Lieber Suchender,
da hast du dir ja Einiges vorgenommen und ich weiß, wovon ich rede.
für mein Studium muss ich eine Transfer-Arbeit schreiben zum Thema Ethik.
Ich wollte das Thema Peak Oil, Umweltverschmutzung durch unsere Wirtschaft,
Debitismus und den daraus resultierenden Wirtschaftskriegen aufgreifen, um
auf das Thema der Endlichkeit hinzuweisen, welches vom Bewusstsein der
Menschheit negiert wird.
Die Frage ist, wie du dieses Thema aufschlüsseln willst, d.h. auf welcher Disziplin der Schwerpunkt liegen soll. So wie ich dich verstehe, ist deine Kernfrage eine psychologische, die mit ökologischen und ökonomischen Beispielen unterfüttert wird. Derart existenzielle Fragen sind der Kitt zwischen Psychologie und klassischer Esoterik/Mythologie/Religion - eine Kerbe, in die auch Carl Gustav Jung immer schlug, und an dem wirst bei diesem Thema kaum vorbeikommen.
Meine persönliche Erfahrung hierzu ist, dass die meisten Menschen ein
lineares Denkmuster angenommen haben. Als Beispiel hierzu möchte ich z.B.
die Aktienkurse anführen. Seit der Einführung der Aktien sind diese über
die Jahre konsequent gestiegen. Für die meisten Menschen gilt, dass die
nächste Krise für sie den Punkt darstellt, an dem sie wieder Aktien
kaufen, weil sie annehmen, dass diese wieder weiter steigen. Dies aber
nicht mehr haltbar ist, sobald der Blickwinkel des Debitismus angenommen
wird.
Der Ursprung dieses linearen Denkens liegt mehr als 10.000 Jahre in der Vergangenheit, am Übergang vom Paleo- bzw. Mesolithikum zum Neolithikum. Mit der Entstehung der Sesshaftigkeit, der Erfindung des Hackbaus, der Domestizierung von Tieren (ab ca. 9000 v.Chr.) und der Erfindung des Pfluges (ab ca. 7000 v. Chr.) wird die "matriarchale" (= matrilineare und matrifokale) Gesellschaftsform (= egalitär, akephal, segmentär, solidarische Produktion) durch eine patriarchale (= hierarchisch, Befehlsgewalt, kollektivistisch) ersetzt, in der neben der strukturellen Gewalt durch einen Patriarchen (bzw. durch die Hierarchisierung) noch die instituionelle Gewalt hinzukommt, wenn patriarchale Hirtenstämme (die sich aus sesshaften Stämmen herausentwickelten) sesshafte Bauernstämme unterwarfen, tributpflichtig machten und sich selbst als Adel festsetzten. Das war der Grundstein der Staatenbildung und des Wirtschaftens.
Viel interessanter ist aber, was hier auf psychoanalytischer Ebene passierte, denn diese gesamte Entwicklung ging einher mit der Entwicklung eines wacheren und selbstreflexiveren Bewusstseins. Der Mensch war nicht mehr eingegliedert in Mutter Natur und ihre zyklische Vegetation aus Werden und Vergehen wie der unbewusste Jäger/Sammler-Stamm, sondern er machte sich die Natur untertan, d.h. er versuchte die furchtbare Seite der Großen Mutter (Klimaschwankungen, Dürre, Naturkatastrophen) auszuschalten. Er akzeptierte nicht mehr das "So-sein" des Daseins, sondern wurde zum Problemlöser (wie du auch weiter unten schreibst) und startete so das große Debakel, das sich heute sukzessive zur großen mittelbaren Implosion des gesamten Patriarchats zuspitzt.
Psychoanalytisch gesehen emanzipierte sich der Mensch (das Menschenkind) von der zyklischen, triebhaften, gegenwartsbezogenen Mutter Natur und eiferte einem Vatergott nach (vergeistigt, triebfeindlich, linear denkend, Ziele in der Zukunft), den er einerseits verherrlicht, aber gleichzeitig vom Thron stoßen will, um Mutter Natur ganz für sich allein zu haben - als ihr Herr (Ödipuskomplex). Was hier in der Menschheitsentwicklung passierte, ist 1:1 die Entwicklungspsychologie eines Kindes und die wird in den nächsten hunderten von Jahren ihre kriegerischste Phase durchleben: Die Pubertät (und Abkapselung vom Vater).
Was das Patriarchat auszeichnet ist, dass es das ursprüngliche Paradies* - das beim Säugling dem Saugen an der Mutterbrust bzw. der Rundumpflege durch die Mutter entspricht - welches einen Urzustand bezeichnet, an das Ende der Entwicklung legt. Das Paradies ist also kein gegenwärtiger Zustand, wie bei den Stammesangehörigen eines Jägerstammes, sondern ein verlorengegangener Zustand in der Vergangenheit, den es in Zukunft wieder zu erreichen bzw. wiederherzustellen gilt. DAS ist der eigentliche Antrieb des patriarchalischen Menschen. DAS zeichnet seine Problemlösungsmentalität aus, die grundsätzlich nie Probleme löst, sondern bloß auf eine höhere Ebene verschiebt, wo sie - aufgrund der wachsenenden Kompexität seiner eigenen Schöpfung - irgendwann noch bedrohlicher und in neuem Gewand zum Vorschein kommen. Und all dem liegt eine Sache zugrunde, die eine Nebenwirkung seines wachen Bewusstseins war: Die Erkenntnis von seiner eigenen Sterblichkeit. Um diese kognitive Dissonanz von Dasein und "Bald nicht mehr sein" zu lösen, verdrängt der Mensch seine Sterblichkeit ebensogut wie jegliche andere Katastrophen, die wie ein Damoklesschwert über ihm schweben und meist auch von ihm selbst durch seine Verdrängungsarbeit geschaffen wurden. Er erschafft sich ein Paradies nach seinem Tod, ebenso wie ein zu erreichendes physisches Paradies als politischen/ideologischen/ökonomischen Endzustand und er verewigt sich in der patriarchalischen Geschichte (Jägerstämme kennen keine Geschichte) durch seine Taten, um den Tod auszutricksen und besser verdrängen zu können. Er denkt linear, weil jedes zyklische Denken ihn an den Zyklus von Geburt und Tod und damit an seine eigene Endlichkeit erinnert. Er ist nicht bereit loszulassen, denn loslassen würde Akzeptanz bedeuten und das Vergehen und die Dynamik von Zeit kann er nicht akzeptieren. Er sieht Zeit nur als Zwischenzustand und Werkzeug zur Errichtung des paradiesischen, ewigen Endzustandes, in der das Glück in der Zeitlosigkeit festgefroren ist und niemand mehr sterben muss. Und solange er so denkt, wird er statt Glück Völkermorde ernten.
*die glücklichsten Menschen sind noch heute erwiesenermaßen in Jägerstämmen zu finden, die von Mutter Natur alles bekommen, was sie benötigen bzw. könnte dieses Paradies auch ein Zustand großen lokalen Nahrungsüberflusses gewesen sein, der zur Sesshaftigkeit "ver-führte".
Als zweiten Punkt glauben die Menschen, dass Innovation die Probleme der
Menschheit lösen werden. Jede Erfindung kann den Problembereich in einem
Gebiet nur verschieben oder verschiebt diesen in einen anderen Bereich
(Niko Paech). Als Beispiel dient hierfür die Kohleindustrie von England im
18. Jahrhundert, in der die Bergwerke Kohle förderten, aber dies nur
oberhalb des Grundwasserspiegels. Dies war die natürliche Grenze, bis zu
der es möglich war, Kohle zu fördern. Durch die Endlichkeit der Ressource
musste eine Erfindung her, die es möglich machte, das Grundwasser
abzupumpen. Die Dampfmaschine. Durch sie wurde die Kohle effizienter
abgebaut und Grundwasser abgepumpt, was zur Folge hatte, dass weitere
Kohlevorkommen erschlossen werden konnten. Als nächstes wurden die ersten
Erdölquellen um 1860 entdeckt. Schnell wurde der höhere Energiegehalt zur
Kohle festgestellt, was das Öl zur Zukunftsenergie machte. Heute sehen wir
auch hier, dass die Technologie nur die Grenzen der Machbarkeit verschiebt.
Mit der Erfindung des Elektroautos wird letztendlich das endliche
Ölproblem nur wieder in einen anderen Bereich verschoben.
Der User @Lex Mercatoria hat hierzu mal einen schönen Text geschrieben:
www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=191624
Ich würde sogar sagen, dass jedes gelöste Problem mit noch größerer Wucht auf den Problemlöser zurückwirkt. Nimm dein Beispiel mit dem Öl: Wir haben eine komplette Gesellschaft auf Öl erbaut. Wenn nun das Öl ausgeht, haben wir weit größere Probleme als zuvor. Komplexität heißt das Zauberwort.
Meine konkrete Frage ist: Wieso unsere Psyche konsequent die Endlichkeit
negiert? Für mich ist es fast so wie ein schwer kranker Patient, der seine
Erkrankung nicht wahrhaben will. (Sterbephasen nach Kübler-Ross)
Es folgen Wut und Zorn, Verhandeln, Depression und zum Schluss die
Akzeptanz.
Kann mir jemand noch Literatur zur dem Thema empfehlen? (Negieren der
endlichen Aspekte und die Verschiebung der Probleme ins Unbewusste unserer
Psyche?)
Vielen Dank schon mal…
Ich würde dir auf jeden Fall mal Gerhard Bott "Die Erfindung der Götter" empfehlen, um ein Gespür für den großen Umbruch im menschlichen Bewusstsein beim Übergang vom "Matriarchat" zum Patriarchat zu bekommen. Dann solltest du unbedingt Erich Neumann (ein Schüler Carl Gustav Jungs) "Ursprungsgeschichte des Bewusstseins" lesen um die psychonalalytischen Stadien der Menschheitsgeschichte nachempfinden zu können. Und wenn das von mir Geschriebene den Kern deiner Frage trifft, kann ich dir auch gern mal mein Buch als pdf für deine Arbeit schicken, in dem Zusammenfassungen und Ergänzungen all der hier erwähnten Autoren im Text eingewoben sind. Mein Buch ist zwar nur für Suchende gedacht und deshalb keine wissenschaftliche Abhandlung - du findest darin aber bestimmt Inspiration, die deine Suche konkretisiert und vereinfacht und dich zu den Autoren führt, die für deine Arbeit wichtig sind.
Beste Grüße
Phoenix5