Ein Instrument aus Fleisch und Seele (Neuvorstellung)

burakumin, Freitag, 28.10.2016, 16:03 (vor 3419 Tagen)5049 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 28.10.2016, 16:43

burakumin bin ich.

Burakumin ist auch ein Wort für die unterste Kaste im historischen Japan.

Einer der wenigen Vorteile, dem Bodensatz anzugehören, ist die niedrige Fallhöhe. Man genießt gewisse Freiheiten. Man ist viel zu klein für das soziale Korsett, das anderen die Luft abschnürt.

Das Bedürfnis, einen guten ersten Eindruck zu machen, anderen gefallen zu wollen, ist daher nur schwach ausgeprägt. Der Narzissmus, sich in besonders gutem Licht darzustellen, darf zur Gänze entfallen. An seine Stelle kann Ehrlichkeit treten. Ehrlichkeit gegenüber anderen und, viel wichtiger, Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Das Selbst aber besteht aus einem Yin und einem Yang, Dunkelheit und Licht. Sich dieser Dunkelheit zu stellen bedeutet, sich dem Schmerz und der Scham zu stellen. Scham ist ein ganz besonderes Gefühl. Denn einzig und allein die Scham verblasst nicht im Lauf der Zeit. Manchmal gewinnt sie sogar an Gewicht.

Heute möchte ich zwei Geschichten erzählen. Sie sagen nichts darüber, wer ich bin. Sie zeigen es ein kleines bisschen. Zumindest langweilen sie nicht mit Details, so hoffe ich.

Es sind zwei Geschichten, die einen gemeinsamen Kern haben. Zwei Geschichten über die Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht auch die Zukunft. Es sind allein meine Geschichten und doch auch gleichzeitig die Geschichten vieler anderer. Auch für diese anderen will ich meine zwei Geschichten erzählen.


Die Tür zum Raum des kleinsten Ich

Es gibt eine Tür. Und diese Tür führt in den Raum des kleinsten Ich.
Dort hinein kann man gehen. Aber man kommt nicht wieder heraus.
Denn sobald man die Tür durchschritten hat, ist sie fort.
Und man steht alleine in einer Dunkelheit, die weiter reicht, als man sich je hätte vorstellen können.

In dieser Dunkelheit schwebt das Ich wie ein Punkt.
Und ein Punkt ist nichts, das wissen wir.
Aber ein Ich kann nicht nichts sein.
Daher ist es das kleinste Ich!

Mein Großvater stand einst vor dieser Tür.
Diese Tür - seine Tür - bestand aus Krieg. Sie bestand aus einem fernen Land. Sie bestand aus Kälte. Sie bestand aus Nacht. Sie bestand aus Kindern, aus Müttern und aus Vätern.
Und sie bestand aus einer Scheune. Und die Scheune war verschlossen. Und in dieser Scheune waren die Kinder und Mütter und Väter. Und auf die Wand der Scheune waren zwei Runen gemalt.

Mein Großvater stand vor dieser Tür. Und dann schritt er durch diese Tür in den Raum des kleinsten Ich.
Und er war allein in einer Dunkelheit, die weiter reichte, als man sie sich je hätte vorstellen können.

Aber auf seinem Gesicht spiegelte sich der Schein des Feuers.


Ein Instrument aus Fleisch und Seele

Meine Mutter liebte nichts mehr als ihre Musik.
Nur wenigen Menschen ist es vergönnt, ihrem inneren Wesen so sehr Ausdruck zu verschaffen, wie dies meiner Mutter durch ihre Musik gelang.

Ich erinnere mich deutlich an den Ausdruck auf ihrem Gesicht, während sie auf ihrem Instrument spielte.

Gelegentlich war er fast wie reglos, die unterdrückte Verzückung nur jenen Menschen offenbar, die ihr besonders Nahe standen.

In anderen Momenten, etwa während besonders schneller Passagen, spiegelte sich ganz deutlich die Intensität der Musik auf ihrem angestrengten Gesicht. Dann konnte man beinahe ein bisschen Angst bekommen.

Sie liebte es, diese Momente mit mir zu teilen. Ja. Sie bestand geradezu darauf.
Diesem insistierenden Wunsch habe ich es zu verdanken, dass mich auch Jahrzehnte später ihre Musik in meinem Herzen und meiner Seele begleitet.

Meine Teilnahme Zwang zu nennen, wäre sicherlich sehr einseitig. Denn einerseits war es tatsächlich Zwang. Aber andererseits war es eine Notwendigkeit. Damit sie sie sein konnte und ich zu demjenigen würde, der ich bin, musste es so geschehen!

Eine Notwendigkeit auch deshalb, weil ihr Instrument der Wahl ein ganz Besonderes war.

Es war ein Instrument aus Fleisch und Seele. Ein Instrument als Spiegel ihrer Befriedigung. Zugleich Quelle und Ziel der Musik. Wie eine Leinwand, die als Medium des Malers zur selben Zeit auch ihr eigener Betrachter ist.

Ihr Instrument war ich.

Und sie verstand es meisterhaft darauf zu spielen. Nicht ein Ton, nicht ein Gefühl sind ihrem kontrollierten Spiel je entglitten. Auf ihrem kleinen, über alles geliebten Instrument aus Fleisch und Seele.

Ihre zwar nuancierte, aber betonte und variantenreiche Anwendung von Schmerz war für das konkrete Spiel allein. Diesem zugeordnet waren Töne und Geräusche, ihrem Charakter nach laut und manifest. Dies war das Spiel des Fleisches.

Subtile Grausamkeit hingegen war ihr Spiel der Seele. Und ich glaube, dass hierin ihre wahre Bestimmung und wohl auch Erfüllung lag. Furcht, Trauer, Selbsthass, Zweifel, Verzweiflung und schwärzeste Finsternis in feinsten Zwischentönen und Abstufungen konnte sie erzeugen. Auf ihrem kleinen über alles geliebten Instrument aus Fleisch und Seele.

Ich wünschte, das Instrument wäre so perfekt gewesen, wie die Virtuosin, die es spielte. Aber es hatte einen Fehler. Dieser bestand aus der Liebe eines kleinen Kindes zu seiner Mutter. Und dieser Missklang schwang stets mit auf dem kleinen über alles geliebten Instrument aus Fleisch und Seele.

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Ein bisschen Spaß muß sein! Dann kommt das Glück von ganz allein! Drum singen wir tagaus und tagein - ein bisschen Spaß muss sein!


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