Weshalb die Leute bei Stuttgart 21 den Hintern aus dem Sessel bekommen haben
bearbeitet von unbekannt, Dienstag, 07.06.2016, 12:27
Hallo zusammen,
ich stelle diesen Beitrag als neues Thema ein, da ich der Meinung bin, dass er auch für Themen über Stuttgart 21 hinaus relevant ist.
Interessant wären Meinungen und Anmerkungen dazu!
Bernd Borchert, ich hatte es ursprünglich als Antwort auf Deine Frage in diesen Beitrag geschrieben,
Ok, die eine ärgerliche Sache legitimiert nicht die andere, aber warum ist der Protest so asymmetrisch verteilt?
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=404812
Natürlich ist ein Aufrechnen des S21-Protests gegenüber anderen wichtigen Themen sinnfrei. Jeder Wahnsinn, zumal diesen Ausmaßes, ist Anlass, aufzustehen und die Zähne auseinander zu bekommen. Zudem wäre in Anbetracht dessen, dass S21 das bundesweite Bahn-Budget auf Jahre hinaus auffrisst und für wichtigere umfangreiche Maßnahmen nur noch Nasenwässerle zur Verfügung stehen (wird geleugnet, ist aber so), ein bundesweiter Protest angemessen. Die Folgen spüren die Länderregierungen so langsam und wachen auf. Man frage bspw. mal in NRW nach.
Dafür, dass der Protest bei S21 gut funktioniert hat, gibt es einige, auch soziologisch, nachvollziehbare Gründe.
- Viele langjährige Stuttgarter haben eine starke Verbindung zu ihrer Stadt. Nun wird, quasi vor ihrer Haustür, ein gut funktionierender Bahnhof abgerissen der auch noch eines der wenigen Wahrzeichen der Stadt war. Generell sind Bahnhöfe für viele, auch etwas ältere Menschen, identitätsstiftend. Als Belohnung für den Abriss bekommen sie, mitten im Schmelztiegel der Stuttgarter Innenstadt, 10-15 Jahre eine Baustelle, die Verkehr und Stadtklima noch mehr zu Grunde richten.
- Viele krumme Dinger, die seit 1987 durchgezogen wurden, waren informierten Stuttgartern, nach Unterzeichnung des Finanzierungsvertrages 2009, schon gut bekannt und die Entwicklung bestens vertraut. Viele haben nicht geglaubt, dass der "Wahnhof" noch zur Umsetzung kommt. Auf der dritten oder vierten MO-Demo traf ich eine Menge (ex-)Ingenieure, (ex-)Bahnmitarbeiter, ex-Universitäts-Angestellte, ex-Verwaltungsmitarbeiter, damalige noch-SPD-Mitglieder, etc.
Viele (v.A. Bahnmitarbeiter) wurden im Laufe des Protests unter Druck gesetzt und haben sich nur noch hinter den Kulissen geäußert. Bspw. ein renommierter Geologe der Uni Stuttgart oder der (wegen Stuttgarts Kessellage) weltweit führende Stadtklimatologe. Die Leitung des Landesdenkmalamts wurde erst geschmiert, dann unter Druck gesetzt.
- Über den beliebten Park des mittleren Schlossgartens konnten wird die Betroffenheit bei vielen Bürgern erhöhen. Dort wurden ja dann ca. 120 Bäume, die teils +200 Jahre alt waren, abgeholzt. In der Stuttgarter Innenstadt gibt es kaum noch Bäume (-> Feinstaubproblem). Innerhalb weniger Wochen und Monate hatten wir über 30.000 registrierte Unterstützer. Auf einigen Demos, weit vor dem schwarzen Donnerstag, waren um die 20.000 Menschen. Bei 580.000 Einwohnern keine schlechte Quote.
- Der Protest lief bereits seit 20 Jahren. Man konnte viele PR-Argumente, die damals nur neu aufgewärmt wurden, recht schnell abräumen. Wären die Stuttgarter Zeitungen nicht ebenfalls gekauft (stehen mit ca. 300 Mios bei der Landesbank BaWü in der Kreide), wäre das Ganze anders gelaufen.
- Mit dem tollen mittleren Schlossgarten stand eine Fläche zur Verfügung, die man sehr gut bespielen konnte. Zeitweise gab es mehrere Aktionen pro Woche mit Kunst, Musik, Yoga, Vorträge, Treffen, etc. Das war positiver Protest. Damit kommt man natürlicherweise viel besser an den Mann und die Frau, als wenn beim Protest nur "destruktiv" herum gestanden wird.
Das auf die Schnelle, es gibt sicher noch ein paar Punkte mehr...
Warum macht der S21-Protest immer noch Sinn?
Ganz einfach, es wurde im Laufe der Zeit sehr, sehr viel Dreck noch oben gespült. Der Strom hält auch immer noch an (siehe die aktuelle Hochwasserthematik, http://wikireal.info/wiki/Stuttgart_21/Wasser#Mit_Stuttgart_21_steigt_die_Hochwassergefahr ). Stuttgart ist, durch die Historie belegt, bundesweit die durch Hochwasser am meisten gefährdete Großstadt!
Aus dem gesammelten Material kann man, quasi exemplarisch, eine Enzyklopädie für kriminelles Staatsvorgehen auf allen Ebenen erstellen. Vor 2-3 Jahren wurde die Unabhängigkeit des Eisenbahnbundesamtes vollends kassiert. Erster Anlass waren Zugentgleisungen, welche durch S21-bedingte Umbauarbeiten, im Gleisvorfeld des Kopfbahnhofs verursacht wurden. Dann wurde von einem von der Bahn selbst beauftragten Schweizer Unternehmen der Brandschutz als nicht genehmigungsfähig eingestuft. Die daraufhin von der Bahn eingereichte Planänderung wurde vom EBA rucki-zucki akzeptiert. In der Genehmigung ist festgehalten, dass eine eingehende Prüfung der Änderung nicht notwendig sei, da die Bahn selbst einen langjährigen Gutachter, der in anderen Fällen bereits für das EBA tätig war, beauftragt hat. Clever gell? So wird das gemacht!
Deshalb, oben bleiben!
Beste Grüße
mabraton
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