a) was wollen wir in Europa. Das KANN man so nicht beantworten.
Zunächst:
Existieren genuin europäische Interessen?
Wenn ja: Wer soll sie vertreten?
Du hast schon Recht, die Frage "Was wollen wir in Europa?" suggeriert eine Gemeinsamkeit der Interessen, die es so nicht gibt. Man müsste viel genauer fragen:
Was wollen die oberen 0,1% der Griechen?
Was wollen die unteren 90% der Griechen?
Was wollen die oberen 0,1% der Deutschen?
Was wollen die oberen 0,1% der Franzosen?
Was wollen die unteren 90% der Deutschen?
Was wollen die unteren 90% der Franzosen?
etc.
Das spannende an "Demokratie" ist ja, dass im Prinzip die Interessen der unteren 51% sich in der Politik niederschlagen könnten. Spannend, dass das in aller Regel nicht geschieht. Mit Rhetorik, Wirtschaftstheorien, etc.
Ob sich - als ein Beispiel - die unteren 90% der Europäer zusammen mit jenen Unternehmern, die nicht multijurisdiktional aufgestellt sind, zumindest auf eine gemeinsame europäische Steuerpolitik (sorry amazon, sorry Google, sorry Apple, sorry IKEA, ...) einigen könnten?
Also nochmal: Gibt es europäische Interessen?
Wenn ja, wer könnte sie vertreten?
Der Grieche
will, wie auch der deutsche Arbeiter, arbeiten, möglichst wenig, um
(möglichst gut) leben zu können. Billig nach Malle, billig saufen, etc.
Möglichst viel Fußball, savoir vivre.
"Panem et circenses". Für diejenigen, für die das genug ist: Warum nicht? So lange sie nicht so viel panem und circenses brauchen, dass damit langfristig die Lebensgrundlage für alle den Bach runter geht: Wo wäre das Problem?
Der deutsche Angestellte oder die deutsche Führungskraft schafft, weil es
Spaß macht, er lebt, um zu arbeiten, er fühlt sich erfüllt, er läßt
einen Teil oder allen Urlaub verfallen, er macht Überstunden.
Ja, schon. Hoffentlich nicht direkt rein in den Burnout, sondern es ist tatsächlich eine erfüllende Tätigkeit. Wünsche ich jedem einzelnen!
Selbst in Deutschland ist das nicht einheitlich. In Köln ist um 16.00h
Rushhour, während in Stuttgart oder München um 19.00h Rushhour ist.
Man muss differenzieren, ... Du hast völlig Recht.
Noch viel mehr ist das in Europa der Fall, Finnland vs. Griechenland.
Ja. Bei Griechenland und Süditalien besonders die gravierende Differenz zwischen geschriebenem und gelebtem Recht. Von Bulgarien und Rumänien ganz zu schweigen.
Meiner Meinung nach KANN man sich also nicht auf ein Ziel festlegen.
Was bräuchte es denn um sich - beispielsweise - auf eine gemeinsame Steuerpolitik festlegen zu können?
Dass das nicht im Interesse der oberen 0,1% in egal welchem der EU-Staaten ist dürfte klar sein. Das ist die größte Befürchtung dieser Schicht: die EU darf sich ja nicht in Steuerfragen einigen, sonst sind die schönen Privilegien weg. Hab' ich in Konversationen schon genau so gehört: "Meine größte Befürchtung ist, dass die sich in Brüssel tatsächlich mal einigen. Dann wären meine Steuersparmodelle dahin."
Klar, aus seiner Sicht kann ich das voll nachvollziehen. Dann braucht es nur noch das entsprechende (ökonomische) Weltbild und man kann dieses Verhalten als total rational und vernünftig und überhaupt gerecht darstellen. Jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn Du nicht alle Steuersparmodelle ausnutzt bist halt selbst doof. Was? Du möchtest dass mit Steuergeldern Infrastruktur gebaut wird, die jeder nutzen kann? Kommunist!
Der
Grieche und Italiener war gewohnt, daß man ihn von seinen Schulden via
Abwertung befreit, der Deutsche wollte sparen und dadurch sollte sein Geld
durch Aufwertung mehr wert werden. Der Grieche und Italiener sagte "carpe
diem" und "live now", der Deutsche prokrastinierte den Genuß ganz
calvinistisch immer weiter in die Zukunft, bis er tot war, um den Kindern
das Haus zu vererben.
Ja wenn es denn nur mal Realvermögen (d.h. Eigentumstitel) wären. Heute wird ja in Geldvermögen angespart. Das ist Irrsinn.
Was sollen wir? Einfach nur Rechtssicherheit.
Die in Griechenland, Süditalien, Bulgarien, Rumänien, ... nonexistent ist. Und genau diese ist auch in der EU als Ganzes mangels Gewaltmonopol nonexistent.
Ein Gewaltmonopol ist keine hinreichende Bedingung für Rechtssicherheit.
Aber es ist eine notwendige.
Ohne Gewaltmonopol kann es keine Rechtssicherheit geben.
Mit einem Gewaltmonopol alleine, d.h. ohne vertikale (Föderalismus/Subsidiaritätsprinzip) und horizontale (Legislative, Exekutive, Judikative) Gewaltenteilung gibt es allerdings auch keine Rechtssicherheit, weil ein solches Gewaltmonopol absolutistisch und gerade kein Rechtsstaat wäre.
Die Welt selbst hat übrigens auch kein Gewaltmonopol (sie hat einen Hegemon) und deshalb gibt es weltweit auch nicht überall Rechtssicherheit. Der Hegemon der Welt lässt sich den Grad an Rechtssicherheit, der vorhanden ist (und die Sicherheit auf den Handelswegen, die gewährleistet wird etc.) gut bezahlen.
Mir würde es reichen, wenn
wir Subsidiarität und Rechtsstaatlichkeit hätten uns uns an die
geschlossenen Verträge halten würden.
An a priori geschlossene Verträge können sich nicht immer alle und unter allen Umständen halten, selbst wenn alle wollten. Das nennt sich bei privaten Krediten "inhärente Instabilität privaten Kredits" und gilt für andere Verträge in ähnlicher Weise.
Und es gilt auch für das Völkerrecht und seine "Verträge" (die mit Verträgen, die von Privaten innerhalb einer Jurisdiktion geschlossen worden sind bis auf den Namen wenig gemein haben).
Das würde das Handeln wieder etwas
planbarer machen.
Ja, das verstehe ich.
In dieser Rolle sehe ich die Staatlichkeit auch: sie muss unternehmerisches Handeln möglich machen.
Mich treibt diese Anarchie auf höchster staatlicher Ebene zum Wahnsinn.
Die Anarchie hast Du weltweit: dort regiert "der Markt", d.h. freier Transfer von Geldvermögen, das sich - unter aller Unsicherheit - die größten erwartbaren Renditen sucht. Diese Renditen werden freilich ohne Rücksicht auf irgendjemanden oder irgendetwas gesucht.
Die Welt ist kein Rechtsstaat. Ein Umwelt- und Sozialstaat ist sie schon gar nicht.
Diese weltweite Anarchie haben die europäischen Staatswissenschaftsversager auf der EU-Ebene fast nur nachgebaut. Es gibt zwar einen "gemeinsamen Markt" und eine "gemeinsame unabhängige Zentralbank", aber es gibt keinen dazu gehörenden Staat. Einfach lächerlich.
Design: 6. Setzen.
b) Die EU ist letzten Endes so aufgebaut wie die Sowjetunion.
Ja, EUdSSR. Ganz nettes Wortspiel.
Zentralregierung, 5-Jahrespläne, etc. Das hat damals schon nicht
funktioniert und wird wieder schief gehen.
Eine Zentralregierung würde auch sicher schief gehen in Europa.
Nur, das klingt ja so als stellte die EU (bzw. die Kommission, Ecofin, etc.) eine Zentralregierung dar?!
Eine solche kann ich bloß weit und breit nicht erkennen. Wo war denn die Zentralregierung in der Flüchtlingsfrage?
Nix da Zentralregierung.
Die EU ist eine mehr schlecht als recht funktionierende Hegemonialordnung. In Wirtschaftsfragen setzt sich der ökonomisch völlig inkompetente Überschuss-Elefant im Porzellanladen Deutschland durch.
Ansonsten: nix mit Regierung.
Die EU ist eine Nichtregierung.
Weil man gegen das Naturell der
Bürger handelt, die eigenständig handeln wollen.
Ja, natürlich.
Aber bitte nicht "eigenständig" die Landesverteidigung und Außenpolitik organisieren, wenn's geht.
Ein Bürger möchte
gerne sein Bargeld daheim bunkern oder auch in der Schweiz, weil er es hart
verdient hat und schon versteuert hat. Wir reden nicht über Schwarzgeld.
Schon Eichhörnchen oder Eichelhäher legen einen Vorrat an. Nimmt man
diese Möglichkeit der Selbstverantwortung und Selbstvorsorge den Bürgern
weg, stellt sich der Staat und besonders der Psychopath Schäuble nur noch
als gieriger Raubritter dar.
Gäbe er die Steuern den Bürgern wenigstens noch als Infrastruktur
zurück, wäre das auch irgendwie noch ok.
Genau das ist der Punkt. Wo sind die Investitionen?!?
Wieso wird weiter an diesen grotesken Unsinn geglaubt, dass "der Markt" das schon richten wird wenn erst mal nur genug gespart wurde, dann kann auch wieder fleißig investiert werden. Wir sind in der Wirtschaftswissenschaft weit hinter die 1950er zurück gefallen. Katastrophal.
Aber die Kohle wandert via GR
und EU in die Taschen der CoL und der Wallstreet sowie der Hintertanen.
Meine Befürchtung ist, dass Merkel/Schäuble und Co. tatsächlich einfach inkompetent in Wirtschaftsfragen sind.
Das wäre noch schlimmer als wenn es tatsächlich Reparationen sind, von denen dem normalen Volk nichts erzählt werden darf.
DAS
begreift der Bürger jetzt und ist dafür zurecht sauer. Versailles hat
auch nur 4 Jahre funktioniert, dann haben die Bürger die Hände in den
Schoß gelegt.
Alles ok DT, aber:
Was ist mit den gemeinsamen europäischen Interessen? Wer soll diese vertreten?
Niemand? Passiert ja jetzt schon.
Ignorieren, dass es sie gibt? Passiert jetzt schon an genügend Stellen.
Funktioniert prächtig (nicht!).
Schönen Dank für die Diskussion und schöne Grüße!
--
BillHicks
..realized that all matter is merely energy condensed to a slow vibration – that we are all one consciousness experiencing itself subjectively. There's no such thing as death, life is only a dream, and we're the imagination of ourselves.