Problemhund "Leo". Kann mir jemand einen Rat geben?
Problemhund Leo
Vorgeschichte:
Der Hund war von seinem Vorbesitzer, der mit dem Tier nicht mehr zurechtkam, zur Euthanasie vorgesehen . Es handelt sich um einen Mischlingshund mit schwarz-weißem dichten Fell, wie er hier in Siebenbürgen bei den Schafhirten öfters zum Einsatz kommt. Ein Rüde im geschätzten Alter von 6 – 7 Jahren, Gewicht ca. 50 – 55 kg.
Der zuständige Veterinär, der die Euthanasie vornehmen sollte, bot mir damals den Hund an, weil er wußte, dass ich für mein Grundstück gute Wachhunde benötige. Er kannte den Hund und auch den Vorbesitzer, - und er meinte, der Hund wäre nur deshalb so bissig, sodass nicht einmal sein „Herr“ damit zurechtkommt, weil er von diesem unmäßig viel geschlagen wurde.
Als ich mich dem Tier – auf richtige Weise – näherte, als er in einem Käfig eingesperrt war, gewann ich den Eindruck, dass ich mit dem Tier zurechtkommen würde. Nachdem der Hund anästhesiert wurde, kam er auf mein Grundstück, wurde an einem ca. 40 m langen Laufdraht mit einer 3 m langen Kette angehängt und gut gesichert.
In der darauffolgenden Zeit mäßigte sich die Aggresivität gegenüber den Bezugspersonen (das war mehr der Angestellte, der das Tier fütterte, ich fütterte nur in Ausnahmefällen). Aber auch mir gegenüber begann sich ein „normales“ Verhältnis zu entwickeln. Allerdings vertrug er es nicht, wenn man auf ihn die Hand legte (z.B. Streicheln)- Sofort schnappte er, knurrte und verschwand in seiner Hütte. Letztlich akzeptierte ich diese Eigenheit, - zumal er als Wachhund einen hervorragenden Dienst leistete. Gerade diese Seite des Grundstücks grenzt an ein Feld an, von wo man früher über den Zaun geklettert ist. Das war ab diesem Zeitpunkt vorbei.
Weitere Beobachtungen:
Wenn man den Hund behandeln (z.B. Tollwutimpfung) oder untersuchen wollte, mußte er vorher anästhesiert werden. Das konnte man dadurch bewerkstelligen, weil er ja am Laufdraht angehängt war. Dann schaffte man es irgendwie, noch eine weitere Befestigung mittels Stange und Zugdraht anzubringen, wodurch der Hund von zwei Seiten in einer bestimmten Position fixiert wurde. Unnötig, zu erwähnen, dass er bei solchen Prozeduren immer ausgerastet ist.
Während er sich zu den Bezugspersonen meistens loyal verhielt, kam es doch vor, dass er plötzlich –reflexartig – aggressiv reagierte und den Nächststehenden biss. Das kam aber nur dann vor, wenn sich plötzlich ein für ihn Fremder in sein Sichtfeld begab. Alles in allem, war man aufgrund dieser Beobachtung immer vorsichtig beim Füttern und säubern, - man hielt meistens zwischen dem Hund und der Bezugsperson am Körper einen Plastikeimer oder eine Plastikgießkanne (was man zum Füttern oder Tränken benötigte), um noch etwas zwischen „Schnauze und Bein“ zu haben. Auch mich hat er gebissen, aber es ging nicht sehr tief, und Fleischwunden verheilen früher oder später.
Der aktuelle Vorfall:
Aus einem unerklärlichen Grund hat sich das Halsband gelöst und der Hund lief frei auf dem Gelände. Mit Trick und einem Eimer mit Futter schaffte ich es, ihn in einen Schuppen zu locken, wo ich ihn dann eingesperrt habe. Der vorherige Versuch, ihm das Halsband umzubinden, war kläglich gescheitert. Das Tier wurde immer aggressiver und hätte mich sicher angefallen.
Jeder Versuch, auch mit professionellen Hilfsmitteln (Stange mit Zugdraht), ging fehl. Der Hund verbiß sich sofort in den Draht und lebte seine gesamte Aggressivität aus. Daraufhin bekam der Hund einen Eimer mit Wasser und ich suchte nach einer Lösung.
Leider sind hier in Rumänien die Gesetze derart restriktiv, dass man an kein Narkosegewehr herankommt. Auch kenne ich niemanden mit Blasrohr, was aber auch schwierig wäre, weil man damit doch ziemlich in die Nähe des Hundes kommen müßte und er sich mit Sicherheit sofort ins Ende des Blasrohrs verbeißen würde.
Am nächsten Tag versuchte ich es mit Anästhesie über die orale Aufnahme, nämlich durchs Fressen.
1.Versuch: die normale Dosis, bezogen aufs Gewicht, Wirkstoff Acepromazin (Gel).
Ergebnis: Der Hund lag auf dem Bauch, aber knurrte mit starker Aggressivität, - das Überziehen des Seils mit der Stange über den Kopf war unmöglich, er verbiß sich sofort. Allerdings habe ich beobachtet, dass er – weil er noch satt war - an dem Fleisch mit dem Medikament nur zaghaft herumgeleckt hat, - er „roch“ anscheinend den Braten. Letztlich hat er es doch gefressen, - ich weiß aber nicht, in welchem Zeitraum.
2.Versuch: die doppelte Dosis, nachdem der Hund bereits seit drei Tagen keine Nahrung (nur Wasser) bekommen hatte. Das Medikament (wieder Acepromazin - Gel) wurde in eine kleine Portion Leber eingespritzt, die er auch sofort verschlang.
Ergebnis: Der Hund lief herum, es hatte überhaupt keinen Effekt.
3.Versuch: Ich bestellte aufgrund mehrerer Telefonate bei veterinärpharmazeutischen Herstellern in Österreich, Deutschland und der Schweiz ein anderes Präparat, das angeblich 100% über die orale Aufnahme wirken sollte. Nachdem der Hund mittlerweile seit 2 Wochen keine Nahrung mehr erhalten hatte, war ich der Meinung, dass schon durch die Schwächung des Organismus dieses Mittel tatsächlich wirken würde. Es handelte sich um den Wirkstoff Dexmedetomidin-Hydrochlorid, und das in der doppelten Dosis, wie angegeben.
Ergebnis: Gleich Null, - eher umgekehrt. Es trat der umgekehrte Effekt ein, der Hund, der sonst in dem Schuppen lag oder umherging, rannte laut knurrend herum, wesentlich aggeressiver als sonst.
Dazu muss man sagen, dass meine Hunde sehr gut gefüttert werden, um das Risiko, dass sie etwas aufnehmen, was man über den Zaun wirft (Gift) zu minimieren. Hat ja weitestgehend funktioniert. So aber läßt es sich erklären, dass der Hund nach zwei Wochen ohne zu fressen immer noch aktiv und nicht geschwächt ist.
Im übrigen habe ich mich genau an die telefonisch gegebenen Anweisungen des Herstellers gehalten. Das Tier bekam das Mittel in einer kleinen Menge Nahrung (Leberstückchen), sofort nach der Verabreichung entfernte ich mich und blieb ca. eine Stunde lang weg, dass das Tier in keinster Weise erregt wurde. Nach der Stunde habe ich dann das Bellen gehört, blieb eine weitere halbe Stunde weg, dann habe ich es aber aufgegeben.
Es bleibt noch der 4. Versuch, - auf Anraten eines hier ansässigen Tierarztes werde ich es nochmal mit Acepromazin probieren, aber dieses Mal mit Tabletten, die in kleine Fleischkugeln gegeben werden. Der Tierarzt meinte, dass er damit sämtliche herrenlosen Straßenhunde anästhesiert hat. Die Wirkung der Tablette wäre eine andere als beim Gel. Dieses Mal werde ich die dreifache Dosis verwenden, - mal sehen, was dann passiert.
Nun zu meinen Fragen:
1)Gibt es irgendeine andere Methode, zum Ziel zu kommen, die ich vielleicht nicht kenne?
2)Kann es sein, dass der Hund zwar von seinem Vorbesitzer „kaputtgeschlagen“ wurde, das aber erst in der Sekundärform, weil er eine (vielleicht angeborene) pathologische Störung im Kopf hatte?
Bei den pharmazeutischen Firmen war das Phänomen der sog. „paradoxen Reaktion“ bekannt, man konnte mir aber nicht sagen, wodurch das ausgelöst wird. Andererseits ist dieses Phänomen auch in der Humanmedizin bekannt:
http://www.aerzteblatt.de/archiv/100940
Nun ist hier die Rede von Hyperaktivität bei Kindern sowie auch bei Erwachsenen mit ADHS-Syndrom. Klar sehe ich hier eine gewisse Parallelität, zumal der Hund sofort auf der Matte stand, bei Tag und Nacht, wenn er irgendwas gehört hatte, das sich im Nahbereich von 50 m ereignet hat. Gerade nur auf das Gehgeräusch des Mitarbeiters, der ihm das Fressen brachte, reagierte er nicht, oder sogar mit Schwanz wedeln, - aber jedes andere Gehgeräusch, auch, wenn er niemanden sah, brachte ihn in Rage.
3)Kann es sein, dass der Nahrungsentzug für die Wirksamkeit des Medikamentes kontraproduktiv ist? Andererseits sehe ich keine andere Lösung, als das Tier derart zu schwächen, um ihm letztlich das Halsband umbinden zu können. Und diese Prozedur des Nahrungsentzuges möchte ich nicht noch einmal machen müssen.
4)Kann es sein, dass ich durch diesen Nahrungsentzug unbeabsichtigte pathologische Sekundäreffekte im Gehirn oder in anderen Organen des Hundes hervorrufe? Wobei ich nur an sicheren Erkenntnissen interessiert bin, - dass so etwas „eventuell“ und „unter gewissen Umständen“ möglich sein kann, das weiß ich selbst.
5)Mein Vorhaben, - bedingt nun durch den Nahrungsentzug – ist es, das Tier nach der Anästhesie durch den Tierarzt zu untersuchen, zu impfen und dann mit einem Maulkorb an eine sichere Stelle zu mir nach Hause zu nehmen, wo ich einen intensiven Kontakt entwickeln kann. Wenn das Tier stark geschwächt ist, dann werde ich mit Hühnersuppe etc., also Dinge, die er trotz des Maulkorbes aufnehmen kann, ihn wieder in die „Normalität“ bringen, mit ihm auch andauernd Handkontakt üben und dadurch bewirken, dass er die Angst vor der Hand seines Herrn verliert und wieder Zutrauen gewinnt, das er durch die Schläge wahrscheinlich verloren hat.
Allerdings sind manche Veterinäre der Meinung, dass mir das nicht gelingen wird und hier andere Dinge mitspielen, auf die ich keinen Einfluß habe. Aber klar begründen kann es mir keiner.
Abschließend hat mir ein alter Tierarzt, der viel mit wilden Straßenhunden zu tun hatte, geraten, das Tier zu euthanisieren. Es wäre ein unverhältnismäßig hohes Risiko, dieses Tier unter Kontrolle zu halten und in dem Fall, wenn der Hund mal ausreißen und jemand anfallen würde, stünde ich in der Haftung. Das wäre nicht nur ein juristisches resp. finanzielles Problem, sondern auch ein moralisches, z.B. wenn es sich um ein Kind handelt.
Ehrlich gesagt, ich habe auch darüber nachgedacht, - aber ich sehe derzeit noch nicht ein, dass ich ein – nach meinem Dafürhalten – gesundes Tier, das einen hervorragenden Zweck erfüllt, nur deshalb töten soll, weil ich – oder wir – als Menschen nicht in der Lage sind, hier ein probates Mittel zu finden. Abgesehen davon, weiß ich gar nicht, wie man den Hund töten könnte. Mit Spritze sicher nicht. Wahrscheinlich nur durch einen Jäger und einem gezielten Schuß. Klar werde ich nach diesen Erfahrungen das Tier auch mit dem Halsband doppelt sichern, damit ich jegliche Unfälle ausschließen kann.
Andererseits laufen sämtliche meiner Hunde an allen Seiten des Grundstückes mit Laufleine, sind gesund und erfüllen ihren Zweck. Das Grundstück ist so groß, dass sie niemals aus dem Lagerplatz herauskommen. Am Wochenende, wenn ich dort gewisse Tätigkeiten durchführe und mich dann meist mehrere Stunden aufhalte, lasse ich alle Hunde frei, - jeder fügt sich dem Alpha-Rüden (ich habe nur Rüden) und keiner hat Zoff mit dem anderen. Auch der Problemhund attackierte, als er unerwartet frei war, nicht die anderen Rüden, die angehängt waren. Allerdings war (zum Glück) der Alpha-Rüde damals im Zwinger.
Klar möchte ich diesen Problemhund genauso wie die anderen Hunde am Wochenende frei lassen, was aber bis jetzt nicht möglich war. Vielleicht weiß jemand einen Rat, der Erfahrung mit solchen aggressiven Hunden hat. Illusorische Ratschläge mit „Hundeflüsterer“ usw. helfen mir hier nicht, - ich lebe in Rumänien.
Danke!