OT: Fracking (unkonventionelle Erdöl- und -Gasgewinnung) in geologischer, politischer, wirtschaftlicher, ökologischer Sicht

Literaturhinweis, Mittwoch, 28.09.2016, 13:25 (vor 3445 Tagen)3297 Views
bearbeitet von unbekannt, Freitag, 30.09.2016, 21:05

Fracking, für "hydraulic fracturing" ist der Aufschluß von Erdöl- und Erdgasvorkommen mittels i.W. Wasser ('hydraulic', vgl. 'hydraulische Bindemittel'), 'fracturing' = aufbrechen, wie in 'fracturing a bone' - 'sich einen Knochen brechen'. Vgl. "Activated desorption at heterogeneous interfaces and long-time kinetics of hydrocarbon recovery from nanoporous media" (sehr technisch) oder "Erdgas aus unkonventionellen Quellen: Ein Überblick über Ressourcen, wirtschaftliche und umweltpolitische Bedingungen".

Früher war der Begriff den Deutschen nur als Synomym für die Schlangen bekannt, die sich bilden, wenn politische Anzugträger sich dort anstellen, wo es kostenlose Lachsbrötchen gibt.

Eine sehr gute Einführung in das gesamte Gebiet gibt der Ingenieur Prof. Dr. Anthony Ingraffea, für die, die mit (amerikanischem) Englisch ihre Schwierigkeiten haben, ggf. auf "automatische Untertitel" stellen (ohne meine Gewähr). Vgl. auch "Fracking in den USA. Entstehung und Förderung von Schiefergas durch Hydraulic Fracturing: Dient Schiefergas als verlässliche Energiequelle in der Zukunft?" von Cordula Zimmermann.

Im alten Elliott-Wellen-Forum war Fracking noch kein Thema - 0 Treffer.

Und im heutigen Forum sind es auch nur erst knapp 450 Einträge.

Dennoch wird das Thema angesichts des auf tönernen Füssen stehenden Weltfinanzsystems seine Aktualität nicht los (vgl. z.B. allein die vielen Beiträge aus unterschiedlichsten Quellen auf Zeroghedge), denn die Explorationskosten der Fracking-'Baustellen' sind enorm 'gehebelt', d.h. in einem Maße fremdfinanziert, wie es dies in der früheren Erdölindustrie nicht zu diesem Prozentsatz gab. Es ist eben vieles an diesen "unkoventionellen Öl- und Gasvorkommen" unkonventionell. Siehe z.B. zuletzt "Stimmt es, dass im Spätherbst die Frackingkredite fällig werden?" bis hin zum Verdacht, die prekären Fracking-Kredite könnten hinter der Kriegstreiberei im Nahen Osten stecken: "Frackingkredite sollen durch Zerstörung von Ölquellen im Nahen Osten gerettet werden".

@smiths74 schon vor anderthalb Jahren: "Die Fracking-Blase platzt - und zwar mit Ansage!" - das Problem beim derzeitigen Fracking ist halt, daß es begonnen wurde, weil der Ölpreis sehr hoch war (man ging gut und gerne von 250% des heutigen Preisniveaus aus), so daß sich die "unkoventionelle" Förderung quasi von selbst finanzieren würde. Dann aber kam es alles anders und der Ölpreis sank dramatisch und ggf. aus ganz gesetzmäßigen, vorhersehbaren Gründen! Man hätte das natürlich "hedgen" können, aber das hätte Gewinnmarge gekostet - und dafür wären dann die auf der Gegenseite pleite, weil sie die Absicherungskontrakte sicher nicht eingegangen wären, hätten sie den Preisverfall insgesamt (und seine hartnäckige Dauer erst recht nicht) geahnt. Und Verbriefen in Junk Bonds ist auch etwas schwierig geworden, seit sich herumgesprochen hat, was mit den subprime-Hypotheken vor knapp einem Jahrzehnt passiert ist.

Aber es gibt auch ganz andere Meinungen: "Fracking: Doch alles ganz anders? Energiequelle der Zukunft?", aber sie bilden eine kleine Minderheit gegenüber kritischen Stimmen wie "Bakken Shales - ein weiteres Ponzischema?"

Was genau ist nun Fracking und warum macht man es?

Fracking hat, wie Windenergie'nutzung', einen enorm hohen Flächenverbrauch. Das liegt in der Natur der Sache. So, wie man den Wind nicht bündeln kann, um ihn dann nur an einem Standort aufzufangen, sondern das Windrad dorthin bauen muß, wo er (hoffentlich) bläst, fließt das Öl, anders als eben bei der "konventionellen" Förderung, nicht 'freiwillig' zum Bohrloch, sondern 'das Bohrloch muß zum Öl kommen'.

So werden dann in schon recht geringen Abständen (z.T. nur mehrere hundert Meter, jedenfalls höchstens wenige km voneinander entfernt) Bohrlöcher senkrecht nach unten getrieben, bis die "höffige" Schicht erreicht ist, danach werden die Bohrungen mit neuartiger Technik in verschiedene Richtungen waagrecht weitergetrieben, bis sozusagen der gesamte Untergrund zwischen den Bohrlöchern ebenfalls unterminiert ist (so, wie man früher ja auch von einem zentralen Schacht aus in den höffigen Schichten beim Kohlebergbau Stollen in Flöze in alle Richtungen vorgetrieben hat - nur halt wesentlich gröber und so, daß dort Menschen wenigstens kriechen konnten).

Da das Öl in dem umgebenden Gestein aber festsitzt und nicht wie früher unter hohem Druck "freiwillig" nach oben drückt, muß man zwei Dinge tun:

a) man muß es erst "befreien", d.h. das feste Gestein aufbrechen (fracturing) - dabei hilft z.T., daß dort unten hohe Temperaturen herrschen, so daß das Gestein beim Einpressen kälterer Flüssigkeit spröde wird.

b) Man muß dann das Öl mit Flüssigkeiten (i.W. Wasser, aber mit extrem vielen Zusätzen, von denen eben viele als Umweltgifte in Verruf stehen) herauspressen.

Nach kurzer Zeit ist der erste "Schwall" verebbt, danach liefert eine solche Quelle rapide weniger Öl oder Gas, bis sich dann die weitere Einpressung nicht mehr lohnt und das Bohrloch versiegelt wird. "Innerhalb des ersten Jahres halbiert sich die Tages-Ausbeute einer Bohrung, binnen 3 / 4 Jahren sinkt sie auf 10% der ersten Ausbeute". "Eine weitere Steigerung der Gesamtförderung läßt sich also nur noch mit neuen Bohrungen erreichen! Drill, Baby, drill ist die Devise ..." (die "thermodynamischen Zusammenhänge der globalen Ölförderung").

Wegen des enormen Aufwandes ist die Energieausbeute relativ gering, d.h., es muß sehr viel mehr Energie vorab "hineingepumpt" werden, um das Öl herauszubekommen, als früher. Auch ist der Abtransport "kleinteiliger", d.h. erfolgt mit LKW, die ihrerseits Flächenverbrauch für unzählige Straßen bedingen, da sich Pipelines nicht rechnen, anders als bei den ergiebigeren Ölfeldern der 'konventionellen' Förderung.

Auch in Deutschland tobt diese Diskussion: "Ressourcenschwindel Schiefergas".

Wie die Geothermie, die ja ähnliche Schäden im Untergrund anrichtet, folgen bei Fracking verstärkte Erdbeben auf dem Fuße. Vgl. Hartwig Kupfer: "Spannungen im Untergrund".

Während anderwärts man verzweifelt versucht, Wüstenlandschaft zurückzugewinnen und zu begrünen, erzeugt man mit dem enormen Flächenbedarf des Fracking neue Wüsteneien. Vgl. Titel wie "Hydraulic Fracturing. Mögliche Auswirkungen auf die Umwelt" oder "Fracking: Energiewunder oder Umweltsünde?".

Auch wenn manch einer meint, "Umweltschonendes Fracking" sei möglich, stellen sich hier mehrere Fragen:

a) wieviel "nicht-umweltschonendes" Fracking hat bis dahin schon stattgefunden,

b) wieviele der damit befaßten Akteure sind bis dahin pleite und daher nicht in der Lage, ihre erzeugten Altlasten umweltnuetral rückzubauen etc.

und

c) um wieviel (noch) schlechter ist der EROI dieser neueren Verfahren? ("Shale-Oil schneidet bereits schlechter als Photovoltaik ab ...")

Schon die herkömmliche Ölförderung war nicht gerade umweltfreundlich, jedoch bei Hydro-Fracking werden Chemikalien-Cocktails z.T. geheimgehalten oder mit sehr schneller Frequenz variiert, so daß eine Umweltprognose schwer werden dürfte, selbst wenn nicht noch zusätzlich Unfälle passierten.

Vgl. die Studie von Martin Elsner and Kathrin Hoelzer, Helmholtz Zentrum München, Institute of Groundwater Ecology "Quantitative Survey and Structural Classification of Hydraulic Fracturing Chemicals Reported in Unconventional Gas Production" (mit eingebetteten Links hier) und "Wasserversorgung: Trinkwasser gefährdet durch Nitrat, Fracking und Cyberangriffe".


Literatur zu Fracking / hydraulic fracturing, Schieferöl und -gas u. dgl.

Sachbücher zu Fracking und ökologischen Auswirkungen    |    Politik und Fracking | Politikberatung

Geologie, Geographie, Lagerstättenkunde, Geowissenschaften zu Fracking    |    Studien zu Fracking in energiewirtschaftlicher und politischer Hinsicht    |    Sonstiges zum Fracking

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