Inflationsberechnung - eine kritische Analyse

Lechbrucknersepp, Montag, 31.10.2016, 22:23 vor 3416 Tagen 3261 Views

bearbeitet von Lechbrucknersepp, Dienstag, 01.11.2016, 13:30

Wir haben gegenwärtig offizielle 0,8 Prozent Inflation in Deutschland.

Berechnet wird sie bekanntlich mit dem s.g. "Warenkorb".

Kurzzusammenfassung der Berechnungsmethode:
Dorthinein wandert alles, was ein Durchschnittsmensch aus einer Durchschnittsfamilie in einem Jahr in Deutschland so durchschnittlich kauft.

Beispielsweise (fiktive Werte und Produkte):

1/128 Hut
1/10 TV-Gerät
100 Stck. Butter
129 KG Schweinefleisch
50 KG Rindfleisch
900 Liter Bier
[...]

Wer den echten Warenkorb kennenlernen will, findet ihn im Netz. Mir geht es nur um das Grundprinzip.

Und das geht so:
Die durchschnittlichen Preisunterschiede der durchschnittlichen Produkte im durchschnittlichen Warenkorb für durchschnittlich einkaufende Deutsche werden mathematisch verdurchschnittlicht... voilá: Die Inflationsrate ist da.
Zu erwähnen wäre auch noch, dass auch jährlich die durchschnittlich konsumierten Waren eine Rolle spielen, also was genau durchschnittlich gekauft wird. Sonst wäre das Modell sinnlos.

So viel zur Ermittlung der Inflationsrate.

Kommen wir nun zur Kritik daran:

Es gibt an dieser Inflationsratenberechnung viele kleine, aber drei große Kritikpunkte:

1. Wenn sich die Menschen keinen Luxus mehr leisten können, schwenken sie auf billigere Ersatzprodukte um. Das verfälscht das Ergebnis.
Beispiel: Rindfleisch wird teurer und die Leute kaufen daher mehr Schweinefleisch. Dann fällt in dem Jahr die Schweinepreisänderung stärker ins Gewicht, als die Rindfleischpreisänderung, die zu einer Änderung des Konsumentenverhaltens führte.
(Klingt langweilig, ist es vielleicht auch, aber ist der Vollständigkeit halber notwendig - da wird viel darüber gestritten.)

2. Der zweite große Kritikpunkt ist, die Zusammensetzung des Warenkorbes.
Die Kritik lautet konkret, dass viel zu viele Elektronikprodukte im Warenkorb sind. Tendenziell zu viel solcher Produkte, die billiger wurden. Geplante Obsoleszenz hin oder her - aber keiner kauft 10 TV-Geräte in Jahr (fiktiver, überspitzter Wert).

3. Ferner wird immer wieder gesagt, dass der Warenkorb vor allem so verzerrt ist, weil keine Vermögenspreise einfließen.

Das ist mein Favorit.

Bau, kauf, oder am besten habe heutzutage mal ein Haus!
Mehr als ein Schnitzel am Tag kann ein Reicher auch nicht essen (Konsumquote). Aber Sachwerte kaufen kann er viele.

Dass Vermögenspreissteigerungen von Sachwerten nicht in den statistischen Warenkorb einfließen ist für mich der Hauptgrund, warum das mit den 0,8 Prozent vorne und hinten nicht die Geldentwertung anzeigt.

Aber diesen Anspruch hat die Inflationsrate auch gar nicht - was viele nicht wissen. Die Inflationsrate zeigt an, wie sich Verbraucherpreise (ohne Vermögenspreise) verteuern (oder verbilligen).

Insgesamt taugt die Zahl halt nicht besonders viel.
Wegen grundsätzlicher Unsicherheiten (für die die Verfälschung ein Symptom ist) gehen viele in Sachwerte. Und damit schließt sich der Kreis.

Hab ich mir in den vergangenen Tagen mal so zusammengereimt und repetiert, was ich aus Lektüre dazu weiß.

Alternative?

mh-ing @, Dienstag, 01.11.2016, 08:21 vor 3415 Tagen @ Lechbrucknersepp 2108 Views

Die Kritikpunkte sind berechtigt, doch wie wäre eine Alternative?
Die Inflation soll ja die Situation der Mehrheit im Durchschnitt darstellen und da fallen die extrem Armen und Reichen einfach schon statistisch heraus.

Ich denke, dass es dafür dann andere Tabellen gibt, welche die Situation darstellen und für den denkenden Menschen das Bild klarer machen:
Wenn sich der Reichtum der obersten Schicht erhöht und das Gesamtvermögen als Konstante angesehen wird, muss folglich die Mehrheit ärmer werden. Genau das ist ja der Fall. Es genügt (so ein Zitat gestern von einem Armutsforscher) eine Kündigung oder eine schwere Erkrankung, damit ein "Mittelständler" zu "Arm" wird.

Man könnte dem nur mit Vermögenssteuer, Begrenzung des maximalen Einkommens (analog Mindesteinkommen), Begrenzung des maximalen Besitzes usw. gegensteuern. Dazu wird es aber wohl nie kommen.

Meine Vorschläge zur Verbesserung

Lechbrucknersepp, Dienstag, 01.11.2016, 19:25 vor 3415 Tagen @ mh-ing 1545 Views

Die Kritikpunkte sind berechtigt, doch wie wäre eine Alternative?
Die Inflation soll ja die Situation der Mehrheit im Durchschnitt
darstellen und da fallen die extrem Armen und Reichen einfach schon
statistisch heraus.

Ich ziehe meine Verbesserungsvorschläge mal entlang der drei zentralen Kritikpunkte auf:

Zu 1) Substitutionsprodukte verzerren [z.B. mehr Schweine- , statt Rindfleisch, (wenn man kein Musel ist)]:
Da sich nicht faktisch feststellen lässt, warum andere Konsumentscheidungen getroffen wurden, würde ich diesen Punkt außer Acht lassen.

Zu 2) Kritik am Warenkorb: Hier würde ich anhand unabhängiger Gutachten feststellen lassen, inwieweit hier tatsächlich die unterstellten Verzerrungen vorliegen.

Zu 3) Vermögen wird bei Inflationsrate nicht berücksichtigt.

Hier würde ich ansetzen:

A) Wenn der Mietpreis in den Warenkorb einfließt (siehe: https://www.haufe.de/immobilien/entwicklung-vermarktung/marktanalysen/destatis-wohnungs... dann können es auch Baukosten/Kaufkosten von Häusern. Eine Trennung zwischen Anlage- und Wohnimmobilien wäre möglich.

B) Wenn gilt: private Vorsorge ist nötig, dann wäre zu überlegen inwieweit Durchschnittskosten von Vermögensaufbau zu berücksichtigen wäre.
Aber je mehr ich über B nachdenke, desto mehr stelle ich fest, dass der Teufel hier im Detail liegt.

C) Oft werden in den USA die Shadowstats eines unabhängigen Wirtschaftsexperten den behördlichen offiziellen Statistiken entgegengesetzt.
http://www.shadowstats.com/alternate_data/inflation-charts
Da kommen ganz andere Zahlen raus.
Insgesamt könnte die Inflationsberechnung zu zentral und nicht unabhängig genug geregelt sein. Dieser Punkt korrespondiert mit meinem Verbesserungsvorschlag zu 2: unabhängigere Gutachten.

Meine Idee dazu

mh-ing @, Dienstag, 01.11.2016, 19:59 vor 3415 Tagen @ Lechbrucknersepp 1456 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 01.11.2016, 20:04

Die Definition des Begriffs ist in Fachbüchern klar beschrieben. Letztlich ist es aber das Verhältnis aus Einnahmen und Ausgaben, welches sich bei Inflation nachteilig auswirkt. Der früher genutzte Begriff "Teuerung" ist wohl daher sinnvoller, weil der das tatsächliche Geschehen besser erfasst. Wenn wir mehr Geld erhalten, die Dinge teurer werden, haben wir keine Verteuerung, sondern leben wie bisher und können uns das leisten.
Wenn man aber die Ansparvermögen, Rentenansprüche usw. hier mit einpreisen will, ist das nur über theoretische Modellbildungen möglich und daher letztlich jedes Modell anfällig und unzureichend.

Daher wäre aus meiner Sicht es besser, das etwas anders aufzuziehen:
- Lebenskostenindex aus den in der Breite der Bevölkerung genutzten, lebensnotwendigen Produkte
- Konsumgüterindex aus den nicht essentiellen, aber genutzten Dingen (hochwertige TV, Urlaub, Auto ....)
- Wohnkostenindex (Mieten/Haus getrennt)

Für einen international verwertbaren Gesamtindex könnte man die Relation der Gesamtausgaben der jeweiligen Bereiche in Bezug auf die Gesamtsumme hernehmen, um dann einen etwas aussagekräftigeren Index zu erhalten.

Sehr gut. Das würde auch das Problem der "individuell stark abweichenden, persönlichen Inflationsraten" entschärfen (oT)

Lechbrucknersepp, Dienstag, 01.11.2016, 20:27 vor 3415 Tagen @ mh-ing 1277 Views

- kein Text -

Dissozierte Preisentwicklung

aliter @, Dienstag, 01.11.2016, 10:02 vor 3415 Tagen @ Lechbrucknersepp 1980 Views

bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 01.11.2016, 14:09

Danke für die Wiederaufnahme des Themas. Ich hatte schon vor langem mal gepostet, dass die sog. Inflationsrate ein Witz ist. Im wesentlichen gehen alle zur Wertsicherung geeigneten Kosten rapide nach oben, sprich extreme Inflation (landwirtschaftliche Grundstücke verdreifachen sich im Preis etc, Kunst, Oldtimer Häuser... ).

Inzwischen glaube ich, dass das jeder halbwegs vernünftige Volkswirt weiß und das untaugliche Instrument der sog. Inflationsrate nur zur Absicherung der i.m. A. kriminellen Geldentwertung und Vermögensumverteilung durch die EU-Macher dient.
Soviel wg. Zeitmangels in Kürze.

mfg

"Die" Inflationsrate gibt es nicht

paranoia @, Die durchschnittlichste Stadt im Norden, Dienstag, 01.11.2016, 13:44 vor 3415 Tagen @ aliter 1891 Views

Hallo aliter,

danke für die Wiederaufnahme des Themas. Ich hatte schon vor langem mal
gepostet, dass die sog. Inflationsrate ein Witz ist. Im wesentlichen gehen
alle zur Wertsicherung geeigneten Kosten rapide nach oben sprich extreme
Inflation (landwirtschaftliche Grundstücke verdreifachen sich im Preis
etc, Kunst, Oldtimer Häuser... )-

Wenn von "der" Inflationsrate die Rede ist, dann ist meist der Index der Lebenshaltungskosten gemeint.

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Preise/Verbraucherpreise/Verbrauche...

Bisher zählten weder landwirtschaftliche Grundstücke, noch Kunst, noch Oldtimer oder Häuser zu den Aufwendungen meiner Lebenshaltung, von daher beneide ich Dich um Deine Lebenssituation. :)

Für alle von Dir genannten Vermögenswerte gibt es Indizes, bei der Kunst weiß ich das als Banause nicht.

Inzwischen glaube ich, dass das jeder halbwegs vernünftige Volkswirt
weiss und das untaugliche Instrument der sog. Inflationsrate nur zur
Absicherung der i.m. A. kriminellen Geldentwertung und
Vermögensumverteilung durch die EU-Macher dient.

Volkswirte können Deinen Kritikpunkt vermutlich weniger nachvollziehen.

Gerne wird aber der Warenkorb um die Preise von Nahrungsmittel und Energie bereinigt, weil die ja "so volatil" seien und den Blick auf den Rest des Korbes vernebeln.

Das ist Manipulation. Ich kann auf den Konsum vieler Dinge verzichten, aber eben nicht auf Nahrungsmittel und Energie.

Gruß
paranoia

--
Ich sage "Ja!" zu Alkohol und Hunden.

Werbung

Wandere aus, solange es noch geht.