OT: Amokläufe und Schulmassaker - Täter, Taten, Vorbeugung, Beispiele, Ursachen, Nachahmerproblem, Kriminologie, Medienumgang

Literaturhinweis @, Sonntag, 24.07.2016, 16:30 vor 3503 Tagen 3060 Views

bearbeitet von unbekannt, Mittwoch, 27.07.2016, 15:36

Anläßlich des Amoklaufes vermutlich eines jugendlichen Einzeltäters in München ist das Phänomen des (jugendlichen) Amoktäters wieder in den Fokus geraten.

Hier im Gelben Forum bereits emsig diskutiert, gab es davor schon Diskussionen zu den Taten in Winnenden und am Erfurter Gymnasium, dem ersten nennenswerten Fall auf deutschem Boden. In den USA wurde vor allem der Fall an der Columbine Highschool bekannt. Die Mutter eines der beiden Beteiligten hat darüber ein Buch geschrieben.

Ebenso gibt es ein Buch einer Mutter einer Winnender Schülerin, die sich seitdem für ein (noch weiter) verschärftes Waffenrecht einsetzt. Daß genau das wenig nutzen wird, kann man gut am Fall des Münchner Attentäters sehen, der seine Waffe offenbar problemlos aus dem sog. "Darknet" bezogen hat. Wird das Waffenrecht nicht im Gegenteil liberalisiert, so steht zu erwarten, daß auch der besorgte Normalbürger sich seinerseits über dunkle Kanäle bewaffnet, denn ... die Polizei kommt in solchen Fällen immer zu spät.

Die Thematik ist schon seit Jahren virulent, auch schon im alten Forum.

Ansonsten kann eine Lehre aus solchen Geschehnissen wohl nur sein, entsprechend individuell vorzusorgen. "Freie Waffen" nutzen logischerweise nicht gegen einen mit echten Distanzwaffen ausgestatteten, entschlossenen Täter. Geistesgegenwart nutzt da schon eher. So interpretiere ich z.B. das Video desjenigen, der den Täter auf dem Parkhausdach provoziert hat, als überlegte Tat eines mutigen Menschen, der sich bereits vorher wohl geistig mit solchen Gefahrensituationen auseinandergesetzt hat, denn:

a) er hat wohl mitbekommen, daß der Attentäter vorher bereits vor dem MacDonalds für Tote gesorgt hatte und schloß daraus, daß für das Olympia-Einkaufszentrum weit größere Gefahr bestand.

b) Und was hat er getan? Richtig, er hat den Täter "festgequatscht", und ihn so gehindert, gleich zu weiteren Bluttaten zu schreiten. Mit jeder weiteren Sekunde aber, da der Täter nicht von Menschen umgeben allein auf einem gähnend leeren Parkdeck steht,

- kann er keine weiteren Opfer töten,

- können sich die potentiellen weiteren Opfer mehr und mehr in Sicherheit bringen

- und hat die Polizei Zeit, sich zu positionieren, um den Täter unschädlich zu machen und potentielle Opfer in Sicherheit zu bringen.

Bei ca. 300 Schuß Munition, die sich beim Täter befunden haben sollen, kann man sich ausmalen, daß er, selbst als Ungeübter, aus nächster Nähe im darunterliegenden Einkaufszentrum noch Dutzende weitere Tote hätte bewirken können. Auch die Diskussion darüber, wieso er "so gut" schießen konnte, halte ich für müßig. Erstens gibt es Glock-Pistolen mit reduziertem Rückschlag, gerade beim Kaliber 9 mm, und zudem, wie schon von einem Foristen erläutert, schaffen auch Schießanfänger es relativ schnell, "wenigstens" die Scheibe zu treffen - drum schießt man ja auf den Oberkörper.

Alle anderen Interpretationen des Videos halte ich für falsch bzw. ungerecht; insbesondere hat das Aufputschen des Täters mit dazu geführt, daß er noch unsicherer zielen konnte, er war schließlich kein KSK-Soldat. Das "Beruhigen" hat vor allem dort seine Berechtigung, wo Polizeipsychologen Zeit schinden müssen, weil ein Geiselnehmer Menschen in seiner Gewalt hat; in diesem Falle aber war es durchaus zu überlegen, den Täter zu verunsichern und, wie man dem Video entnehmen kann, die Wut des Täters auf sich zu lenken (was der Provokateuer aus halbwegs sicherer Entfernung sich halt leisten konnte). Und ich finde es wünschenswert, daß es in Zukunft mehr solche geistesgegenwärtigen Zeitgenossen gibt, wenn wieder mal "Not am Mann" ist. Insofern sollte jeder das Vorgefallene, auch in Nizza, wo ich ebenfalls bedauert habe, daß man dem Attentäter nicht einfach den Weg verbrarrikadiert hat, als Lernfeld begreifen. Der Nutzen kann schneller eintreten, als gedacht.

Viel ist geschrieben worden nach den ersten Schulmassakern und Amokläufen über den fatalen Effekt, daß die moderne Berichterstattung Nachahmer evtl. anstachelt, die ihre eigenen Minuten der Berühmtheit suchen. So gesehen ist es auch nicht verwunderlich, daß die französische Polizei verhindern möchte, daß sich weitere Täter ein Beispiel am LKW-Attentat von Nizza nehmen und daher angeordnet hat, daß die entsprechenden Videosequenzen öffentlicher kommunaler Überwachungskameras gelöscht werden. Auch wenn das Netz sich drüber aufregt, die Berichte unterschlagen, daß die Beweismittel nicht etwa vernichtet werden sollen, sondern, daß die Polizei sie sämtlich gesichtet und archiviert hat. Auf YouTube haben sie weiß Gott nichts zu suchen, es könnte sonst noch jemand auf die Idee verfallen, das Ganze könnte doch nicht inszeniert worden sein.

Die Nachahmungsgefahr ist hier besonders groß, denn Waffenbesitz ist weniger verbreitet, als Autobesitz.


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