Kleiner Reisebericht aus Taiwan (mT)

DT @, Donnerstag, 24.03.2016, 04:27 vor 3611 Tagen 7146 Views

bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 24.03.2016, 05:09

Dieses Mal hat es mich nach Taiwan verschlagen, ein hoch interessantes Land. Auch durchaus widersprüchlich und überraschend an manchen Ecken und Enden.

Mein erster Eindruck: hier ist es ziemlich relaxt, freundlich, sicher, nicht so ultrasteril und sauber wie in Singapur, nicht ganz so verlottert wie in Thailand, die Kontraste sind nicht so groß wie in den modernen Großstädten in Mainland China.

Was zuerst auffällt in Taipei, der Hauptstadt mit 2.3 Mio Einwohnern: wie wenige Hochhäuser es doch gibt. Durch Taipei 101, das vor noch nicht allzulanger Zeit einmal das höchste Haus der Welt war mit 508 m, dachte ich, Taipei sei ein ähnlich moderner Ort wie Shanghai oder Shenzhen oder Guangzhou. Aber es erinnert mich zu meiner Überraschung mehr an das Hongkong der frühen 1990er Jahre, noch vor der Übernahme durch China.

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Was man natürlich gesehen haben muß: die Aussichtsplattform des Taipei 101 und die 660 Tonnen schwere Kugel an Seilen aufgehängt im 88. Stock. Sie kann bis zu 1m hin- und herschwingen, wie zB am 8.8.2015, als ein Taifun der Windstärke 13 über Taipei hinwegfegte, oder bei einem 7.3 Erdbeben, was aber nur zu 10 cm Ausschlag geführt hat.

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Der Verkehr ist nicht allzu stark, selbst morgens in der Rushhour. Witzig: Taiwan ist das Land der Scooter, vor vielen Häusern stehen scooter, es stinkt aber nicht nach 2-Taktern wie im Budapest der 1980er Jahre, die haben wohl alle einen Kat. Die Scooter überholen die Autos an der Ampel und stellen sich vorne hin. Die Ampeln haben ähnlich wie in China einen Countdown, der runter läuft, und kurz vor Null drehen die Scooter schon auf, bei Null hört es sich an wie beim Start der Formel 1. Insgesamt ist die Luftverschmutzung jedoch sehr gering. Bis jetzt hat es die ganze Woche geregnet und ist ziemlich feucht und verhangen.

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Insgesamt sind die Taiwanesen besser erzogen als die Mainland-Chinesen. Sie sprechen nicht so laut, die Leute drängen sich nicht vor, die Ellenbogen kommen nicht zum Einsatz, und an einem Buffet kommt man sich nicht vor wie in Mainland China, wo man denkt, daß ausgehungerte Heuschrecken über die Speisen herfallen und unter den Getränkefässern immer eine klebrige Lache ist.

Ganz interessant: Geld wechseln auf der Bank dauert ewig. Das Land steckt, vielleicht ähnlich wie Deutschland, immer noch im letzten Jahrhundert fest. Auf der Bank wuseln Dutzende kleiner Chinesinnen umher, meine nahm tatsächlich einen Bleistift und ein Blatt und hat den Wechselkurs und die Gebühren ausgerechnet. Das ganze dauerte bestimmt 20 Minuten, bis 150 EUR in New Taiwan Dollar gewechselt waren. Es rattern die Matrixdrucker.

In der Metro, die sehr günstig ist (ca 60 cent pro Fahrt) und ziemlich modern und sauber (ist aufgeständert über den großen Straßen), sieht man wie überall in Asien die Leute auf ihre Smartphones starren.

Insgesamt kann ich ziemlich viele Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Taiwan erkennen. Das Land sieht insgesamt sehr runtergekommen aus, die Infrastruktur ist nicht mehr die beste. Die Toiletten sind aber in wesentlich besserem Zustand als in Mainland China. Insgesamt sieht man den Jahrzehnte-langen Einfluß von Japan, die Häuser haben mich ein bisschen an Japan erinnert, und auch Japan sieht nach Jahrzehnte-langer Ausplünderung durch die US Besatzer nicht mehr ganz frisch aus. Die Amis haben hier keine Airbase, aber nutzen ihre Base in Okinawa als Einflußsphäre gegen Mainland China.

Auch der Einfluß der US Konzerne ist anscheinend noch nicht so groß hier, man sieht nur wenig "Citibank", "Starbucks" und McD, dafür durchaus Allianz etc.

Auf den Straßen sind auch hauptsächlich japanische Autos unterwegs, aber auch eine ganze Reihe Audis, Mercedesse und BMWs.

Morgens beim Joggen sieht man wie auch in China jede Menge älterer Herrschaften, die ihr Tai Chi oder ihre Übungen machen, auch auf Sportplätzen mitten in der Stadt. Was ich nicht gesehen habe waren die älteren Damen abends, die in Kompaniestärke auf öffentlichen Plätzen ihr Aerobic machen, etwas, was man in Mainland China immer sieht und was stets ein Grund zur Freude ist.

Interessant ist, daß beim Blick vom Taipei 101 noch recht große Flächen mit relativ niedrigen Häusern, zT 2-3 stöckig, aber sogar 1-2 stöckig mit kleinem Garten, mitten in Taipei sieht.

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Ich habe das Gefühl, daß Taiwan, genau wie Deutschland, extrem von Manufacturing abhängig ist. Ich habe hier in Taipei allerdings noch keine Chipfabriken gesehen. Viele high-Tech Elektronikprodukte kommen ja aus Taiwan, zB die Acer Computer. Daher haben sie auch ausgeprägte Boom-Bust-Phasen, und es scheint, als hätte das internationale Kapital dieses 23-Millionen Einwohner Land noch nicht wirklich entdeckt. Das ist ganz anders in Singapore oder einige der anderen großen Städte an Chinas Ostküste.

Insgesamt kommen mir die Taiwanesen relativ umweltbewußt vor, Mülltrennung und Umweltschutz sind spürbar. Auch relativ hochwertige Geschäfte sieht man überall, zB gibt es um die Ecke ein Geschäft für Bösendorfer-Flügel und Pianos.

Ich habe das Gefühl, daß die Taiwanesen sehr geschäftstüchtig sind, es geht schon immer um high tech und ums Verkaufen, ähnlich wie bei uns in D, aber weniger extrem und ambitioniert als die Mainland Chinesen, zumindest in Shanghai. Auch ist das Leben weniger hektisch. Insgesamt sehe ich schon einen großen Nachholbedarf bei den Gebäuden - es ist doch manchmal erschreckend, wenn man ältere Gebäude neben den doch relativ wenigen Hochhäusern sieht. Wahrscheinlich ist es auch so, daß der ständige Regen und die Feuchtigkeit an der Gebäudesubstanz nagen. In Singapore sieht man ja ständig wuselnde Handwerkern am Ausbessern, Putzen, etc., dem ist hier nicht so.

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Ich fühle mich sehr wohl hier, die Menschen riechen nicht so streng wie im ländlichen Mainland China, das Essen ist zT doch ein bisschen westlicher oder auch ein wenig japanisch, die Leute hier sind sehr nett und haben eine freundliche und humorvolle Art. Nicht ganz so stark wie bei den Koreanern, wo ich manchmal den Eindruck hatte, sie nähmen sich gar nicht ernst. Interessanterweise sehe ich relativ wenige Kinder hier. Das ist natürlich in China anders und auch ganz anders als in Korea. Die Taiwanesen sind sehr glücklich, wenn man "ihr Land" erwähnt, da die Mainland-Chinesen dieses nicht anerkennen und denken, Taiwan und seine Einwohner wären eine Provinz.

Im Dezember soll es Wahlen geben und es wird wohl eine Frau an die Regierung kommen. Diese will weiterhin auf Konfrontation mit Peking setzen, und sie möchte alle 4 Atomkraftwerke hier abschalten. Ziemlich radikale Wende zu "Sustainability" und "Green Energy". Das solle einige Gelegenheiten für deutsche Ausrüster und Maschinenbauer geben, die dann Maschinen für Solarfertigung und Windkraft liefern können. Habe schon die ein- oder andere Manz-Maschine hier gesehen.

Mein Besuch ist ja noch im Gange, ich werde mir einmal das Nationalmuseum anschauen, wo die ganzen Schätze aus der verbotenen Stadt in Peking vor den Kommunisten in Sicherheit gebracht wurden.

Eines habe ich auf jeden Fall gesehen: wenn ein Land eine relativ hoch entwickelte Infrastruktur hat und alles "ganz gut läuft", dann ist die Gefahr hoch, daß man auf diesem Stand stehen bleibt und die Modernisierung verpaßt. Die Taiwanesen sind ja bzgl. BSP pro Kopf, kaufkraftbereinigt, weltweit auf einem ähnlichen Niveau wie Deutschland, sie sind auch im sekundären Sektor tätig, aber mir fehlt etwas der Web/Internet/Softwareaspekt, sie sind doch irgendwie sehr hardware- und elektronik-lastig. Sie haben nicht den Bankensektor wie Singapore, daher sind die Exzesse und die Unterschiede nicht so groß, aber dafür ist das nicht so glänzend und shiny hier.

DT

Vielen Dank für Deine interessanten Eindrücke! (oT)

Otto Lidenbrock @, Nordseeküste, Donnerstag, 24.03.2016, 08:21 vor 3611 Tagen @ DT 3401 Views

- kein Text -

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"Ich lege für den Fall meines Todes das Bekenntnis ab, dass ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwänglichen Dummheit verachte und mich schäme, ihr anzugehören."

Arthur Schopenhauer

Danke...und zwei drei Tipps

so_gesehen @, Donnerstag, 24.03.2016, 14:35 vor 3610 Tagen @ DT 4178 Views

Hallo DT,

vielen Dank für Deinen sehr zutreffenden Bericht.

Wenn Du auf der Suche nach den Produktionsstätten bist, dann mußt Du die Augen schon gut aufhalten, weil die Fabriken nicht immer als solche von außen zu erkennen sind.

Wenn Du mit der roten Linie der MRT Richtung Tamshui fährst, kommst Du an einigen kleinen "Fabriken" vorbei (in denen Stahl gestanzt oder Aluminium geschnitten wird) für die Produktion von Computer-Gehäusen.

Beruflich bin ich einmal im Jahr für eine Woche in Taipei und teile sehr viele Eindrücke mit Dir. Besonders die gastfreundlichkeit une Ehrlichkeit sind unvergleichbar.

In einem 7/11-Shop kannst Du getrost Dein Smartphone vergessen und nach zwei Stunden wieder kommen. In 99% der Fälle wird es immer noch da liegen, wo Du es vergessen hast odr es wurde dem Verkaufspersonal übergeben.

Als kleiner Tip : Einer der wuseligsten Nightmarkets (Shilin) liegt auch auf dem Weg der MRT nach Tamshui). Ein wirklich unvergesslicher Eindruck.

ABER ACHTUNG : Halte Dich vom stinky-Tofu fern. Der Geruch ist bestialisch - auch wenn die Kenner sagen : Es stinkt wie die Hölle und schmeckt wie der Himmel.

Leider weiß ich den Straßennamen nicht aus dem Kopf (finde den Weg dahin immer so), aber es gibt dort einen Sushi-Laden bei dem es total leckeres Sushi gibt und man zu zweit für umgerechnet 14.-€ durchaus satt werden kann (inkl. Vorsuppe).

Generell habe ich in Taiwan die Erfahrung gemacht, daß das Essen dort am besten schmeckt, wo die Taiwanesen selber auch hingehen. Ist der Laden voll, stell Dich oder geh hinein. Es gibt immer etwas Gutes dort.

Genieß Taiwan noch ein bißchen und schau Dir den Strand im Norden an. Ist sehr schön dort.

Hallo so-gesehen, (mT)

DT @, Donnerstag, 24.03.2016, 15:16 vor 3610 Tagen @ so_gesehen 4519 Views

bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 24.03.2016, 15:25

herzlichen Dank für die Tipps!

Leider bin ich jetzt schon auf dem Rückweg und konnte heute noch das unvergleichliche Nationalmuseum sehen. Zum Shilin-Market wollte ich, aber meine Tage waren irre voll, und leider hat mir auch das Jetlag etwas zu schaffen gemacht. Next time...

Im Nationalmuseum, wo ja die ganzen Schätze aus der verbotenen Stadt in Beijing lagern, hat mich vor allem die neolithische Abteilung ("Jade") beeindruckt.

Im Vergleich zu europäischen Gebrauchs-Steinwerkzeugen sind die chinesischen um so viel feiner gearbeitet. Interessant auch, wie so weit entfernt doch relativ parallele Entwicklungen statt gefunden haben. Die Chinesen hatten aber immer Löcher drin, um die Steinbeile und Messer am Holz festzumachen.

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Bis in die Zeit, in der bei uns schon die Kupfer- und Bronzezeit losging, 1200 v. Chr., haben die Chinesen mit ihren gut bearbeitbaren Jadevorkommen noch Steinwerkzeuge benutzt, die auch heute, nach über 3000 Jahren, immer noch scharf sind.

Besonders beeindruckend auch der Elfenbein-Ball mit sagenhaften 21 Kugeln, die von außen nach innen bearbeitet wurden und frei drehbar sind, mit Flächen, die höchstens 200 µm dick sind. Unglaublich. Und das ganze so filigran!

http://culture.teldap.tw/culture/culture/index.php?option=com_content&view=article&...

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Auch sehr eindrucksvoll: die Korallen im Taipei 101, mit Preisen bis z.T. über 1 Mio EUR (38 Mio NTD):

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Dort stand, der Preis von Korallen hätte sich in den letzten 20 Jahren ver-24-facht. Unglaublich! Eine Korallenkette, sehr schön feuerrot, für über 10000 EUR.

Dieser nationale Schatz hier, über 1400 Jahre alt (1 mm pro Jahr):

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DT

Vielen Dank! (oT)

Phoenix5, Donnerstag, 24.03.2016, 22:08 vor 3610 Tagen @ DT 2909 Views

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Vielen Dank DT! Wie immer interessant und gut beschrieben. LG (oT)

WhiteEagle @, Donnerstag, 24.03.2016, 22:41 vor 3610 Tagen @ DT 2825 Views

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Merci! (oT)

Broesler, Donnerstag, 24.03.2016, 23:13 vor 3610 Tagen @ DT 2813 Views

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Herzliches Dankeschön

Köpi @, Berlin, Donnerstag, 24.03.2016, 23:31 vor 3610 Tagen @ DT 2939 Views

Vielen Dank,

für diese persönlichen Impressionen aus anderen Erdteilen.
Ich lese und sehe mir die Fotos Deiner Reiseberichte immer gern an.

Da ich seit über 20 Jahren nicht weiter als bis nach Kiel-Schilksee gekommen bin, weiß ich das besonders zu schätzen.

Frohe Ostern
wünscht
der Köpenicker

Gruß von Formosa aus Formosa

Formosa @, Freitag, 25.03.2016, 04:43 vor 3610 Tagen @ DT 3162 Views

Hallo, DT!

Schön, dass Du Dich hier bei uns mal umschaust. Es gibt viel zu entdecken!

Ich selber lebe seit 17 Jahren hier und es gab einige Höhen und Tiefen.

Na ja, ich wollte Dich nur fragen, wann Du wieder abreist. Vielleicht kann man sich ja mal auf ein Bier treffen.

Gruß!

Vielen Dank auch von mir!

joep @, Freitag, 25.03.2016, 10:58 vor 3610 Tagen @ DT 2940 Views

Kann ich alles in deinem Bericht bestätigen.

Taiwan ist so ein Land, wo es nur selten westliche Besucher hin verschlägt. Die meisten Touristen sind Festlandchinesen - die erkennt man sofort (leider).

Aber das macht auch das Land interessant. Noch sehr chinesisch, nicht so verwestlicht. Und es gibt eine Menge guter Natur zum wandern, viel sehenswertes und wirklich super Essen. Ausserdem ist es ziemlich billig, mit Ausnahme der Hotels in Taipei. Hervorragender öffentlicher Nah- und Fernverkehr.

Nur eines hat mich verwundert: Geld wechseln in der Bank? Das gibt es noch? Ich mache das immer am Automaten, die stehen doch an jeder Ecke. [[freude]]

An Joep (mT)

DT @, Freitag, 25.03.2016, 19:03 vor 3609 Tagen @ joep 2896 Views

Hallo Joep,

natürlich hatte ich meine EC Karte (mit Maestro) probiert, wie normalerweise überall, aber der Automat tat's nicht. Das hatte ich schon ganz lange nicht mehr erlebt, ich weiß gar nicht mehr, wo.

Da dort am Automat direkt eine Bank nebendran war, ging ich halt rein, mach ich gerne, um mal zu testen, wie das so ist.
Keine Gebühren, fairer Umtauschkurs, und interessante Erkenntnis... Einen anderen Automat hab ich nicht ausprobiert.

Die Festlandchinesen, so gern ich sie mag, aber in Taiwan (vor allem im National Museum) nerven sie, müffeln ein bisschen muffig, man riecht es sofort, und sind etwas laut, wie Sizilianer. Im Museum laufen daher Ladies rum mit Schildern "keep your voice down" und "no photo".

Unten im Museum gabs dann eine post office und die haben mir dann auch wieder das Restgeld zurück gewechselt, auch mit fairem Umtauschkurs und ohne Gebühr. Von wegen Privatisierung macht alles besser - die Halsabschneider der Hintertanen (Western Union) oder ReiseBank, dort ist oft ein Spread von 10% plus Gebühr fällig.

Mir hat auch gefallen, daß man erst wenige US Ketten sieht, nicht viele Starbucks und McDonalds, auch nicht viele Klamotten-Ketten, auch am Airport gabs eher indigene Läden und nicht das übliche Sammelsurium.

Wie lange noch?

Gruß DT

Schöner Ansatz!

aliter @, Samstag, 26.03.2016, 06:06 vor 3609 Tagen @ DT 2741 Views

bearbeitet von unbekannt, Samstag, 26.03.2016, 12:18

Ein sehr schöner Bericht. Macht richtig Lust, das Land zu besuchen. Vielleicht könntest du was über (günstige) Flugverbindungen schreiben?
Übrigens lernen wir daraus: Ein Land von Amerikas Gnaden und nicht total amerikanisiert - geht offensichtlich doch!! Vielen Dank.

Wenn man dort lebt

Formosa @, Donnerstag, 14.04.2016, 10:12 vor 3590 Tagen @ DT 2554 Views

bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 14.04.2016, 11:13

Ich finde den Beitrag von DT recht gut, möchte diesen aber trotzdem ergänzen: Taiwan ist in der Tat ein interessantes Land und insofern widersprüchlich, weil es als eine kuriose Mischung aus 1. und 3. Welt erscheint: das Taipei 101, das einst höchste Haus der Welt, und nicht weit ab einfallende Holzhäuser und erbärmliche Wellblechhütten; die beste U-Bahn der Welt und Autos, die ohne Scherz mit Klebeband „repariert“ werden; Läden und Supermärkte, die rund um die Uhr ganzjährig geöffnet sind und Banken, die den Mief der Sowjetunion verbreiten; stinkreiche Leute, die nicht wissen, wie sie ihre Knete ausgeben sollen und alte Leute, die einem gierig Dosen, Plastikflaschen und Altpapier aus der Hand reißen, wenn der Müllwagen bzw. der Recyclinglaster kommt.

Da es keine öffentlich zugänglichen (nur in geschlossenen Wohnsiedlungen zu findenden) Mülltonnen gibt, kündigen sich die Fahrzeuge der Stadtreinigung übrigens mit Musik an, damit man sie nicht verpasst. Das ist eines der bizarrsten Erlebnisse für jeden Touristen. Beliebt ist seit vielen Jahren „Für Elise“. Es lebe Richard Clayderman!

Die Leute sind in der Tat zu westlichen Ausländern sehr freundlich, asiatischer Gastarbeiter möchte ich hier aber nicht sein. Gleichzeitig benehmen sich die allermeisten Taiwanesen so, als wenn sie ganz alleine auf dieser Insel wären. Wer das nicht glaubt, sollte mal auf einen von Menschen wimmelnden traditionellen Markt gehen. Am letzten Wochenende hätte innerhalb einer Minute eine Oma auf einem Mofa (!) erst fast meine Freundin angefahren und dann eine andere mir mit dem Lenker ihres Mofas fast die Plastiktüte mit dem Gemüse auf der Hand gerissen. Wenn man sie nicht anschnauzt, entschuldigen sie sich nicht. Es passiert in der Regel überhaupt nichts. Die Reaktion ist gleich null.

Entspannt ist die Atmosphäre eher im sehr dünn besiedelten Osten und im Süden. Was aber die Arbeitsbedingungen angeht, so trifft das nur auf eine kleine Minderheit der Beschäftigten zu. Die meisten Leute ackern ziemlich, schieben unbezahlte Überstunden und werden ausgebeutet. Das Konzept des Mannschaftsgeistes ist in einer streng hierarchischen, konfuzianisch geprägten weitgehend Unternehmens(un)kultur unbekannt.

Den meisten Besuchern fällt gleich auf, wie sicher Taiwan ist. Viele Studenten aus Ländern der Dritten Welt, z.B. Mittelamerika, wollen gar nicht mehr nach Hause. Wenn es in Europa so weitergeht, dürften noch einige vom alten Kontinent dazukommen, die für immer hier bleiben wollen.

Sauber? Das sind die Toiletten, gerade in der U-Bahn, und auch in den meisten Gastronomiebetrieben, ob groß oder klein. Davon kann sich Südeuropa eine dicke Scheibe abschneiden. Man sollte nur darauf gefasst sein, dass diese in den Restaurants oft auch als Abstellkammern genutzt werden. Andererseits werden riesige, fliegende Kakerlaken regelrecht gezüchtet, weil man Abfälle wie Melonen- und Bananenschalen ohne nachzudenken entsorgt. Schuld an dieser ekelhaften Plage, die auch vor den Wohnungen nicht haltmacht, ist natürlich nur das Wetter… Dazu fällt mir ein, dass ich wieder ein wenig deutsches Schabengift in meiner Bude verteilen sollte, zumal ich über einer Bäckerei wohne.

Die Luftverschmutzung hat sich tatsächlich sehr verringert und im Vergleich zu China ist hier jede Großstadt ein Luftkurort! Auf dem Lande allerdings verpesten noch viele alte Mofas die Umgebung. Doch wenn einem das heute auffällt, kann die Lage nicht mehr so ernst sein.

Da mich der Geldwechsel kaum betrifft und ich leider wenig Besucher begrüßen kann, war mir die umständliche Prozedur auf der Bank gar nicht aufgefallen. Aber ich würde es vehement abstreiten, dass das Land immer noch im letzten Jahrhundert feststeckt. Im 7-11, einer Kette von kleinen Supermärkten, die nicht eine Minute im Jahr geschlossen haben, kannst Du auch Päckchen abholen, Rechnungen bezahlen, Konzertkarten kaufen, usw.
Einheimische können dort sogar ihre Steuern bezahlen, zur Not auch mitten in der Nacht. Die gleichen oder fast alle Dienstleistungen des 7-11 bieten die Ketten der Konkurrenz, wie z.B. der Family Mart, an.
Welche Tankstelle bietet solch einen Service, wenn man dort zwischen 22 und 5 Uhr bald nicht mal mehr ein Bier bekommt?

Übrigens sind Ausländern auf den Finanzämtern stets Englisch sprechende, freiwillige Helfer behilflich und wenn man früh aufsteht, ist die ganze Prozedur inklusive Nachzahlung innerhalb einer halben Stunde erledigt. Wenn ich da so an die fast wissenschaftliche bundesdeutsche Steuererklärung denke…

Nicht nur deshalb sehe ich wenige Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Taiwan. Die Infrastruktur ist teilweise nicht mehr die beste, aber sie ist keinesfalls heruntergekommen. Außerdem wird ständig neu gebaut, so die U-Bahnlinie zum Flughafen, deren Inbetriebnahme sich leider erheblich verzögert hat. Das Problem ist eher, dass Chinesen mit jeder Art von Wartung Probleme haben (s. Klebeband und das sieht man praktisch jeden Tag). Deshalb, und nicht nur wegen der Grundstückspekulation, hat man auch die wunderschönen und sehr raumsparend gebauten japanischen Häuser größtenteils so vergammeln lassen, dass nur noch der Abriss blieb.

Insbesondere die Behauptung, der Einfluss der US-Konzerne sei anscheinend nicht so groß hier, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Zwar haben es einige nicht geschafft (z.B. Wendy‘s), doch gerade Starbucks und McDonalds sind sehr zahlreich vertreten. Coldstone und Häagen-Dazs erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit. Auch Corning, Microsoft, IBM, DuPont, Pfizer (der Hersteller von Viagra) sowie 3M sind schon lange mit Niederlassungen präsent.

Ob die Einheimischen eine humorvolle Art haben? Ich würde wagen zu behaupten, dass Chinesen generell keinen Sinn für Humor haben und das chinesische Wort für „Humor“ ist ein Fremdwort. Komiker wirken häufig überzogen-albern. Ein gutes Beispiel ist Chu Leliang mit seiner markanten Frisur.

Zu Koreanern kann ich nicht viel sagen, doch gelten sie generell als aggressiv, streitlustig und sehr nationalistisch. Das klingt nicht nach Scherzkeksen, die sich gar nicht ernst nehmen. Trotzdem sind ihre Seifenopern hier sehr beliebt.

Man sieht wirklich relativ wenige Kinder hier. Die Löhne stagnieren seit Jahren und deren Erziehung ist sehr kostspielig. Dafür dürfen sich die lieben Kleinen so ziemlich alles erlauben. Ganz wie die alten Leute, frei nach dem Motto: je oller, desto doller!

Bei den Wahlen im Januar ist in der Tat eine Frau, Dr. Tsai Ying-wen, mit fast 60% der Stimmen an die zukünftige Regierung gekommen und manche sprechen von einer taiwanesischen Angela Merkel. Oh Graus!

Die Behauptung, dass sie auf Konfrontation mit Peking setzen möchte, trifft dennoch nicht zu. Ihre Partei, die DPP, möchte nur den Schmusekurs mit China der noch bis zum 20. Mai regierenden KMT beenden und wieder verstärkt taiwanesische Interessen vertreten. Frau Tsai hat sich übrigens schon lange vor der Wahl mit den Kommunisten in Peking getroffen. Man mag sich nicht, aber man kennt sich immerhin! Also schauen wir mal!

So, das war es erst mal. Schade, dass ich DT hier nicht auf ein Bier einladen konnte. Na ja, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wer mal vorbeischauen möchte, kann sich gerne bei mir melden. Gruß an alle!

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