Wenns schon um Denkarbeit geht, warum nicht auch deutsch?

helmut-1 @, Siebenbürgen, Dienstag, 21.06.2016, 18:36 vor 3532 Tagen 2628 Views

Ist natürlich weit hergeholt, hat mit dem ursprünglichen Ziel des Forums auch kaum was zu tun, - aber vielleicht interessierts jemanden.

In der deutschen Sprache gibt es genügend Kuriositäten, auch nach der Rechtschreibreform (mit der ich ohnehin noch auf halbem Kriegsfuß stehe).

So manches äußert sich in Begriffen. Nehmen wir mal ein Beispiel:

Der Unterschied zwischen "Leiche" und "Leichnam".

Natürlich auch der Unterschied bei der Verwendung des jeweiligen Wortes. Einmal heißt es:

"... die Leiche des Ermordeten wurde zur Obduktion gebracht...."

dann wieder heißt es:

"... der Leichnam des Erzbischofs wurde im Kirchenschiff aufgebahrt.."

Dann stellt sich die Frage nach der jeweiligen richtigen Verwendung des Wortes. Klar hängt das irgendwie mit der Person des Verstorbenen zusammen. Die Frage stellt sich, wie?

Hängt es mit dem öffentlichen Ansehen zusammen, - z.B. bei öffentlichen Ämtern? Z.B. bei Politikern, oder ist das nur bei kirchlichen Würdenträgern?

Hängt das vom Einkommen, vom Machtbereich, von akademischen Titeln, oder von sonst was ab?

Natürlich gibt es im Leben Wichtigeres, als sich über derartige Wortklaubereien Gedanken zu machen. Da aus mir auch manchmal der Schalk rausguckt, habe ich das vor längerer Zeit an verschiedene Stellen geschrieben, die es eigentlich wissen müssten.

Dudenverlag, Rat für deutsche Rechtschreibung, usw. Es waren vier oder fünf Stellen. Von den Meisten habe ich auch Antwort erhalten, - aber die war so kurios, dass man hinterher kaum gescheiter war als vorher.

Ums nochmal von der Politikerseite zu beleuchten:
Das Wort "Leichnam" habe ich schon mal im Zusammenhang mit dem Ableben eines Ministerpräsidenten in Deutschland gehört. Bei Jörg Haider aber sprach man von "Leiche" , obwohl er als Landeshauptmann von Kärnten ja z.B. einem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz gleichgestellt ist.

Ich denke also, dass es hier keine klare Antwort gibt, und dass es jeweils "aus dem Bauch" raus formuliert wird, wie man es eben für richtig hält. Wenn man sich dann nicht ganz sicher ist, dann wählt man den salomonischen Weg und spricht von "den sterblichen Überresten".

Sprache als mächtiges Werkzeug

Abronsius @, Dienstag, 21.06.2016, 21:01 vor 3531 Tagen @ helmut-1 1759 Views

Derlei Fragestellungen, wenngleich freilich sehr "off-topic", empfinde ich als prinzipiell hochinteressant und es freut mich, dass es Menschen mit dieser Art von Sensibilität für Sprache gibt.

Gleichwohl muss ich konstatieren, dass ich Deine Frage nicht werde beantworten können. Um weitere Vergleiche anzuführen, müsste man sehr konsequent beleuchten, wie ein und dasselbe Medium - besser noch: ein und derselbe Autor - die verschiedenen Begrifflichkeiten verwendet. Dergleichen müsste man zunächst statistisch angehen, und hernach inhaltliche Ableitungen zu treffen.

Meine spontane Idee war, dass "Leiche" sicherlich öfter verwendet würde, wenn es um eine nicht namentlich definierte Person, insbesondere eine solche des nicht-öffentlichen Interesses geht, wohingegen "Leichnam" (dem Begriff, dem ich nun eine gewisse Würde zuordnen würde) eher für konkret referenzierte Personen, Kinder oder Personen des öffentlichen Interesses verwendet würde. "Leiche" induziert seltsamerweise oftmals sicherlich auch eher ein Gefühl des Abschreckens, von Kälte oder gar Brutalität. "Leichnam" hingegen zollt pietätvollen Respekt, ist warmherziger, bringt das Thema dem Leser näher.

Eine völlig andere Beobachtung (wenngleich noch nicht statistisch untermauert):
In Bayern kann - insbesondere beim Bayerischen Rundfunk - oftmals folgendes kulturrelevante Phänomen beobachtet werden: werden Nachrichten aus dem fränkischen Landesteil vermittelt (*), so hängt es von der Wertigkeit der Nachrichten ab, wie dieser Landesteil referenziert wird. Sind es "positive" Nachrichten, so ist oftmals von "Nordbayern" die Rede. Handelt es sich um eher "negativ" konnotierte Nachrichten, spricht man von "Franken".

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug und das Bewusstsein dafür zu schärfen, wichtig, um Einflüsterer, Manipulanten und Gehirnwäscher zu entlarven.


(*) für Nichtbayern: Franken ist das in Altbayern ungeliebte Anhängsel innerhalb Bayerns. Eine selbstbewusste Region mit immerhin > 4 Millionen Einwohnern, die sich dem "Mir san Mir" nicht anschließt, die kulturell hochgradig unabhängig von Altbayern ist, über die Jahre hinweg aber zu Lasten des Wasserkopfs Oberbayern wirtschaftlich und strukturell massiv benachteiligt wurde.

Werkzeug

Nordlicht @, Mittwoch, 22.06.2016, 00:04 vor 3531 Tagen @ Abronsius 1393 Views

Hallo Abronsius und Helmut,

Derlei Fragestellungen, wenngleich freilich sehr "off-topic", empfinde ich
als prinzipiell hochinteressant und es freut mich, dass es Menschen mit
dieser Art von Sensibilität für Sprache gibt.

dem kann ich nur beipflichten.

Gleichwohl muss ich konstatieren, dass ich Deine Frage nicht werde
beantworten können. Um weitere Vergleiche anzuführen, müsste man sehr
konsequent beleuchten, wie ein und dasselbe Medium - besser noch: ein und
derselbe Autor - die verschiedenen Begrifflichkeiten verwendet. Dergleichen
müsste man zunächst statistisch angehen, und hernach inhaltliche
Ableitungen zu treffen.

Als Werkzeug für derartige Untersuchungen könnte di-lemmata ganz hilfreich sein. Das Projekt stellt ein Korpus von mehr als 18.000 Gedichten deutschsprachiger Autoren online bereit, das knapp 1,4 Millionen Wörter umfasst. Das Besondere an di-lemmata besteht darin, dass die Texte lemmatisiert und über Worthäufigkeitslisten erschlossen sind ("Leiche" kommt in der Gesamtwortliste 384 mal vor, und der "Leichnam" ist mit 90 Exemplaren vertreten); man kann Konkordanzen anfertigen (und herunterladen) und Wortschatzvergleiche zwischen einzelnen Autoren anstellen, auch für einfache morpho-syntaktische Fragestellungen ist das Programm geeignet.

Nachteile (aus meiner Sicht): Das Korpus enthält ausschließlich Lyrik, und die Entstehungszeit der meisten Gedichte reicht schon sehr weit zurück (der abgedeckte Zeitraum erstreckt sich von ca. 1740 bis etwa 1930).

Für Sprachsensible vielleicht dennoch eine kleine Fundgrube [[zwinker]]

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug und das Bewusstsein dafür zu
schärfen, wichtig, um Einflüsterer, Manipulanten und Gehirnwäscher zu
entlarven.

Du sagst es.

Danke und Gruß,

Nordlicht

--
30 Jahre sind genug - Sezession jetzt!

Interessanter Aspekt

helmut-1 @, Siebenbürgen, Mittwoch, 22.06.2016, 05:17 vor 3531 Tagen @ Abronsius 1286 Views

Danke für die Hinweise, Abronsius und Nordlicht!

Dass man mit der Sprache manpulieren kann, offen oder verdeckt, war mir bekannt. Aber es ist eine für mich interessante Feststellung, dass man auch bei diesen genannten Begriffen diesen Hebel ansetzen kann.

Natürlich ist die Erklärung schlüssig, dass man den einen Begriff bei nicht-personalisierten Vorgängen verwendet und den anderen Begriff dann, wenn es sich um eine namentlich bekannte, in der Wertigkeit der Gesellschaft "höher stehende" Person handelt, der man gleichzeitig eine Art von Ehrerbietung zollen will.

Damit ist es auch erklärbar, warum man - je nach Berichterstatter - beim einen Politiker den einen Ausdruck verwendet und beim anderen Politiker eben den anderen Begriff. Eben je nach politischer Weltanschauung. Genau das aber unterstreicht die These der Manipulation, dass man eben auch durch die Sprache resp. Wortverwendung - für viele vielleicht unbemerkt - etwas suggerieren kann, ohne es direkt auszusprechen.

Auch das mit dem Begriff Franken und Nordbayern ist mir geläufig, - es geht aber nur bei diesen großregionalen Begriffen, indirekt zu bewerten. Spätestens, wenn man in die regionalen Begriffe reinkommt, wie z.B. Oberpfalz, dann gehts nicht mehr.

War aber interessant, Eure Meinung zu hören!

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