OT: Türkei-Präsident ErdoÄŸan, die islamische Partei AKP & die Zukunft der Türkei als ethnisch und religiös zerrissener Staat

Literaturhinweis @, Freitag, 12.08.2016, 16:09 vor 3484 Tagen 6060 Views

bearbeitet von unbekannt, Sonntag, 21.08.2016, 12:08

Von außen erscheint die Türkei derzeit vor allem durch den Konflikt zwischen den Anhängern des "weinenden Imam" Fethullah Gülen und dem immer autokratischer auftretenden derzeitigen Präsidenten Recep Tayyip ErdoÄŸan und seiner AKP-Partei geprägt und zerrissen.

Dabei waren Gülen und ErdoÄŸan nicht nur einst enge Weggefährten, auch ist zwischen ihren religiösen Ansichten viel weniger Unterschied auszumachen, als zwischen den laizistischen, z.T. gar anti-islamischen Kemalisten und der islamischen Bevölkerungs-Mehrheit an sich.

Die Differenzen sind aber noch wesentlich vielfältiger und erinnern eher an den ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien unter Tito:

- eine große Gruppe mit eigenem Staats- und Machtanspruch und eigener Sprache und Kultur stellen die Kurden dar, die, ironischerweise bis ErdoÄŸan an die Macht kam, weder ihre eigene Sprache öffentlich sprechen durften, noch als Kurden auftreten durften. Sie wurden offiziell als "Bergtürken" bezeichnet, obwohl sie noch nicht mal eine Turksprache sprechen. Einen Türken versteht man in Turkmenistan und bei den anderen Turkvölkern der ehem. Sowjetunion problemlos, etwa so, wie man in Bayern Hamburger oder in Österreich Platt sprechende Oldenburger versteht. Aber ein Türke in Istanbul versteht einen kurdischsprechenden Kurden aus Diyarbakir vermutlich so wenig, wie ein österreichischer Wiener einen österreichischen Ungarn zu kuk-Zeiten auch nicht verstanden hätte.

- Dann gibt es die schiitischen Aleviten (der Name deutet auf den "Ali" des sunnitisch-schiitischen Schismas hin).

- Und es gibt die christlichen Armenier, auch sie mit eigener Sprache und Kultur, auch wenn Kemal Atatürks "Jungtürken" sie auszurotten versuchten.

- Und es soll sogar noch Griechen geben, auch wenn nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches, ähnlich wie zwischen Kroatien und Serbien im Gefolge des Bürgerkrieges in den neunziger Jahren, Türken aus Griechenland in die neuerstandene Türkei und Türkei-Griechen nach Griechenland flohen bzw. vertrieben wurden.

Die Türkei ist also keinesweges ein einfach regierbares Land, und wenn nicht permanent die Parteiführer der unterdrückten Minderheiten mit Strafverfahren überzogen würden, ihnen ihre rechtmäßig gewonnenen Parlamentssitze genommen und sie nicht im Vorfeld von Wahlen so verfolgt werden würden, daß man kaum von "geheimen, gleichen und freien" Wahlen in der Türkei sprechen kann, wäre kein ErdoÄŸan je (Minister-) Präsident geworden. Aber die Kurden, Aleviten, Armenier usw. sind sich halt untereinander auch nicht grün. Und die türkischen Kurden sind normalerweise ihrerseits zwischen gemäßigten und radikalen Parteien zersplittert.

"Divide et impera" funktioniert also seit Beginn der "modernen" Türkei problemlos, selbst ohne große Anstrengungen der untereinander zerstrittenen türkischen Mehrheit. Und wenn es zu doll zuging, dann griff das auf Kemal Atatürks Laizismus eingeschworene Militär ein und putschte, steckte "unzuverlässige" Politiker ins Gefängnis, sofern sie nicht im Ausland Asyl gesucht hatten, und wartete ab, bis sich die Lage wieder scheinbar "beruhigt" hatte.

Bis vor kurzem jedenfalls. Denn der letzte Putsch ging offenbar gründlich daneben, was sofort Mutmaßungen Nahrung gab, es könnte sich um einen von ErdoÄŸan selbst inszenierten Putsch handeln, um ihm einen Vorwand zu liefern, die restlichen Widersacher loszuwerden und das Militär endgültig unter seine Kontrolle zu bekommen.

Ähnlich gehen Diktatoren ja häufig vor, seien es Hitlers Blomberg-Fritsch-Krise oder Wörners Kießling-Affäre - ein angeblich "schwuler" General. In beiden Fällen bediente man sich äußerst zwielichtiger Denunzianten. Wörner wurde dafür mit dem NATO-Generalsekretariat belohnt, Hitler wurde oberster Heerführer, Kanzler und Reichspräsident in einem. Die strukturellen Analogien sind unverkennbar, auch ErdoÄŸan installiert sich mehr und mehr als unumschränkter Herrscher. Wie bei Hitler erkämpft man sich durch Ausschalten unliebsamer Gegner parlamentarische "qualifizierte Mehrheiten", die sogar zu Verfassungsänderungen taugen. Lupenreine Demokraten, wohin man blickt.

Gunnar Heinsohn legte einmal eine Analyse vor, an welchen (nur) vier Kriterien man einen sich anbahnenden Völkermord erkennen könne (und schlug ein UNO-Frühwarnsystem dagegen vor, um Fällen wie in Ruanda in Zukunft vorbeugen zu können). Eines der vier Anzeichen ist es, wenn prinzipientreue und "humanitär veranlagte" Generäle aus dem Oberkommando entfernt werden.

Die genozidalen Folgen bei Hitler sind spätestens seit dem Rußland-Feldzug dokumentiert, der Warnschuß gegen den bundesrepublikanischen Generalstab endete im Jugoslawien-Krieg und was ErdoÄŸan noch vorhat, dessen Wetterleuchten kann man u.U. an seinem Umgang mit Kurden und bald vielleicht Armeniern zu erahnen beginnen.

Die heutige Türkei ging ja bekanntlich aus dem in Folge des Ersten Weltkriegs zusammengebrochenen Osmanischen Reich hervor. Nach einigen Wirren etablierte sich Mustafa Kemal, "der Vater der Türken" (Ata-Türk, vgl. "Tate" = Vater im Jiddischen). Er war der Überzeugung, daß der rückwärtsgewandte Islam seiner Vorgänger für die schmächliche Niederlage des Osmanischen Reiches verantwortlich war und verordnete der Türkei ein strenges Reformprogramm, inklusive strikter Trennung von Kirche und Staat (Laizismus), einer Hinwendung zu westlichen Bildungsidealen usw. Eine Folge war z.B., daß er die türkische Schrift latinisierte. Davor hatte man die -für eine Turksprache eher ungeeignete- arabische Schrift verwendet. Wie sehr ErdoÄŸan die Uhr zurückdrehen will, kann man daher auch daran ablesen, daß er liebend gerne wieder die arabische Schrift einführen möchte, nachdem er schon das Cocktail-Mixen verboten hat.

Das Widersprüchliche an dieser heutigen, die Türkei bis zum Zerreißen anspannenden Situation ist, daß Gülens Bildungsoffensive eher zum kemalistischen Gedankengut paßt, als zu ErdoÄŸans Rückwärtsgewandtheit, aber Gülens Islamverständnis (bis auf seine Nähe zum Sufismus vielleicht) seinerseits mit dem kemalistischen Laizismus so unvereinbar ist, wie ErdoÄŸans islamische AKP-Partei.

ErdoÄŸan scheint auch einen in sich widersprüchlichen Schlingerkurs zu fahren, war er es doch, der mit seiner parlamentarischen AKP-Mehrheit die für den EU-Beitrittsprozeß der Türkei erforderlichen Verfassungs- und Gesetzesänderungen erst ermöglichte und den Kurden mehr Rechte einräumte. Andererseits fährt er in Menschenrechtsbelangen mittlerweile wieder einen Kurs, der sogar noch die Rechtsverstöße mancher seiner Vorgängerregierungen übertrifft und den EU-Beitritt in weite Ferne rücken läßt. Auch in der Zypernfrage, die für Griechenland bei einem einstimmig zu beschließenden Beitritt die entscheidende Rolle spielen dürfte, bewegt sich seither so gut wie nichts mehr.

ErdoÄŸan strebt auch danach, das Osmanische Reich in seinen früheren Grenzen wiederherzustellen, und schielt deshalb nach u.a. dem Irak. Die traditionell guten Beziehungen zwischen der laizistisch regierten Türkei und Israel hat er deutlich verschlechtert. Solange er noch nicht an der Regierung war, verhielt er sich dagegen eher obstruktionistisch bezüglich der Irak-Frage.


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Danke für den Beitrag

Olivia @, Samstag, 13.08.2016, 09:19 vor 3484 Tagen @ Literaturhinweis 3729 Views

Vielen Dank für den differenzierten Beitrag und die Literaturverlinkungen.

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For entertainment purposes only.

Sehr interessante Abhandlung

helmut-1 @, Siebenbürgen, Samstag, 13.08.2016, 12:56 vor 3483 Tagen @ Literaturhinweis 3804 Views

Vor allem aufschlussreich.

Was mir gefällt, ist, dass Du auch die Parallelität zwischen Erdogan und Hitler hergestellt hast, wie ich es in meinem Beitrag auch gemacht habe.

http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=410099

Interessanterweise hat jeder die Hosen voll, diesen Vergleich zu ziehen, obwohl er mehrere Parallelen als Hintergrund hat. Ich hab diesen Text an mehrere Medien zur Veröffentlichung geschickt, gewissermaßen als Gastautor, wie das oft üblich ist. Manche haben sich dafür bedankt, manche haben die Veröffentlichung angekündigt, - aber fast alle haben den Schwanz eingezogen, - mit Ausnahme von einer Seite.

Meine Korrespondenz mit anderen, die ähnlich denken wie ich, war folgendermaßen:

Bin sehr unschlüssig, worans liegt, dass das sonst niemand veröffentlicht hat. Meine Meinung dazu:

Es geht weniger darum, ob der Artikel sooo gut oder nicht ist, - es geht ums Thema und ums A.flippen.
Ich bin mir echt unschlüssig darüber ,was die Beweggründe dafür sind, dass das sonst niemand veröffentlicht hat. Ist es die Angst vor juristischen Schritten von Erdogan, ist es die Angst vor irgendwelchen anderen Aktionen der Erdogan-Anhänger, ist es die Angst, irgendwas zu bewirken, was Einfluß auf die hohe Politik haben könnte und man vielleicht noch dran Schuld haben könnte, wenn der Flüchtlingsdeal platzt, ist es die Kontrolle der Medien durch die Siegermächte, die ja noch gültig ist (http://www.medienzensur.selbstverwaltung-deutschland.de/), - ich weiß es beim besten Willen nicht.

Fest steht, der Maulkorb steht, - und er funktioniert.

Wie schon Voltaire so treffend gesagt hat (ich habs mit Sicherheit schon erwähnt):

„Wenn Du wissen willst, wer dich beherrscht, musst Du nur herausfinden, wen Du nicht kritisieren darfst.“

Was anderes:
Man schreibt mir, dass es nur schlecht vergleichbar ist, das Problem der Kurden mit Erdogan und das Problem der Juden mit Hitler. Das würde damit zusammenhängen, dass doch eine ganze Anzahl von Kurden im Parlament sitzen, die von Erdogan akzeptiert werden. Er würde sich nur gegen diese Kurden wenden, unter denen er die PKK sowie terroristische Motive vermutet.

Ich lebe nicht in der Türkei, und ich habe keine Ahnung, was man von diesen Entgegnungen halten soll. Weiß jemand mehr dazu?

Vergleich nicht mit Jugoslawien, eher Spanien

Dieter, Samstag, 13.08.2016, 13:41 vor 3483 Tagen @ Literaturhinweis 3832 Views

Hallo,
eine sehr umfassende Zusammenstellung!

Persönlich neige ich anhand dessen (was man so mitbekommt) eher dazu, die Verhältnisse von Bevölkerungsgruppen bzw. Ethnien mit denen von Spanien zu vergleichen und nicht mit denen Jugoslawiens.

Also Galizier, die kulturell eher eine Verbindung mit Bretonen, Iren, Schotten, Nordportugiesen haben und deren Sprache mit dem Portugiesischem verwandt ist.
Also Basken, die gerne das machen und wollen was die Kurden machen und wollen.
Also Katalanen, die katalanisch sprechen und unabhängig sein möchten ....
und der Rest......
Der offizielle Anteil an Christen in Spanien ist etwas geringer als der offizielle Anteil von Muslimen in der Türkei. Dazu ein großes Spektrum an politischen Gruppen. Und schaut man sich die Vergangenheit Spaniens und die der Türkei an .....

Gruß Dieter

Mit einer kleinen Ausnahme

helmut-1 @, Siebenbürgen, Sonntag, 14.08.2016, 06:15 vor 3483 Tagen @ Dieter 3582 Views

Nämlich der, dass es im Gegensatz zu Spanien in der Türkei im 2. Jahrtausend keine Judenverfolgungen gegeben hat, - zumindest sind mir keine bekannt. Das Alhambra-Edikt von Spanien aus dem Mittelalter dürfte aber geläufig sein.

Manchen wenigstens, den Meisten ja nicht, denn da sind nur die pösen Deutschen an den großen Judenverfolgungen beteiligt.

Der Nato-Plan. Ist leider schiefgelaufen!

aprilzi @, tiefster Balkan, Sonntag, 14.08.2016, 13:36 vor 3482 Tagen @ Literaturhinweis 3698 Views

Hi,

was in diesen Ausfuehrungen steht, ist die Absicht der Nato die Tuerkei zu zerfleischen. Erdogan mit der Hilfe Putins hat nach dem Putschversuch verstanden, dass er in den Augen des Westens ein bloeder Bauer ist, der zu beliebigem Zeitpunkt weg geputscht werden kann, 2 Mrd Dollar sind es wert, die Tuerkei zur Hoelle zu jagen.

http://www.globalresearch.ca/the-seeds-for-igniting-a-turkish-civil-war-were-planted-in...

http://atimes.com/2016/08/putin-erdogan-have-a-deal-on-syria/

Haette der Plan geklappt, wuerden jetzt Millionen Fluechtlinge durch Bulgarien und Giechenland in Richtung Zentraleuropa in Bewegung gesetzt. Soros wuerde die Richtung zeigen.

Eine Destabilisierung der Tuerkei wuerde den Balkan destabilisieren und so fort.

Die EU-Faschisten hatten diesen Plan jetzt umsetzen wollen. Nur Erdogan hat den Putsch ueberlebt. Jetzt will er Rache nehmen. Europa, welches die Tuerkei zerstoeren wollte, muss nun buessen. Vorallem dessen Eliten sind die Planer dieser Mordsgeschichte.

Nachdem also die zwei Staaten, die dazu benutzt wurden, um Russland anzugreifen, die Ukraine und die Tuerkei nicht mehr dazu in der Lage sind, da ja in beiden Staaten mehrere Milliarden investiert wurden, wird es fuer den Westen Zeit sich einzugestehen, dass der Plan in die Hose ging.

Gruss

Atatürk und die Flüchtlinge - Der große Bevölkerungstausch (1923/1924) Griechenland <> Türkei, Thrakien, Mazedonien etc.

Literaturhinweis @, Freitag, 19.08.2016, 11:04 vor 3478 Tagen @ Literaturhinweis 3263 Views

Ich hatte ja kurz die ethnische Zusammensetzung der heutigen Türkei im Gefolge des Untergangs des Osmanischen Reiches erwähnt.

Heute dazu ein lesenswerter Artikel in der FAZ:

"Nach dem griechisch-türkischen Krieg strömten im Jahr 1923 Muslime aus anderen Ländern in die Republik Atatürks. Wie löste die Türkei ihr damaliges Flüchtlingsproblem?"

"Zweiundsiebzigeinhalb Nationalitäten ... Die neuen Bürger hatten im Durchschnitt ein höheres Bildungsniveau als die Anatolier, die Mehrehe war seltener, ..."

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