BREXIT: Was der Buchmarkt zum United Kingdom, dem EU-Referendum, der UKIP, Nigel Farage, Margaret Thatcher oder Cameron sagt
Das Thema Brexit, staatsrechtlich korrekt ausgedrueckt der Austritt des 'Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland', aus der Europäischen Union schlägt hohe Wellen, nachdem, von vermutlich der Mehrheit unerwartet, die Mehrheit der UK-Einwohner für den (baldigen) Austritt gestimmt haben.
Baldigen? Ja, ähnlich wie beim Wohnungsmietvertrag, gibt es eine Art Kündigungsfrist. Sie scheint zwei Jahre zu betragen, und vermutlich muß dieser Austritt aus der EU erst formell beschlossen werden, d.h. es dauert im "günstigsten" Falle immerhin noch "zwei Jahre plus ein paar Tage", bis "die Briten" endlich aus der EU ausgegliedert sind.
Was das heißt, d.h. wie es genau vonstatten geht, weiß vermutlich niemand mit Bestimmtheit zu sagen, denn parallel gibt es in Großbritannien noch Sezessionsbestrebungen der Schotten, aus Großbritannien auszutreten, wie der Texaner, die Vereinigten Staaten zu verlassen. Bei den "Franken in Bayern" hat's ja damals nicht geklappt ...
Aus diesem aktuellen Anlaß ein paar Literaturhinweise zu EU-Referenden im Allgemeinen, zum britischen im Besonderen und zur UKIP - United Kingdom Independence Party, deren Vorsitzenden und EU-Parlamentarier Nigel Farage und "wie alles begann", nämlich unter der damaligen, kürzlich verstorbenen, Premierministerin Margaret Thatcher, die bereits damals eine Sonderlösung für ihr Land aushandelte und, auch wegen ihres Kampfes mit den Gewerkschaften, als "Iron Lady" tituliert wurde.
Daß die Briten neben einer eigenen Art Humor auch eine andere Sicht auf Europa haben, zeigt schön die ewig alte Formulierung in einer britischen Zeitung, als der Ärmelkanal wegen stürmischen und nebligen Wetters nicht befahrbar war: "Nebel im Ärmelkanal, Kontinent abgeschnitten".
Eines ist sicher: die spannenden Zeiten für die Europäische Union beginnen erst, und zwar in zweierlei Hinsicht:
a) wie man am Beispiel der Niederlande sieht, wird es. u.U. auch dort, sollte Geert Wilders Ministerpräsident werden, einen ähnlichen Volksentscheid geben.
b) Die Schweiz hat, nach Jahrzehnten, nachdem ein dortiges Referendum es bereits 1992 verlangt hatte, erst kürzlich ihre Beitrittsverhandlungen mit der EU offiziell für beendet erklärt.
c) Etwaige weitere Beitrittskandidaten werden es sich nun evtl. nochmal überlegen (und vermutlich ist auch über Erdogans autokratischen Regierungsstil das letzte Wort noch nicht gesprochen, wenn, so, wie in der Geschichte schon immer bei Diktaturen, die weiteren Erfolge seiner Politik ausbleiben).
d) Und in den weiteren EU-Gründungs- und Kernländern (Niederlande, siehe Punkt a), zählt ja auch dazu) werden mit ziemlicher Sicherheit Austrittsbestrebungen stärker oder zumindest Stimmen nach Sonderregelungen, Eindämmung des EU-Bürokratiewahns, lauter werden. Man bedenke immer: die Vorstufe zum jetzigen Brexit waren wohl schon immer die "Sonderlocken", die Thatcher ausgehandelt hat - wenn in einer Straße das Bauamt vorschreibt, alle Häuser müßten weiß gestrichen werden, und der erste streicht seines rot und kommt damit durch, dann streichen zwar nicht alle ihre Häuser am nächsten Tag neu, aber ... immer dann, wenn die nächste Renovierung ansteht, wird sich der eine oder andere eben gegen Weiß entscheiden. So ähnlich wird die Erosion der EU über die nächsten Jahre verlaufen, schneller, wenn gleich noch eine der Gründungsnationen austritt, etwas langsamer, wenn es stattdessen an der Peripherie beginnt.
Hier ein Überblick über weitere Möglichkeiten zu Volksbegehren im restlichen Europa.
Natürlich wird dies auch Auswirkungen auf weitere Bündnisse haben, die z.T. mitgliederidentisch sind: der Euopäischen Freihandelszone, der OSZE (bei den beiden noch am wenigsten), der NATO (auch wenn Großbritannien der letzte Staat wäre, der dort austreten würde), der OECD, dem Europarat, bis hin u.U. zu Organisationen wie der UNO und ihrer Unterorganisationen, insofern sich die EU-Mitgliedsstaaten in diesen bislang meist um eine vorherige Abstimmung und dann ein gemeinsames Auftreten "mit einer Stimme" bemüht haben.
Der "EU-Fraktionszwang" dort könnte damit auch gebrochen sein.
Das für sein "teile und herrsche" berühmte Römische Reich begann auch dann sich langsam zu zersetzen, als es mehr und mehr unterschiedliche Zugeständnisse an unterschiedliche Vasallenvölker machen mußte. Man mag einwenden, daß das danach noch hunderte Jahre gedauert habe - ja, aber andererseits dauerte der Aufbau des damaligen römischen Reiches auch ebenfalls hunderte Jahre. Daher vermute ich, bei der EU reden wir stattdessen von Jahrzehnten, in und nach denen dann vieles nur noch auf dem Papier existieren wird. Mich persönlich interessiert eher, ob ich es noch erleben darf, daß die ersten EU-Beamten-Pensionäre eines Tages feststellen, daß sie keine Rente mehr kriegen. Niemand hat sich das so hart verdient, wie diese Grünschnäbel.
Die Weiterungen des EU-Austrittes werden auch einzelne deutsche Unternehmer zu spüren bekommen: bis vorgestern galt es als besonders clever, die deutschen Kapitaldeckungsvorschriften und Komplikationen einer GmbH-Gründung dadurch zu umgehen, daß man stattdessen eine britische "Limited" (Ltd.) gründet. Ganze Heerscharen von deutschen und britischen Anwalts- und Steuerberaterbüros sind mittlerweile darauf spezialisiert. Ein vollständiger Austritt aus der EU würde aber auch die Freizügigkeit bei den Unternehmensgründungen tangieren. Die Verflechtungen sind immens, aber das waren sie auch bei der Entflechtung der Deutschen Bundespost in ihre drei Teile Telekom, Post und Postbank. Das haben die ja auch irgendwie hingekriegt - und die Eintrittsprüfungen sind beim Postdienst nicht so schwer wie bei der EU ...
Kein Wunder möchte Martin Schulz am liebsten unumkehrbare Fakten schaffen. Nicht zu unrecht bezeichnet man die Europäische Integration als "Elitenprozess".
Eines der grundlegenderen Werke zur Brexit-Debatte in Großbritannien war Roger Bootles "The Trouble With Europe: ... Why the EU isn't Working, How it Can be Reformed". Vgl. auch Johann-Günther König "Die spinnen, die Briten: Warum England sich vom Kontinent entfernt" oder "Die Europäische Union in den britischen Medien. Eine neue Dimension der Europaskepsis?" bzw. "Zwischen Integration und Skeptizismus: Europa und die Euro-Krise im Spiegel der britischen Presse". Man kann sagen: das Wetterleuchten hinsichtlich des britischen Euroskeptizismus dauert schon recht lange. Denis McShane behielt also recht: "Brexit: How Britain Will Leave Europe"
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