Wenn man dort lebt

Formosa, Donnerstag, 14.04.2016, 10:12 (vor 3590 Tagen) @ DT2555 Views
bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 14.04.2016, 11:13

Ich finde den Beitrag von DT recht gut, möchte diesen aber trotzdem ergänzen: Taiwan ist in der Tat ein interessantes Land und insofern widersprüchlich, weil es als eine kuriose Mischung aus 1. und 3. Welt erscheint: das Taipei 101, das einst höchste Haus der Welt, und nicht weit ab einfallende Holzhäuser und erbärmliche Wellblechhütten; die beste U-Bahn der Welt und Autos, die ohne Scherz mit Klebeband „repariert“ werden; Läden und Supermärkte, die rund um die Uhr ganzjährig geöffnet sind und Banken, die den Mief der Sowjetunion verbreiten; stinkreiche Leute, die nicht wissen, wie sie ihre Knete ausgeben sollen und alte Leute, die einem gierig Dosen, Plastikflaschen und Altpapier aus der Hand reißen, wenn der Müllwagen bzw. der Recyclinglaster kommt.

Da es keine öffentlich zugänglichen (nur in geschlossenen Wohnsiedlungen zu findenden) Mülltonnen gibt, kündigen sich die Fahrzeuge der Stadtreinigung übrigens mit Musik an, damit man sie nicht verpasst. Das ist eines der bizarrsten Erlebnisse für jeden Touristen. Beliebt ist seit vielen Jahren „Für Elise“. Es lebe Richard Clayderman!

Die Leute sind in der Tat zu westlichen Ausländern sehr freundlich, asiatischer Gastarbeiter möchte ich hier aber nicht sein. Gleichzeitig benehmen sich die allermeisten Taiwanesen so, als wenn sie ganz alleine auf dieser Insel wären. Wer das nicht glaubt, sollte mal auf einen von Menschen wimmelnden traditionellen Markt gehen. Am letzten Wochenende hätte innerhalb einer Minute eine Oma auf einem Mofa (!) erst fast meine Freundin angefahren und dann eine andere mir mit dem Lenker ihres Mofas fast die Plastiktüte mit dem Gemüse auf der Hand gerissen. Wenn man sie nicht anschnauzt, entschuldigen sie sich nicht. Es passiert in der Regel überhaupt nichts. Die Reaktion ist gleich null.

Entspannt ist die Atmosphäre eher im sehr dünn besiedelten Osten und im Süden. Was aber die Arbeitsbedingungen angeht, so trifft das nur auf eine kleine Minderheit der Beschäftigten zu. Die meisten Leute ackern ziemlich, schieben unbezahlte Überstunden und werden ausgebeutet. Das Konzept des Mannschaftsgeistes ist in einer streng hierarchischen, konfuzianisch geprägten weitgehend Unternehmens(un)kultur unbekannt.

Den meisten Besuchern fällt gleich auf, wie sicher Taiwan ist. Viele Studenten aus Ländern der Dritten Welt, z.B. Mittelamerika, wollen gar nicht mehr nach Hause. Wenn es in Europa so weitergeht, dürften noch einige vom alten Kontinent dazukommen, die für immer hier bleiben wollen.

Sauber? Das sind die Toiletten, gerade in der U-Bahn, und auch in den meisten Gastronomiebetrieben, ob groß oder klein. Davon kann sich Südeuropa eine dicke Scheibe abschneiden. Man sollte nur darauf gefasst sein, dass diese in den Restaurants oft auch als Abstellkammern genutzt werden. Andererseits werden riesige, fliegende Kakerlaken regelrecht gezüchtet, weil man Abfälle wie Melonen- und Bananenschalen ohne nachzudenken entsorgt. Schuld an dieser ekelhaften Plage, die auch vor den Wohnungen nicht haltmacht, ist natürlich nur das Wetter… Dazu fällt mir ein, dass ich wieder ein wenig deutsches Schabengift in meiner Bude verteilen sollte, zumal ich über einer Bäckerei wohne.

Die Luftverschmutzung hat sich tatsächlich sehr verringert und im Vergleich zu China ist hier jede Großstadt ein Luftkurort! Auf dem Lande allerdings verpesten noch viele alte Mofas die Umgebung. Doch wenn einem das heute auffällt, kann die Lage nicht mehr so ernst sein.

Da mich der Geldwechsel kaum betrifft und ich leider wenig Besucher begrüßen kann, war mir die umständliche Prozedur auf der Bank gar nicht aufgefallen. Aber ich würde es vehement abstreiten, dass das Land immer noch im letzten Jahrhundert feststeckt. Im 7-11, einer Kette von kleinen Supermärkten, die nicht eine Minute im Jahr geschlossen haben, kannst Du auch Päckchen abholen, Rechnungen bezahlen, Konzertkarten kaufen, usw.
Einheimische können dort sogar ihre Steuern bezahlen, zur Not auch mitten in der Nacht. Die gleichen oder fast alle Dienstleistungen des 7-11 bieten die Ketten der Konkurrenz, wie z.B. der Family Mart, an.
Welche Tankstelle bietet solch einen Service, wenn man dort zwischen 22 und 5 Uhr bald nicht mal mehr ein Bier bekommt?

Übrigens sind Ausländern auf den Finanzämtern stets Englisch sprechende, freiwillige Helfer behilflich und wenn man früh aufsteht, ist die ganze Prozedur inklusive Nachzahlung innerhalb einer halben Stunde erledigt. Wenn ich da so an die fast wissenschaftliche bundesdeutsche Steuererklärung denke…

Nicht nur deshalb sehe ich wenige Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Taiwan. Die Infrastruktur ist teilweise nicht mehr die beste, aber sie ist keinesfalls heruntergekommen. Außerdem wird ständig neu gebaut, so die U-Bahnlinie zum Flughafen, deren Inbetriebnahme sich leider erheblich verzögert hat. Das Problem ist eher, dass Chinesen mit jeder Art von Wartung Probleme haben (s. Klebeband und das sieht man praktisch jeden Tag). Deshalb, und nicht nur wegen der Grundstückspekulation, hat man auch die wunderschönen und sehr raumsparend gebauten japanischen Häuser größtenteils so vergammeln lassen, dass nur noch der Abriss blieb.

Insbesondere die Behauptung, der Einfluss der US-Konzerne sei anscheinend nicht so groß hier, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Zwar haben es einige nicht geschafft (z.B. Wendy‘s), doch gerade Starbucks und McDonalds sind sehr zahlreich vertreten. Coldstone und Häagen-Dazs erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit. Auch Corning, Microsoft, IBM, DuPont, Pfizer (der Hersteller von Viagra) sowie 3M sind schon lange mit Niederlassungen präsent.

Ob die Einheimischen eine humorvolle Art haben? Ich würde wagen zu behaupten, dass Chinesen generell keinen Sinn für Humor haben und das chinesische Wort für „Humor“ ist ein Fremdwort. Komiker wirken häufig überzogen-albern. Ein gutes Beispiel ist Chu Leliang mit seiner markanten Frisur.

Zu Koreanern kann ich nicht viel sagen, doch gelten sie generell als aggressiv, streitlustig und sehr nationalistisch. Das klingt nicht nach Scherzkeksen, die sich gar nicht ernst nehmen. Trotzdem sind ihre Seifenopern hier sehr beliebt.

Man sieht wirklich relativ wenige Kinder hier. Die Löhne stagnieren seit Jahren und deren Erziehung ist sehr kostspielig. Dafür dürfen sich die lieben Kleinen so ziemlich alles erlauben. Ganz wie die alten Leute, frei nach dem Motto: je oller, desto doller!

Bei den Wahlen im Januar ist in der Tat eine Frau, Dr. Tsai Ying-wen, mit fast 60% der Stimmen an die zukünftige Regierung gekommen und manche sprechen von einer taiwanesischen Angela Merkel. Oh Graus!

Die Behauptung, dass sie auf Konfrontation mit Peking setzen möchte, trifft dennoch nicht zu. Ihre Partei, die DPP, möchte nur den Schmusekurs mit China der noch bis zum 20. Mai regierenden KMT beenden und wieder verstärkt taiwanesische Interessen vertreten. Frau Tsai hat sich übrigens schon lange vor der Wahl mit den Kommunisten in Peking getroffen. Man mag sich nicht, aber man kennt sich immerhin! Also schauen wir mal!

So, das war es erst mal. Schade, dass ich DT hier nicht auf ein Bier einladen konnte. Na ja, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wer mal vorbeischauen möchte, kann sich gerne bei mir melden. Gruß an alle!


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