Glyphosat als Wirtschaftstiefenindikator

nvf33, Mittwoch, 02.03.2016, 14:51 (vor 3633 Tagen) @ Domac2731 Views

Hallo Domac,
Glyphosat ist m.E. sehr aufschlussreiches Thema, vielen Dank für Deinen Hinweis hier darauf. Ich glaube man kann sehr viel daran lesen.

Da ich vermute, dass einigen hier nur ungefähr geläufig ist, wozu Glyphosat eingesetzt wird, kurz zur Erläuterung: Glyphosat wirkt als ein Herbizid, weil es sich in lebende Blätter biologisch integrieren kann, und dabei zum Absterben der Blätter führt. Das wird logischerweise zur Unkrautbekämpfung eingesetzt, aber eben auch beim Getreidenanbau, wo man an einem homogenen Durchtrocknungsgrad der Ähren interessiert ist.
Den erreicht man sehr leicht, wenn man alle Halme gleichzeitig absterben und vertrocknen lässt, z.B. sehr wirksam, indem man Glyphosat auf die Pflanzen sprüht.
Dass man nun einen Stoff, der Blätter schnell tötet eben nicht unbedingt verzehren möchte, dürfte einleuchten.

Allein, man tut es trotzdem, weil es so schön praktisch ist.
Wir leben in einem Zeitalter, indem man nur gerne Dinge tut, die sich innerhalb des eigenen Horizontes lohnen. Für den Ackerbau bedeutet das, dass wir dort Dinge bevorzugen, die kurzfristig mehr Ertrag geben als wir, die also nicht auf Selbsterhalt, sondern auf Expansion ausgerichtet sind, ohne das wir das direkt mitbekommen. Die Natur macht so etwas nun nicht von selbst. Sie macht es nur dann, wenn wir "nachhelfen". Das geht zwingend mit einer Erschöpfung des Ackerbodens einher.

Hochinteressant ist dabei die Preisentwicklung eines Hektars Ackerland, z.B. Sachsen-Anhalt. Der Preis hat sich dort seit Anfang der 1990er Jahre verzwanzigfacht(!), von etwas über 1000 Mark 1992 auf über 15.000€ heute. Nun gut, inflationsbereinigt mag es etwas weniger sein, aber es ist massiv mehr, als sich z.B. der Preis für Weizen erhöht hat seitdem. Das zeigt ebenfalls die Irrationalität in Sachen Landwirtschaft.

Die Tatsache, dass man Glyphosat in Bier gefunden hat, halte ich dabei für wenig überraschend, etwa so, wie man auch Spuren von Nüssen in Kartoffelchips finden kann, oder wie man überall ein Natriumlinie im (optischen) Spektrum hat, auch wenn kein Natrium sonst zu finden ist. Wenn man Glyphosat im Freiland ausbringt, dann ist es potentiell auch in allen Produkten nachweisbar, die auch im Freiland stehen. Äcker sind keine Hochreinräume.
Vor diesem Hintergrund bewerte ich die Funde des Umweltinstitutes als wenig überraschend.

Ich denke, man kann an der Agrarpolitik am deutlichsten ablesen, wie es um unserer Kultur und ihren Bezug zum ernährenden Untergrund bestellt ist.
Glyphosat ist dabei ein schönes-schreckliches Beispiel, wo eine charakterlich-kulturelle Nachlässigkeit sich den Weg zu einem handfesten Irrsinn gebahnt hat. Sein Einsatz im Weizenbau ist etwa so klug, wie der scherzhafte Spruch aus der Ölbranche zu hohem Preisniveau: Wenn einem kalt ist und man sich in die Hosen macht, dann wird zwar warm, aber hilft das wirklich?

Ein weiteres Beispiel ist die Umstrukturierung von Bauernhöfen in LPGs früher in der DDR und heute in Agrarunternehmen dank EU-Subventionen. Klar bringt das erstmal Knete. Aber eben nicht nachhaltig.

Meiner Vermutung nach hat die Beschleunigung der Weltwirtschaft viel damit zu tun, dass man den schwarzen Peter nicht mehr so gerne halten will, aber jeder fürchtet, ihn schon zu halten. Wir werden da um die Grundfragen nicht herumkommen, egal wie schnell wir unser Hirn zentrifugieren. Wie wir mit der Spannung umgehen, mehr zu wissen und zu ahnen, als wir unmittelbar brauchen oder vermeintlich verkraften können, das ist die wirkliche Frage hinter dem gegenwärtigen Irrsinn. Ohne dosierten Kontrollverlust wird da vermutlich wenig verwärts gehen (siehe z.B. auch hier
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=393652)
Das Forum hier zeigt diese Ausschläge ja bereits, und das halte ich für sehr gesund.
Oder wer es etwas amerikanischer mag, aus dem Film "The Big Short":

Truth is like poetry. Most people fucking hate poetry.

Viele Grüße
nvf33


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