldwert von Einnahmen im Ausland, die noch nicht sofort zu Einzahlungen geworden sind im Geldwert gerade schwanken und nicht erwartbar stabil sind.
Größte Unternehmen können sich mit FX-Swaps freilich von diesem "Risiko" befreien, die KMUs aber regelmäßig gerade nicht. Zumindest die kleinen Betriebe nicht, der ein oder andere Mittelständler sichert den ein oder anderen Großauftrag durchaus - so gut wie eben möglich - ab.
46:30 "Diese Zentralbank zusammen mit dem Europäischen System der Zentralbanken macht genau das nicht, sie stabilisiert den Geldwert nicht, sie finanziert Pleitestaaten."
"Pleitestaaten"... das ist ja zum Abschluss dann doch noch mal Rhetorik die nun wirklich völlig unter ihrem Niveau ist.
Wozu Polemik? Warum nicht besser darauf hinweisen, dass die "Pleitestaaten" Staatsbildung vor sich haben? Ja, sowas muss behutsam erfolgen (und übrigens immer auch im eigenen Land - vor Repatrimonialisierung ist KEIN STAAT gefeit!!!), weil es sowas wie eine politische Korrektheit gibt, die das klare Ansprechen - etwa von ungenügender Staatlichkeit im Mezzogiorno - verhindert, obwohl in privaten Gesprächen mir Italiener sagen: "Naja... der kommt aus dem Süden. Das weiß jeder... das ist da alles ein bisschen anders. Man kann im Zweifel nicht zwangsvollstrecken. Das muss man einpreisen." Und ähnliches.
Aber: Staatsbildung ist nicht nur innerhalb einzelner Nationalstaaten in Europa angesagt, sondern für den möchte-gern Staat Europa auch.
Fazit: Frau Dr. Weidel meint es meinem Gefühl nach ernsthaft gut und möchte ernsthaft Positives bewirken. Ihr fehlen meines Erachtens nach noch einige elementare Unterscheidungen, insbesondere politikwissenschaftlicher und juristischer Natur, um mit der so gewonnenen konzeptionellen Präzision eine Karte der Welt erstellen zu können, die sie in die Lage versetzen kann dort hin zu navigieren wo ich heute vermute dass sie hin möchte.
Ohne diese Unterscheidungen, ohne die konzeptionelle Präzision, wird die (implizite) Navigationskarte mEn so ungenau sein, dass sie höchstwahrscheinlich nicht dort landen wird, wo sie glaubt hin zu steuern.
Danke fürs Lesen.
Schöne Grüße
--
BillHicks
..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.