Hallo MI,
das, was für Amerika 9/11 …
Die Vernichtung – der Tod – der Doppeltürme bedroht den Westen mit seiner kapitalistischen Rationalität – sie ist seine Kehrseite. Ihr symbolischer Ereignischarakter und ihre Unvorhersehbarkeit – der unmittelbare choc und sozusagen das punctum – stellen für die westliche Welt eine wahre Herausforderung dar, die sich ihrer Vernunft entzieht. Man sucht den Grund für die Ereignisse in der ökonomischen Lage der Dritten Welt, in religiösen Motiven, im imperialen Auftreten der westlichen Welt und so weiter. Die symbolische Gabe des Todes lässt sich aber im Realen nicht beantworten und rückgängig machen, weil es für sie keine symmetrische Gegengabe gibt. Die Zusammenbrüche, denen man zuerst ratlos gegenübersteht, beantworten die USA, die von zwei Weltmeeren umgeben sind, militärisch mit einer Orgie des „war on terror“, der aber zum Scheitern verurteilt ist. In
http://www.n-tv.de/wirtschaft/Der-unheimliche-Boom-der-Waffenbranche-article16769706.html
wird ehrlich formuliert: „Jeder Schuss, jeder Militäreinsatz macht ein Investment für Anleger lukrativer.“ Damit gewinnen die Staaten wenigstens Zeit – der Kapitalismus innerhalb des Debitismus ist ja ein Phänomen der Zeitgewinnung und Zeitüberbrückung – und zusätzliche Besicherungen für die Staatsfinanzierungen.
…war, ist für Europa die Völkerwanderung.
Die Völkerwanderung nach Europa entwickelt sich im Bewusstsein der Menschen nur langsam zu einem choc, da sie gedehnt und gestreckt auf der Zeitachse abläuft. Die Medien, die ja Teil des Machtsystems sind, produzieren eine „gigantische Abreaktion auf das Ereignis“ und eine „Faszination“, wie es in den deutschen Reaktionen zum Ausdruck kommt. Wir sind im Simulakrum der 3.Ordnung, in der es keine Differenzen zwischen Wahrheit und Lüge, politisch links und rechts, schön und hässlich gibt. Damit wird der Begriff der „Lügenpresse“, von dem viele nicht lassen können, hinfällig. Aus dem medialen Spektakel der permanenten Ereignisse längs der Zeitachse werden Ereignisse des permanenten medialen Spektakels. Das zeigen ja auch die vorherrschenden Einträge im Gelben Forum – jenseits von Börse, Wirtschaft und Schulden. Dabei ist das Verhältnis zwischen Macht und Masse durchaus ambivalent. Niemand kann laut Baudrillard sagen, „wer heute der Sieger ist: die von der Macht über die Massen ausgeübte Simulation oder die umgekehrte Simulation, in der die Massen die Macht versinken lassen.“ Die Medien füttern die Massen, von denen überhaupt kein Sinn, sondern lediglich ein Spektakel nachgefragt wird, und diese gieren konsequent nach immer mehr, mehr und mehr – woraus sich eine Panik-Epidemie entwickelt. Ob Massen oder Medien ist inhaltlich egal.
Der Inhalt, der im obigen Artikel verlinkt wird, gilt auch in der europäischen Situation – sowohl für die Staaten als auch für die Privaten. Nach fünf nicht aufgeklärten Einbrüchen bei zwei direkten Nachbarn innerhalb weniger Jahre mit den entsprechenden Verwüstungen wurde das eigene Haus auch zusätzlich gesichert – wir wollen es nicht von fremden Leuten durchsuchen lassen. Das dient ja auch dem Zwang zum Wirtschaftswachstum und mit den zusätzlichen Steuern der Besicherung der zukünftigen Verschuldung. We have done our best.
Im 3.Jh. n. Chr. weideten die Kühe im Forum Romanum und die römische Stadt Trier zerfiel in verfeindete und sich befehdende Dörfer. Ähnliches wird sich verstärkt auch in deutschen Großstädten ereignen, wenn in verschiedenen Stadtteilen unterschiedliche Ethnien mit ihren eigenen Vorstellungen leben. „No go areas“ sind auch nur Formen von „Gated Communitys“.
Den USA gelingt es, die Folgen ihres „war on terror“ – die Verwüstung im islamischen Bogen – zu externalisieren, während Deutschland sie als Völkerwanderung internalisieren muss. Chapeau – gut gemacht vom Imperium! Es geht immer irgendwie weiter – die Zustände in der Ostukraine, in Mexiko und im islamischen Halbbogen sind halt zukunftsfähig. Die Balkanisierung Deutschlands schreitet unaufhaltsam voran und Europa wird vom hohen Ross der angeblichen Überlegenheit seiner Werte, die ja mittlerweile nur als Kampfbegriff dienen, herabgestoßen.
Aber auch für Deutschland gilt, was Joachim Fest über Sizilien im Hinblick auf die italienische Geschichte schreibt: „ … Die Verschmelzung ist das Genie Italiens: Zuerst kamen die Dorer und die Phönizier, dann griechische Tyrannen, Rom, die Normannen, 2000 Jahre lang – ein ständiges Auf und Ab der Geschichte. Auch von Italien fühlt es sich erobert …“. Die Kathedrale von Syrakus entwickelte sich aus einem Athena-Tempel zu einer christlichen Basilika, die im 18.Jhd. mit einer Barockfassade versehen wurde. Während der islamischen Herrschaft über Sizilien war sie für 250 Jahre eine Moschee. Die 1000jährige föderale deutsche Geschichte kann auch nur aus den Geschichten der unterschiedlichen deutschen Stämme und Ländern verstanden werden. In der Gegenwart kommen jenseits aller oberflächlichen Aufgeregtheiten und vordergründigen Betrachtungen neue Ethnien dazu – well, so what, wo liegt das Problem? Die Konflikte werden eben ausgetragen und ausgekämpft. Sieh Dir die historischen Verwerfungen in der europäischen Geschichte der letzten Jahrhunderte an!
Der Debitismus von Paul C. Martin und die Ideenwelten von Jean Baudrillard, dessen Gedanken vielleicht „unlesbar, wenn man nicht hartnäckig gegen ihn mitdenkt“(Josef Ramscher) und nur mit Mühen nachzuvollziehen und deshalb im Forum nicht wohlgelitten sind, erzeugen Gelassenheit, Ruhe und Distanz zum Geschehen. Es hat auch mit individuellen Lebenserfahrungen zu tun, dass für mich der Satz: „…, dass man nicht gegen die Krisen leben darf, man muss sie nicht bewältigen wollen, sondern sich in ihnen einrichten…“ gilt.
Das bedeutet für mich, dass ich nur davon ausgehe, wie es mir geht – alles andere ist Quatsch.
Gruß Ostfriese
Quelle: Joachim Fest – Im Gegenlicht: Eine italienische Reise, Sizilien und Neapel