Mir scheint auch, hier wird vorsätzlich einiges an die Wand gefahren

stocksorcerer @, Sonntag, 20.03.2016, 12:06 vor 3616 Tagen @ DT 3181 Views

Hallo DT,

meine Tochter (im Mai 11) geht auf eine Realschule, die einen recht guten Ruf hat (ich weiß aber nicht, wie alt der Ruf schon ist).

Wir hatten überlegt, dass wir sie nicht auf ein Gymnasium geben wollten, weil ich sie nicht in verkürzter Zeit durchs Abi prügeln wollte; sie soll ordentlich lernen, aber auch noch Zeit für Karate und Freizeitaktivitäten haben.

Weil ich selbst Mitte der 70er Realschüler war und ich dann nach Qualifikation Gymnasium und Studium angeschlossen habe, hatte ich mit der "Realschule" nie ein Problem. Die Gesamtschule wollten wir meiden, weil unser Töchterchen die zweifelhafte Gabe hat, sich meist freundschaftlich an Vollidioten zu binden. Und da hatten wir dann doch zu viel Angst, dass sie statt über die gymnasiale Schiene plötzlich in der Sackgasse landen könnte.

Auch wenn die Wahl - gemäß der Noten (sie ist Zweitbeste der Klasse) - eine gute Entscheidung zu sein scheint - fliegt mir langsam das Blech weg. Der Sache sei geschuldet, dass die Klassenlehrerin operiert werden musste und deswegen acht Wochen ausfiel. Aber in der Zeit gab es auch ansonsten reichlich Vertretungen oder Unterrichtsausfälle - meine Tochter ist nun etwas über ein halbes Jahr auf der Schule und hat bereits den dritten Mathelehrer (der letzte ist natürlich der schlechteste in ihrer Wahrnehmung).

Was aber gar nicht geht, und darüber habe ich mich bereits mit einigen Eltern ausgetauscht und werde der Klassenlehrerin dies nach ihrer Rückkehr nach Ostern besprechen, ist, dass die Kinder jetzt rund seit zwei Monaten quasi GAR KEINE Hausaufgaben mehr aufhaben. In der Schule vorgestelltes Wissen wird also in keiner Weise durch Aufgaben gefestigt und dann am Ende lediglich in Arbeiten abgefragt. Wenn ich mir die Klassenspiegel anschaue, dann muss das Gerüst immer wieder angehoben werden, um eine "Normalverteilung" hinzukriegen. Es gibt also mit ein paar Fehlern noch immer eine Eins. Ich erinnere mich, dass ich - nach diesem System, vermutlich in den 70ern im Schnitt eine ganze Note besser gewesen wäre. Schräg, oder? Ich habe auch das Gefühl, dass man hier in den verschiedenen Schulzweigen keine überdurchschnittlichen Abschlüsse mehr erreichen will.

Wie sind denn die Erfahrungen von anderen Eltern?

Lieben Gruß
stocksorcerer

Bremer Blick

Rollo @, Bremen, Sonntag, 20.03.2016, 14:05 vor 3616 Tagen @ stocksorcerer 2983 Views

Hallo,
ich habe zwar keine Erfahrung aus Elternsicht, aber da meine Holde hier Lehrerin ist, erfahre ich den tagtäglichen Unsinn ziemlich hautnah.
1) Hausarbeiten.
Gibt es de facto so gut wie gar nicht. Oberschulen sind hier in der Regel Ganztagsschulen und gehen bis circa 15.30 Uhr. Da bleibt nicht mehr viel Zeit und es erspart auch etwaige Korrekturen.
2) Noten
Das Kollegium ist gehalten "brauchbare" Notenspiegel zu korrigieren.
Das führt zu unterschiedlichen Strategien:
Ein Teil des Kollegiums schreibt die Arbeit, stellt fest das der Schnitt nicht brauchbar wäre und erklärt die Arbeit zur "Probearbeit". 3-4 Tage später wird exakt die gleiche Arbeit eben nochmal geschrieben. Das Ganze geht so lange, bis der Schnitt "stimmt".
In anderen Fächern werden eben so viele Punkte verteilt, bis es passt.
Da in den Oberschulen das Sitzenbleiben abgeschafft wurde, ist die Bdeutung der Noten eh nicht mehr so hoch.
In jüngeren Klassen gibt es auch keine eigentlichen Noten mehr, sondern nur noch smilies.
3) Konsequenz
Im Moment spart man mit diesem System sicherlich einiges an Geld.
Längerfristig stehen uns diverse Deppen bevor.
Da hier bei uns der Anteil der H4-Bezieher bzw. der prekär Beschäftigten besonders hoch ist, wird das nicht weiter auffallen.

Die Zielvorgabe ist eine höhere Abiturientenquote!

Kaladhor @, Münsterland, Sonntag, 20.03.2016, 14:19 vor 3616 Tagen @ stocksorcerer 3020 Views

Tja, und wenn man diese Ziele eben nicht durch mehr qualifizierte Schüler erreichen kann, dann muss man eben die Anforderungen absenken, und das über sämtliche vorhandenen Schulformen hinweg. Man konnte sehr gut beobachten, wie im gleichen Maße der Hauptschulabschluß immer weiter entwertet wurde, während die Zahl der Abiturienten stieg. Aber scheinbar reichen die erreichten Quoten noch immer nicht aus, nur ist eine weitere Absenkung der Bildungsqualität nicht mehr so ohne weiteres möglich gewesen, weswegen mittlerweile viele Haupt- und Realschulen zu diesen unsäglichen Sekundarschulen fusioniert und nebenher noch mehr Gesamtschulen aus dem Boden gestampft wurden. Auch die Einführung des verkürzten Abis ist hier ebenso einzuordnen wie die "Reform" der deutschen Rechtschreibung.

Ach, noch eine Anmerkung zu diesen Abiturientenquoten: Die stammen von der OECD, und da hatte man in den 90ern festgestellt, dass Deutschland im Verhältnis zu seiner Gesamtbevölkerung doch ganz massiv "zurückhängt", und das ist ja ein viel zu großer Gesichtsverlust gewesen (Ich frage mich immer noch, für wen eigentlich).

Übrigens, das ist auch einer der Gründe, warum die Studiengänge in Deutschland in dieses Bachelor/Master-System umgewandelt wurden. Die nach außen hin transportierten Begründungen (u.a zu lange Regelstudienzeiten) waren dabei eigentlich nur eine einfache Maskerade. Auch hier gab es mehr oder weniger eine Absenkung der Anforderungen, und heutige Abiturienten wären schlicht nicht in der Lage, einen Diplom-Studiengang erfolgreich abzuschließen. Denn im Gegensatz zu den Bachelor-Studiengängen reicht bei den Diplom-Studiengängen ein stumpfes Auswendiglernen einfach nicht aus, um Klausuren und Prüfungen bestehen zu können, sondern man musste die gesamte Thematik auch wirklich verstanden haben und somit in die Lage versetzt worden sein, dieses Wissen selbständig bei neuen Problemen anzuwenden. Beim Bachelor ist das eher nicht der Fall.

Gruß,
Kaladhor

--
Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts, ich kann noch selber denken!

Es gibt also mit ein paar Fehlern noch immer eine Eins. WOW!

SevenSamurai @, Sonntag, 20.03.2016, 15:58 vor 3616 Tagen @ stocksorcerer 2698 Views

Es gibt also mit ein paar Fehlern noch
immer eine Eins.

ECHT???

Ich kann mich an meine Schulzeit auf dem Gymnasium erinnern.

Ein halber Fehler, also bei Sprachen z.B. ein Akzentfehler, gab eine 2+. EIN ganzer Fehler gab eine 2.

Bei Mathe war es ähnlich streng.

Nicht zu fassen, dass man trotzdem gegenüber heutigen Schulabgängern beruflich keine Chance hat.

WAS wollen die Personalchefs???

--
Zitat des Jahres: "We have put together I think the most extensive and inclusive voter fraud organization in the history of American politics."

It's a big club, and you ain't in it.

zum Abi

Dieter, Sonntag, 20.03.2016, 16:46 vor 3616 Tagen @ SevenSamurai 2894 Views

Nicht zu fassen, dass man trotzdem gegenüber heutigen Schulabgängern
beruflich keine Chance hat.

WAS wollen die Personalchefs???

Ich denke, sie wissen durchaus, daß ein mittelmäßiger Abiturient meist nicht viel mitbringt. Vielleicht bevorzugen sie ihn weil er jung und anpassungsfähig ist.
Persönlich hatte ich die Erfahrung gemacht, daß erstklassige Realschüler intelektuell weitaus mehr drauf hatten als mittelmäßige Gymnasiasten.
(Meine letzten Beobachtungen sind allerdings schon 10 Jahre her in NRW)

Früher gab es in unserer Region mal eine weiterführende Schule für Realschüler und abgehende Gymnasiasten zur Erlangung eines Fach-Abis, bei der es so aussah, daß jedem Schüler zu Anfang gesagt wurde, es sei üblich, von den 4 Parallelklassen nach einem 1/2 Jahr eine komplette Klassengröße aufzulösen und nach 1 Jahr nochmals die Anzahl Schüler einer kompletten Klasse nachhause zu schicken, sodaß max. 50% der Schüler ihr Fachabi erreichten. (Es waren übrigens auch nicht mehr Klassenräume zur Verfügung)
Diese Schule hatte übrigens ein ausgezeichneten Ruf.

Das Prinzip war so ganz anders, als es die SPD-Grünen-Bildungsminister(innen) in NRW praktizier(t)en

Gruß Dieter

Tu dem Kind einen Gefallen und schicke es aufs Gymnasium, das andere ist heute eine Sackgasse.

Olivia @, Donnerstag, 24.03.2016, 17:39 vor 3612 Tagen @ stocksorcerer 2165 Views

bearbeitet von unbekannt, Donnerstag, 24.03.2016, 17:49

Was aber gar nicht geht, und darüber habe ich mich bereits mit einigen
Eltern ausgetauscht und werde der Klassenlehrerin dies nach ihrer Rückkehr
nach Ostern besprechen, ist, dass die Kinder jetzt rund seit zwei Monaten
quasi GAR KEINE Hausaufgaben mehr aufhaben. In der Schule vorgestelltes
Wissen wird also in keiner Weise durch Aufgaben gefestigt und dann am Ende
lediglich in Arbeiten abgefragt. Wenn ich mir die Klassenspiegel anschaue,
dann muss das Gerüst immer wieder angehoben werden, um eine
"Normalverteilung" hinzukriegen. Es gibt also mit ein paar Fehlern noch
immer eine Eins. Ich erinnere mich, dass ich - nach diesem System,
vermutlich in den 70ern im Schnitt eine ganze Note besser gewesen wäre.
Schräg, oder? Ich habe auch das Gefühl, dass man hier in den
verschiedenen Schulzweigen keine überdurchschnittlichen Abschlüsse mehr
erreichen will.

Wie sind denn die Erfahrungen von anderen Eltern?

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Hallo,

leider kannst Du deine Schulzeit in der Realschule nicht mehr mit der heutigen Realschule vergleichen. Es gibt wohl auch Ansatze, die Realschule verschwinden zu lassen und mit der Hauptschule zu verschmelzen. Beide gehen bis zum 16. Lebensjahr, die Hauptschule bietet zumindest in Bayern noch einen Quali.
Ich war im Elternbeirat des Gymnasiums meiner Tochter. Die Direktorin erzählte uns, dass sie früher Deutschlehrerin war und die Arbeiten von 20 Jahren im Keller archiviert hat. Einige Zeit vor unserem Gespräch suchte sie wohl etwas und beschäftigte sich mit den Arbeiten. Ihre Aussage dazu: Die Schüler, die vor 10 Jahren das Abitur machten, hätten das Abitur vor 20 Jahren nicht geschafft und die Abiturienten, die das Abitur "heute" machen, die schaffen die Arbeiten von vor 10 Jahren nicht mehr.

Das "Abitur" wird also auch stückchenweise "angepaßt". Heute haben wohl bereits über 50 % aller Schüler "irgend eine" Art von Abitur. Diese "Masse" erreicht man nur, wenn man "drastische" Abstriche macht. Das wird sich fortsetzen. Dazu kommt noch, dass das Abitur in den einzelnen Bundesländern ganz unterschiedliche Leistungen beinhaltet.

So wollte sich z.b. meine Tochter von einem berliner Freund (Leistungsfach Mathe) einige Mathe-Aufgaben des bayerischen Gymnasiums erklären lassen (kein Leistungskurs, sondern nur das reguläre Abi). Der bemühte sich sehr, konnte das aber selbst nicht lösen.
Meine Schwester hat in NRW die Kinder auf ein konfessionelles Gymnasium geschickt, weil die als "besser" galten als die üblichen Gymnasien. Und meine andere Schwester hat ihre Tochter von der dortigen Monetssori-Schule nehmen müssen, weil die dort "überhaupt nichts" gelernt hat. Sie hat es gerade noch rechtzeitig gemacht, so dass die ihr "Abitur" an einer "normalen" staatlichen Schule machen konnte.

Wichtig: In allen Bundesländern (außer Bayern und ich glaube Sachsen) haben die Schüler mit Abschluß der 12. Klasse automatisch das Fachabitur (falls die Abiprüfung nicht klappen sollte). Dies mußte eine Freundin meiner Tochter sehr schmerzlich erfahren. Die hatte nämlich die 12. Klasse bestanden, das Abi aber nicht und in Bayern wurde ihr das nicht als Fachabitur anerkannt.

Erkundige Dich ein bißchen, was den Schülern nach welchem Abschluß offen steht. Wenn sie in der Schule gut ist, dann lasse sie BITTE unbedingt auf das Gymnasium gehen. Du gibst ihr mehr Chancen. Und Karate etc. kann sie trotzdem noch machen. Die anderen haben auch noch Hobbies. Aber interessiere Dich für das was sie in der Schule macht und zeige ihr, dass du ihr Engagement und ihr Interesse schätzt. Die deutschen Bücher sind sehr gut. Besser als alles andere, was ich mir im Zusammenhang mit der Ausbildung meiner Tochter angeschaut habe.

Aber leider ist es so, dass man in D nur noch das Gymnasium als "Schule" bezeichnen kann. Und das auch noch nicht einmal in jedem Stadtteil. Das entwickelt sich genauso wie in den USA. Schau Dir die Schule an, in die sie gehen kann und engagiere Dich im Elternbeirat. Dann bekommst Du die Probleme an der Schule mit und kannst zumindest einen gewissen "Einfluß" nehmen. "Wir" haben z.B. darauf geachtet, dass die Kinder und Jugendlichen von den entsprechenden Stellen bei der Polizei über "Internetkriminalität" und "Drogenkriminalität" aufgeklärt wurden und zwar sehr genau. Die konnten Fragen stellen und sehr genau nachfragen. Meine Tochter erwähnt das immer mal wieder, dass ihr das "geholfen" hat.
Auch die Berufsschule ist in vielerlei Hinsicht bereits eine Katastrophe, weil die Leute teilweise noch nicht mal mehr schreiben und lesen können. Das wird sich nicht bessern, sondern verschlechtern.

Vor zwei Tagen sagte mir meine Tochter, dass sie im nachhinein immer noch sehr froh darüber ist, dass sie in ihrer Schule ALLE in Fächern wie Deutsch, Geschichte, Sozialkunde etc. sehr intensiv und heftig miteinander diskutiert haben und dass es dort immer "rund" ging. In der Pause waren dann wieder alle friedlich und ruhig. Das sei einfach toll gewesen, dass man sich so "auseinander setzen" konnte. Ich habe das zum ersten Male von ihr gehört. In der Berufsschule haben sie die Jugendlichen völlig anders behandelt. Da ging es ums "Parieren".

NOCH stehen Deiner Tochter mit dem Abitur ALLE Möglichkeiten offen. Wenn sie ein Mädchen ist, das gerne lernt und wissbegierig ist, dann gib ihr die Chance!

--
For entertainment purposes only.

Vielen lieben Dank für Deine ausführliche Antwort ;)

stocksorcerer @, Donnerstag, 24.03.2016, 19:07 vor 3611 Tagen @ Olivia 1959 Views

Wir werden mal in medias res gehen und schauen, was wir tun. Danke für Deine Einblicke. Das war sehr nett.

Lieben Gruß
stocksorcerer

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