Kleiner Reisebericht aus Taiwan (mT)
bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 24.03.2016, 05:09
Dieses Mal hat es mich nach Taiwan verschlagen, ein hoch interessantes Land. Auch durchaus widersprüchlich und überraschend an manchen Ecken und Enden.
Mein erster Eindruck: hier ist es ziemlich relaxt, freundlich, sicher, nicht so ultrasteril und sauber wie in Singapur, nicht ganz so verlottert wie in Thailand, die Kontraste sind nicht so groß wie in den modernen Großstädten in Mainland China.
Was zuerst auffällt in Taipei, der Hauptstadt mit 2.3 Mio Einwohnern: wie wenige Hochhäuser es doch gibt. Durch Taipei 101, das vor noch nicht allzulanger Zeit einmal das höchste Haus der Welt war mit 508 m, dachte ich, Taipei sei ein ähnlich moderner Ort wie Shanghai oder Shenzhen oder Guangzhou. Aber es erinnert mich zu meiner Überraschung mehr an das Hongkong der frühen 1990er Jahre, noch vor der Übernahme durch China.
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Was man natürlich gesehen haben muß: die Aussichtsplattform des Taipei 101 und die 660 Tonnen schwere Kugel an Seilen aufgehängt im 88. Stock. Sie kann bis zu 1m hin- und herschwingen, wie zB am 8.8.2015, als ein Taifun der Windstärke 13 über Taipei hinwegfegte, oder bei einem 7.3 Erdbeben, was aber nur zu 10 cm Ausschlag geführt hat.
Der Verkehr ist nicht allzu stark, selbst morgens in der Rushhour. Witzig: Taiwan ist das Land der Scooter, vor vielen Häusern stehen scooter, es stinkt aber nicht nach 2-Taktern wie im Budapest der 1980er Jahre, die haben wohl alle einen Kat. Die Scooter überholen die Autos an der Ampel und stellen sich vorne hin. Die Ampeln haben ähnlich wie in China einen Countdown, der runter läuft, und kurz vor Null drehen die Scooter schon auf, bei Null hört es sich an wie beim Start der Formel 1. Insgesamt ist die Luftverschmutzung jedoch sehr gering. Bis jetzt hat es die ganze Woche geregnet und ist ziemlich feucht und verhangen.
![[image]](https://networkdispatches.files.wordpress.com/2011/10/taiwan-taipei-scooters-at-stop-light.jpg)
Insgesamt sind die Taiwanesen besser erzogen als die Mainland-Chinesen. Sie sprechen nicht so laut, die Leute drängen sich nicht vor, die Ellenbogen kommen nicht zum Einsatz, und an einem Buffet kommt man sich nicht vor wie in Mainland China, wo man denkt, daß ausgehungerte Heuschrecken über die Speisen herfallen und unter den Getränkefässern immer eine klebrige Lache ist.
Ganz interessant: Geld wechseln auf der Bank dauert ewig. Das Land steckt, vielleicht ähnlich wie Deutschland, immer noch im letzten Jahrhundert fest. Auf der Bank wuseln Dutzende kleiner Chinesinnen umher, meine nahm tatsächlich einen Bleistift und ein Blatt und hat den Wechselkurs und die Gebühren ausgerechnet. Das ganze dauerte bestimmt 20 Minuten, bis 150 EUR in New Taiwan Dollar gewechselt waren. Es rattern die Matrixdrucker.
In der Metro, die sehr günstig ist (ca 60 cent pro Fahrt) und ziemlich modern und sauber (ist aufgeständert über den großen Straßen), sieht man wie überall in Asien die Leute auf ihre Smartphones starren.
Insgesamt kann ich ziemlich viele Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Taiwan erkennen. Das Land sieht insgesamt sehr runtergekommen aus, die Infrastruktur ist nicht mehr die beste. Die Toiletten sind aber in wesentlich besserem Zustand als in Mainland China. Insgesamt sieht man den Jahrzehnte-langen Einfluß von Japan, die Häuser haben mich ein bisschen an Japan erinnert, und auch Japan sieht nach Jahrzehnte-langer Ausplünderung durch die US Besatzer nicht mehr ganz frisch aus. Die Amis haben hier keine Airbase, aber nutzen ihre Base in Okinawa als Einflußsphäre gegen Mainland China.
Auch der Einfluß der US Konzerne ist anscheinend noch nicht so groß hier, man sieht nur wenig "Citibank", "Starbucks" und McD, dafür durchaus Allianz etc.
Auf den Straßen sind auch hauptsächlich japanische Autos unterwegs, aber auch eine ganze Reihe Audis, Mercedesse und BMWs.
Morgens beim Joggen sieht man wie auch in China jede Menge älterer Herrschaften, die ihr Tai Chi oder ihre Übungen machen, auch auf Sportplätzen mitten in der Stadt. Was ich nicht gesehen habe waren die älteren Damen abends, die in Kompaniestärke auf öffentlichen Plätzen ihr Aerobic machen, etwas, was man in Mainland China immer sieht und was stets ein Grund zur Freude ist.
Interessant ist, daß beim Blick vom Taipei 101 noch recht große Flächen mit relativ niedrigen Häusern, zT 2-3 stöckig, aber sogar 1-2 stöckig mit kleinem Garten, mitten in Taipei sieht.
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Ich habe das Gefühl, daß Taiwan, genau wie Deutschland, extrem von Manufacturing abhängig ist. Ich habe hier in Taipei allerdings noch keine Chipfabriken gesehen. Viele high-Tech Elektronikprodukte kommen ja aus Taiwan, zB die Acer Computer. Daher haben sie auch ausgeprägte Boom-Bust-Phasen, und es scheint, als hätte das internationale Kapital dieses 23-Millionen Einwohner Land noch nicht wirklich entdeckt. Das ist ganz anders in Singapore oder einige der anderen großen Städte an Chinas Ostküste.
Insgesamt kommen mir die Taiwanesen relativ umweltbewußt vor, Mülltrennung und Umweltschutz sind spürbar. Auch relativ hochwertige Geschäfte sieht man überall, zB gibt es um die Ecke ein Geschäft für Bösendorfer-Flügel und Pianos.
Ich habe das Gefühl, daß die Taiwanesen sehr geschäftstüchtig sind, es geht schon immer um high tech und ums Verkaufen, ähnlich wie bei uns in D, aber weniger extrem und ambitioniert als die Mainland Chinesen, zumindest in Shanghai. Auch ist das Leben weniger hektisch. Insgesamt sehe ich schon einen großen Nachholbedarf bei den Gebäuden - es ist doch manchmal erschreckend, wenn man ältere Gebäude neben den doch relativ wenigen Hochhäusern sieht. Wahrscheinlich ist es auch so, daß der ständige Regen und die Feuchtigkeit an der Gebäudesubstanz nagen. In Singapore sieht man ja ständig wuselnde Handwerkern am Ausbessern, Putzen, etc., dem ist hier nicht so.
Ich fühle mich sehr wohl hier, die Menschen riechen nicht so streng wie im ländlichen Mainland China, das Essen ist zT doch ein bisschen westlicher oder auch ein wenig japanisch, die Leute hier sind sehr nett und haben eine freundliche und humorvolle Art. Nicht ganz so stark wie bei den Koreanern, wo ich manchmal den Eindruck hatte, sie nähmen sich gar nicht ernst. Interessanterweise sehe ich relativ wenige Kinder hier. Das ist natürlich in China anders und auch ganz anders als in Korea. Die Taiwanesen sind sehr glücklich, wenn man "ihr Land" erwähnt, da die Mainland-Chinesen dieses nicht anerkennen und denken, Taiwan und seine Einwohner wären eine Provinz.
Im Dezember soll es Wahlen geben und es wird wohl eine Frau an die Regierung kommen. Diese will weiterhin auf Konfrontation mit Peking setzen, und sie möchte alle 4 Atomkraftwerke hier abschalten. Ziemlich radikale Wende zu "Sustainability" und "Green Energy". Das solle einige Gelegenheiten für deutsche Ausrüster und Maschinenbauer geben, die dann Maschinen für Solarfertigung und Windkraft liefern können. Habe schon die ein- oder andere Manz-Maschine hier gesehen.
Mein Besuch ist ja noch im Gange, ich werde mir einmal das Nationalmuseum anschauen, wo die ganzen Schätze aus der verbotenen Stadt in Peking vor den Kommunisten in Sicherheit gebracht wurden.
Eines habe ich auf jeden Fall gesehen: wenn ein Land eine relativ hoch entwickelte Infrastruktur hat und alles "ganz gut läuft", dann ist die Gefahr hoch, daß man auf diesem Stand stehen bleibt und die Modernisierung verpaßt. Die Taiwanesen sind ja bzgl. BSP pro Kopf, kaufkraftbereinigt, weltweit auf einem ähnlichen Niveau wie Deutschland, sie sind auch im sekundären Sektor tätig, aber mir fehlt etwas der Web/Internet/Softwareaspekt, sie sind doch irgendwie sehr hardware- und elektronik-lastig. Sie haben nicht den Bankensektor wie Singapore, daher sind die Exzesse und die Unterschiede nicht so groß, aber dafür ist das nicht so glänzend und shiny hier.
DT
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