Hallo Prophet!
Du schreibst: Niemand ist frei.
Das ist erstens eine mutige Behauptung und zweitens eine Frage wie man „frei“ definiert.
Deine Entscheidungen sind unmittelbare Folge aus der Kette deiner Erfahrungen, Vorlieben, Traumen, Schmerzerfahrungen, anerzogenem Verhalten, Sprache, sozialem Umfeld, Triebausprägungen, genetischen Dispositionen, Krankheiten, Fehlschlüssen, Unwissenheit der Fakten, Lusterfahrungen usw.
Ja.
Alle deine Entscheidungen basieren auf diesen (und noch weiteren) Verhaltensmustern. Diesen Fakten kann sich kein Lebewesen auf der Welt entziehen.
Sollen sie doch auch nicht.
Diese Erfahrungen sind bei der Entscheidungsfindung ja gerade nützlich.
Aber nicht einmal das ist dann eine Entscheidung des freien "Willens".
Nein, das ist eine Behauptung, die sich aus dem zuvor geschilderten Erfahrungshorizont so nicht ableiten läßt.
Ob es überhaupt einen "Willen" gibt, ist Definitionssache. Meistens wird im alltäglichen Sprachgebrauch Wille und Wunsch verwechselt.
Aha, da haben wir ja das Problem. Wir haben es mit einer Definitionsfrage zu tun.
Das kann dann noch lustig werden. ![[[zwinker]]](images/smilies/zwinker.gif)
Die Illusion von persönlicher Freiheit ist ein Irrtum, der zum großen Teil an den heutigen Verhältnissen schuld ist.
Wenn sich die Freiheit auf die persönlichen, gesellschaftlichen und natürlichen Gegebenheiten bezieht, dann sehe ich sehr wohl eine Freiheit der Entscheidungen.
Auf Wunsch sich 10.000.000 € auf dem Konto zu erhoffen, hätte beispielsweise nichts mit freier Entscheidung zu tun.
Ebenso der Mythos, dass es so etwas wie Altruismus, Nächstenliebe usw. wirklich gäbe. Diese Tätigkeiten sind nichts weiter als die eigene Triebbefriedigung. Es gibt dahingehend lediglich Egoisten - wenn man es ganz ehrlich herunterbricht.
Jein, die Egoisten gibt es natürlich auch, aber die Mutter die sich um ihr Kind sorgt ist keine Egoistin sondern handelt fürsorglich. Auch echte Trauer ist nicht egoistisch, obwohl es durchaus Motive (Erbschaft) für falsche Trauer geben kann.
Ein Beispiel: Auch diesen Beitrag schreibe ich nicht als freier Mensch. Sondern vielleicht will ich nur damit angeben, dich oder andere ärgern, mich bei anderen beliebt machen, vielleicht will ich aus Antworten nur Erkenntnisgewinn ziehen.
Und wenn ich ihn nicht schreibe, bin ich ebenso wenig frei, weil ich mich durch irgendwelche Überlegungen dazu entschlossen hätte, ihn nicht zu schreiben oder abzusenden. In beiden Fällen bin ich sozusagen "Opfer" meiner selbst.
Das ist fast schon schräg.
Eine Entscheidung zu treffen, setzt eine Wahl voraus, um mindestens aus zwei Sachverhalten/Dingen zu wählen.
Du hast Dich aus mehreren Gründen für Schreiben ENTSCHIEDEN und hättest es aus mehreren Gründen auch bleiben lassen können.
Das verräterische Wort in Deinem vorletzten Satz ist entschlossen .
Du hast einen freien Entschluss gefasst.
Wenn jemand hinter Deinem Stuhl gestanden hätte und hätte Dir eine Mauser an die Schläfe gedrückt und Dir befohlen jetzt etwas zu schreiben, dann wäre in der Tat Deine Entscheidung nicht frei gewesen. Ich unterstelle aber mal, daß niemand - zumindest mit einer Pistole - hinter Dir stand. ![[[freude]]](images/smilies/freude.gif)
Es ist die Frage, ob überhaupt jemand handelt, oder alles "eben so ist, wie es ist", weil alle nur agieren und reagieren in einem riesigen Geflecht von Abhängigkeiten.
Die Abhängigkeiten negiere ich überhaupt nicht, diese gibt es selbstverständlich.
Aber so lange man in diesem Konstrukt wählen kann – also nicht nur zwischen elektrischem Stuhl und Giftspritze – kann man frei entscheiden.
Das ganze Thema ist sehr interessant (für mich jedenfalls), vielleicht sogar viel wichtiger als Diskussionen darüber, das Geld, Kredit und Schuld ist. Denn letztlich ist auch das nichts weiter als ein Abkömmling des menschlichen Verhaltens.
Ja, das ist es in der Tat.
mfG
nereus