Freiheit oder Knechtschaft
Wer nicht merkt, dass er ein gut genährter Sklave ist, wird nicht nach Freiheit streben. Sein Ich, das nur sich selbst bestimmend in Erscheinung treten kann, ist im äußeren Wohlbehagen eines empfangenden Konsumenten erstickt. Er lässt sich als Kreatur, als Objekt behandeln. Er versäumt, ja verrät sein eigentliches Menschsein. Vieles in der Gegenwart wird daraus verständlich. Die Entwicklung der Freiheit und ihre gesellschaftliche Realisierung setzen daher das Erfassen und die Erkenntnis des inneren Wesens des Menschen voraus, auf das jeder mit dem Wörtchen „Ich“ hindeutet.
Es ist zu wenig bekannt, dass die Mythologien der Völker Entwicklungsvorgänge der Menschheit in Bildern ausdrücken. Die heute herrschende Form der äußeren Geschichtserzählung ist noch nicht sehr alt. Ihr ging in allen Völkern das Erzählen volks- und menschheitsgeschichtlicher Vorgänge in mythischen Bildern voraus, die einer Zeit entstammen, in der das Bewusstsein der Menschen nicht auf die äußere sinnliche Welt beschränkt war, sondern im Natur- und Menschenleben noch das Wirken höherer göttlicher Wesen wahrnahm. (Wie man das auch immer aus der heutigen veränderten Bewusstseinsverfassung bewertet.)
Richard Wagner wusste das und hat in seinen Schöpfungen, insbesondere im „Ring des Nibelungen“, wesentliche Züge der germanischen Mythologie selbst nachgedichtet und musikalisch dramatisiert. Er schildert – dramatisch zusammengedrängt - den allmählichen Emanzipationsprozess des Menschen aus der Abhängigkeit und Führung der Götter hin zum freien, aus sich selbst handelnden Menschen. Diese Entwicklung ging nach der germanischen Mythologie von den Göttern selbst aus. Wotan fragte sich: Wie soll der von den Göttern geschaffene Mensch ein Sich-selbst-Bewegender sein, außerhalb des göttlichen Willens stehen, und doch aus Einsicht in die göttliche Weltenweisheit sinnvoll handeln? Nach misslungenen Versuchen fragte er sich (in den dichterischen Worten Richard Wagners):
„Wie schüf` ich den Freien,
den nie ich schirmte,
der in eigenem Trotze
der trauteste mir?
….
denn selbst muss der Freie sich schaffen;
Knechte erknet` ich mir nur!“
Die Besinnung auf diese tiefen Fragen des Menschseins ist - anders als vielleicht mancher glauben mag - von großer Bedeutung für das alltägliche Leben. Wer sich nicht als Knecht eines Gottes empfindet, wird es im staatlichen und wirtschaftlichen Leben erst recht nicht hinnehmen, ein Knecht anderer Menschen zu sein. Er wird Gemeinschaftsformen freier Menschen anstreben, jenseits von Macht und Anarchie.
Dem von Wagner geschilderten Entwicklungsgang wird hier etwas nachgegangen.