Ich geh nur auf ein paar Dinge ein, - sonst wird es zu lange.
Eins vorweg: Sicher hat jeder andere Erfahrungen gemacht, und genau diese
legt er deshalb seinen Aussagen zugrunde. Mir geht es so, andere dürften
wohl auch so verfahren.
Genau da wird wahrscheinlich auch der Grund für die unterschiedliche Betrachtung zu suchen sein. Ich sehe das, was ich erlebt habe, - und das war in keiner Fabrik oder im Büro, sondern auf dem Bau. Dazu kommt, dass ich sowohl meine Erlebnisse in Deutschland (die Zeit vor dem Euro)als auch die in Rumänien miteinbeziehe.
Arbeitnehmer und Arbeitgeber befinden sich in einer Art gegenseitiger
Symbiose. Der eine ist auf den anderen angewiesen.
Ganz klar nein. Der Arbeitgeber ist der Überlegenere. Er ist auf
niemanden angewiesen.
Der Arbeitnehmer braucht die Arbeit, um leben und überleben zu können
und um seine Familie versorgen zu können. Und auch, um für das Alter
vorzusorgen, egal wie.
Der Arbeitgeber kann auswählen. Denn es gibt genügend Personen, die die
Arbeit des Arbeitnehmers übernehmen. Aus den oben genannten Gründen. Und
bei einer Entlassung kann man die Arbeit auf den Rest umlegen, denn der hat
dann Angst, als Nächster dran zu sein. Und bei der derzeitigen
Arbeitslosigkeit findet man schnell genug einen Neuen.
(Alles schon selbst erlebt.)
Oder der Arbeitgeber greif zu Mobbing. Eine sichere Methode, um
Arbeitnehmer los zu werden.
(Nicht nur selbst erlebt, es war auch die Methode der Wahl bei Bekannten
von mir.)
Das wird schon alles so zutreffen, wie Du es schilderst, - zumal Du es selbst erlebt hast. Wie ich schon eingangs sagte, - es wird auf die Branche und die Art der Arbeit ankommen.
In der Baubranche fällt mir eigentlich keine Zeit ein, wo ich mit den Arbeitnehmern so umgehen konnte, wie Du es beschrieben hast, selbst, wenn ich es gewollt hätte - weder in D, noch hier in RO.
Deine Aussage: Der Arbeitgeber ist der Überlegenere. Er ist auf niemanden angewiesen. ist aus meiner Blickrichtung gesehen, einfach falsch.
Egal, ob es damals in den 70er Jahren in der Hochkonjunktur in D war, oder heute in der nach wie vor darbenden Wirtschaftssituation in RO, ich bin da in einer viel schlechteren Lage wie z.B. ein Call-Center. Ich mache mir durch Qualität einen Namen, behaupte mich in einer Zeit, wo die Baufirmen links und rechts den Jordan runtergegangen sind, und bekomme interessante Aufträge. Mehr, als ich verkraften kann, als Klein- oder Kleinstbetrieb.
Wie soll ich jemanden rausmobben, wenn ich händeringend nach Arbeitskräften suche, die ich nicht finde? Derzeit nicht einmal im ungelernten Bereich, - von Facharbeitern sprechen wir schon lange nicht mehr.
Hab mich erst kürzlich mit jemanden aus Deutschland unterhalten, ob ich nicht Leute (eine Gruppe deutscher Bauarbeiter) für eine bestimmte Zeit nach Rumänien bekommen kann, um diese enormen Spitzen abzufangen. Jeder in der Branche hat da abgewunken, - auch in Deutschland herrscht ein immenser Facharbeitermangel auf den Baustellen. Und im Bau boomt es, wie man mir sagte.
In den 70er Jahren, bevor ich mich selbständig gemacht habe, da leitete ich einen Betrieb mit ca. 25 AK. Hatte völlig freie Hand von meinem Chef aus, - und war übervoll mit Arbeit. Abends bin ich dann (versteckt und verstohlen, wie ein Dieb) zu den Angestellten der Konkurrenz gegangen, um die mit Angeboten wie 50 Pf. mehr pro Stunde dazu zu bringen, zu uns zu kommen.
Heute sucht man (hier in RO) über irgendwelche Informationen über mehrere Ecken nach Leuten, die wenigstens für ungelernte Arbeiten einsetzbar sind. Da kommt man an einen, der ist grade 17, und man versuchts halt. Arbeitet drei Tage. Dann war die Rede davon, dass auch der Vater arbeiten könnte. Der kam auch, - einen Tag lang. Am nächsten Tag waren sie beide nicht an der vereinbarten Stelle, wo ich sie am Vortag abholte (man beachte den Aufwand, die Leute von zuhause abzuholen).
Als endlich einer das Telefon abhob, meinte er, sie könnten beide nicht kommen, weil der Opa krank sei. Das ist nicht nur blöd, so eine Aussage, das ist bereits eine Frechheit. Sag ja nicht, dass es am Geld lag, - sie interessierten sich beide nicht dafür, was sie überhaupt pro Stunde bekommen, - und haben bis heute nicht ihr Geld abgeholt, das im Büro bereit liegt.
Derlei Vorfälle sind symptomatisch für RO. Woran es lag, - meine anderen Mitarbeiter erklärten es mir: Diese beiden Typen erwarteten, dass sie an einen Arbeitsplatz kommen, wo es regelmäßig Geld gibt, wo sie aber so zwischendurch was arbeiten und öfters den Flug der Spatzen beobachten, während der Arbeitszeit. Als sie bemerkt haben, insbesonders der Ältere, dass da ein komischer Betriebsinhaber existiert, der selber mitarbeitet und andauernd aufkreuzt, wurde der Arbeitsplatz schon uninteressant für sie.
Ja, ich bin der "Überlegenere" als Arbeitgeber. Aber nur am 1. Januar. Wenn ich mir zurechtlege, wie ich in das Jahr einsteige und ich alle Aufträge des vergangenen Jahres beendet habe (das ist die Grundvoraussetzung) . Dann kann ich unter Zuhilfenahme des Götz-Zitates sagen, - ich will nicht mehr, mir reichts. Klar kann ich mit Bauaufsicht und Planung alleine und mit meiner Sekretärin mehr Geld in derselben Zeit verdienen.
Was ist aber mit den zwei oder drei, die jahrelang immer treu für mich da waren und die so einen Arbeitsplatz mit diesem Arbeitsklima und Lohnkonditionen wohl kaum mehr bekommen. Im Gegensatz zu anderen Betrieben sind wir im Betrieb gewissermaßen eine erweiterte Familie, - zumal man ja - aufgeteilt in Schlafen, Arbeiten und Familie, mehr Zeit am Arbeitsplatz als in der Familie verbringt. Diejenigen, die mit dem Begriff "Arbeit" kein Problem haben, die bleiben bei mir nicht nur bis zur Rente, sondern auch darüber hinaus. Unseren letzten Rentner haben wir erst im Frühjahr beerdigt, - nach kurzer schwerer Krankheit.
Die Leute wissen, dass sie mich auch am Sonntag ansprechen können, wenn irgendwas Dringendes ist und sie etwas von mir brauchen, - ich hab auch schon mal in der Nacht den Transporter mit dem PKW-Anhänger rausgeholt und ein Unfallauto eines Arbeiters vom Unfallort aufgeladen und auf den Lagerplatz gebracht.
Mag ja sein, - dass so ein Verhältnis nicht die Regel ist, - schon gar nicht in irgendwelchen anonymen Fabriken. Aber anders kann ich nicht arbeiten. Einer muss für den Anderen da sein, und wenn da einer sich querstellt, wenns drauf ankommt (z.B. noch kurz vor Feierabend eine Frisch-Betonlieferung von mehreren m³, die sich verspätet hat und verarbeitet werden muss), dann gibts Probleme oder auch mal einen Tritt in den Allerwertesten. Wenn ich aber sehe, dass die Leute sogar mehr als ihr Soll absolvieren, dann gehe ich auch mal zum Kiosk für eine Flasche Bier für jeden, oder greife ins Portemonnaie für einen spontanen Bonus für jeden.
Wenn die auf der Baustelle mal eine Zigarettenpause machen und ich in dem Moment aufkreuze, dann bleiben die ruhig stehen und rauchen weiter, - weil sie wissen, dass man vor mir nicht den "Geschäftigen" mimen muss, - mich interessiert vielmehr, was bis am Abend geleistet wurde. Und das kann ich nach 5 Jahrzehnten aktiver Arbeit in dieser Branche sehr wohl beurteilen.
Hab das so ausführlich erklärt, damit Du verstehst, warum ich das alles nicht nachvollziehen kann, von dem Du sprichst.
Damit wir aber viel Geld verdienen können, müssen
wir dafür sorgen, dass der Betrieb, bei dem wir beschäftigt sind,
viel
Geld verdient, damit dieser Betrieb uns auch viel Geld bezahlen kann.
Was für ein Arbeitsvertrag war das denn?
Ganz einfach, kann ich ja erklären, ist sowieso alles verjährt (juristisch): Die Leute waren zum damaligen Tariflohn angemeldet, für 40 Std. pro Woche. Dann gabs genaue Stundenzettel, die den wahren Tatsachen entsprachen. Alles, was über die 40 Std. hinausging (und das war mindestens um die Hälfte mehr pro Woche), ging bar auf die Kralle, unversteuert.
Das machte aber nicht die große Summe aus. Bei uns gibts Arbeiten, die kann man nur über Zeitlohn (Stunden) abrechnen. Aber es gibt genügend andere, die über Stücklohn (im Akkord, m² oder lfm) abgerechnet werden können, - wenn der Betriebsinhaber einverstanden ist. Dann steht auf dem Tagesrapport z.B. : 6 Uhr bis 10 Uhr - Vorbereitung, Material abladen, für ..xy.. , 10 Uhr - 19 Uhr Pflasterlegen -Abrechnung nach m², 19 Uhr - 20 Uhr Bauwagen umsetzen auf andere Stelle.
Klar wurde für jede - nach Akkordlohn abzurechnende Tätigkeit - ein bestimmter Satz zusammen einvernehmlich vereinbart. Klar haben die Kerle gearbeitet wie die Blöden, - aber sie wussten auch, wofür. Und mir haben sie - wie ich schon sagte, - öfters Feuer unterm Hintern gemacht, damit noch mehr m² erreicht werden können. Klar gingen diese "Tantiemen" wieder bar auf die Kralle, - ohne irgendwelche Abzüge.
Tja, diese Zeiten sind vorbei. Aber es waren auch schöne Zeiten. Das alles nur zur besseren Transparenz, damit Du verstehst, warum ich so spreche, wie ich spreche.